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Presseschau


Blatter untragbar, ausser für die FIFA


Von Andreas Keiser


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Die Schweizer Presse ist sich einig: Die Verantwortung für den Korruptionssumpf bei der FIFA trägt deren langjähriger Boss Sepp Blatter. Doch seine Wiederwahl für eine weitere Amtszeit sei absehbar, und seine Machtfülle habe mit der gestrigen Verhaftung von sieben FIFA-Spitzenfunktionären noch zugenommen.

Stellt sich am Freitag als einziger aussichtsreicher Kandidat zur Wiederwahl: Sepp Blatter. (Keystone)

Stellt sich am Freitag als einziger aussichtsreicher Kandidat zur Wiederwahl: Sepp Blatter.

(Keystone)

"In keiner anderen Geschäftswelt wäre Blatter noch tragbar. Bei der FIFA aber darf er jetzt den Erneuerer spielen. Ab morgen Freitag vermutlich als Präsident für weitere vier Jahre an deren Spitze. Das sagt alles über diesen Verband", schreiben Der Bund und der Tages-Anzeiger.

"Er muss gehen", steht in grossen Buchstaben auf der Front des Westschweizer Le Matin, und der Blick titelt: "Es reicht, Herr Blatter!". Es sei an der Zeit, dass Blatter die Konsequenzen aus all den Skandalen der vergangenen Jahre ziehe und zurücktrete, fordert Le Matin ohne Wenn und Aber.

Unter seiner Führung habe sich die FIFA zu einem "Feudalsystem" entwickelt, so der Blick. Doch gebe es keine einfache Antwort auf die Frage, ob der gestrige Tag mit den sieben Verhaftungen in Zürich ein guter Tag sei für den Fussball, "ein Indiz dafür, dass die Reformbemühungen der FIFA greifen". Oder: "Ist es der Tiefpunkt der Fussballgeschichte? Der endgültige Beweis, wie korrupt das System FIFA ist?"

Imageschaden ist gross

Blatter sei erst nach 2010, also nach "der Witzvergabe der WM-Endrunde nach Katar aufgewacht" und habe Reformen eingeleitet. "Zu spät, das FBI ermittelt längst", schreibt der Blick und folgert: Blatter sollte "den Weg frei machen. Zu gross ist der Imageschaden, zu viel Geschirr ist zerschlagen".

Es sei "kein Zufall", dass ausgerechnet kurz vor dem FIFA-Kongress in Zürich "innert weniger Stunden gleich zwei Petarden gezündet wurden", diagnostiziert die Neue Zürcher Zeitung. "Man wusste es doch: Die FIFA ist nur ein widerlicher Haufen von Leuten, die unentwegt in die eigenen Taschen wirtschaften. Oder?"

Doch sei Skepsis angebracht, so das Blatt, denn es gehe auch um Inszenierung und darum, dass der "Widerhall besonders gross" ausfalle, wenn "Heerscharen von Medienvertretern aus aller Welt vor Ort sind", wie das in diesen Tagen wegen des FIFA-Kongresses der Fall sei.

Logische Schritte

"Bei nüchterner Betrachtung muss man allerdings sagen, dass der Überraschungswert nicht eben hoch ist", schreibt die NZZ. Sie erinnert mit Blick auf die Verhaftung von sieben Funktionären wegen Verdacht auf Korruption und Geldwäscherei daran, dass "wesentliche Fakten und Namen bereits im 113-seitigen Untersuchungsbericht zu finden" gewesen seien, den die Integritätskommission des Nord- und Zentralamerikanischen Fussballverbandes (Concacaf) im April 2013" publiziert habe. "Hier erstaunt höchstens der Umstand, dass die amerikanischen Behörden so lange mit dem Zugriff warteten."

Im Fall der vermuteten Unregelmässigkeiten bei der WM-Vergabe nach Russland und Katar habe die FIFA im November selber bei der schweizerischen Bundesanwaltschaft Strafanzeige eingereicht. Dass diese "nun eine Untersuchung eröffnet und Gespräche mit zehn Fifa-Exekutivmitgliedern führt, ist der logische nächste Schritt".

Clever agierender Sonnenkönig

Die FIFA werte die "jüngsten Vorfälle als positiv ,weil diese ihre Bemühungen für mehr Glaubwürdigkeit stützten" schreibt die NZZ und stellt fest: "Da ist der Wunsch Vater des Gedankens. Denn was auch immer am Donnerstag und Freitag am FIFA-Kongress beschlossen wird: Alles wird im Lichte der Ereignisse vom Mittwoch erscheinen – und die Fifa noch stärker im Ruch der Korruption stehen."

Das werde auch die "absehbare Wiederwahl Blatters negativ färben. Doch mit diesem Kollateralschaden muss er leben, schliesslich trägt er die Verantwortung für jene Kultur, die er in seiner überlangen Amtszeit zumindest geduldet hat".

Die Freiburger La Liberté schlägt ein Panini-Album mit den der Korruption verdächtigten FIFA-Funktionären vor. "Die Amerikaner hätten keinen besseren Moment wählen können, um diese hohen Funktionäre zu fassen, als zwei Tage vor der Wahl des Präsidenten."

"Die dunklen Wolken, die über dem FIFA-Hauptsitz auf dem Zürichberg aufgezogen sind, werden sich schnell verziehen", prognostiziert die Südostschweiz, denn: "Just in der Stunde des grössten Skandals des Weltfussballverbandes zeigte sich, wie clever ausgerechnet die FIFA und ihr Sonnenkönig agieren. Statt sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen und abzuwarten, gingen sie in die Offensive. Sie hätten den Skandal mit einer Anzeige selbst ausgelöst. Sie würden mit den Behörden kooperieren."

Weggefährten riskieren Gefängnis

Blatter sei "ein schlauer Mann" und wehre seit Jahren "Angriffe auf seine Position erfolgreich ab. Mit dem gestrigen Tag ist Blatters Macht sogar grösser geworden", denn die "Personen, die von den Schweizer Behörden im US-Auftrag dingfest gemacht wurden, gehören primär dem gegnerischen Lager an. So komisch es klingen mag, Blatter ist kein Verlierer, sondern ein Gewinner.", bilanziert die Südostschweiz.

Der 79-jährige Walliser Joseph Blatter sei "amtierender Weltmeister im Aussitzen von Krisen", schreibt die Basler Zeitung. "In jedem anderen Unternehmen hätte Blatter längst den Hut nehmen müssen. Weil er als Chef über einer Organisation thront, die jede Glaubwürdigkeit längst verspielt hat."

Doch Blatter wolle seine Macht erhalten und werde deshalb das tun, "was er immer tut, wenn Gefahr naht. Er preist sich im Plenum als Krisenmanager. Vielleicht muss er noch pro forma ein paar Mitarbeiter entlassen. Aber selbst in der Stunde der grössten Not holt er für sich das Beste heraus, während seine einstigen Weggefährten nun den Gang ins Gefängnis fürchten".

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