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Regenbogen-Nation schliesst zur Weltweinspitze auf


Weine aus Südafrika liegen in Europa im Trend. Auch die Schweiz kann vom Weinberg der Guten Hoffnung profitieren.

Die zehn Jahre junge südafrikanische Demokratie hat nicht nur in der Politik, sondern auch im Weinbau einen erfolgreichen Weg zurückgelegt.

Seit Nelson Mandela 1994 als erster schwarzer Präsident des Landes vereidigt und der Apartheid-Boykott hinfällig wurde, hat sich Südafrikas Weinexport von 51 Millionen (1994) auf 235 Millionen Liter (2003) fast verfünffacht. 425 Güter im Lande produzieren fast 4000 verschiedene Weine.

Südafrika hat mit guter Qualität seinen Platz auf dem Weltmarkt gefunden. Mehr noch: Langsam aber sicher schliesse der Kap-Staat zur Weltweinspitze auf, obwohl sein Potenzial längst noch nicht ausgeschöpft sei, meinen Experten.

Eine Ansicht, die auch Kellermeister Theodor Temperli von der Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau, Wädenswil (FAW) teilt. Er arbeitet im Bereich der Vinifizierung, speziell im Gebiet Versuchsweine.

Unterschiede...

Temperli hat im Frühjahr - im südafrikanischen Herbst also - im Keller des Nietvoorbij Instituts für Weinbau und Önologie in Stellenbosch gearbeitet. Dies im Rahmen eines Weiterbildungs- und Erfahrungsaustausch-Projektes zwischen Wädenswil und Nietvoorbij, einem Institut des südafrikanischen Landwirtschafts-Forschungsrates.

"In der Versuchskellerei von Nietvoorbij werden bis zu 1500 Weine vinifiziert", sagt Temperli in Stellenbosch gegenüber swissinfo. "Das sind viel grössere Massstäbe als bei uns in der Schweiz."

Als wichtigsten Unterschied im Weinbau zwischen Südafrika und der Schweiz nennt Temperli das Klima: "Hier ein warmes, eher zu trockenes Klima mit viel Sonne, bei uns zu Hause weniger Sonne und eher zu viel Feuchtigkeit." Doch im letzten Jahr sei der Klimaunterschied nicht mehr so eklatant gewesen: "Der Sommer in der Schweiz war so heiss wie jener in Südafrika."

...und Parallelen

Für den Schweizer Kellermeister gibt es auch Parallelen im Weinbau der beiden Länder: "Hier wie dort werden die Trauben von Hand gelesen; Maschinen-Ernten sind in Südafrika erst in der Versuchsphase." In beiden Ländern werde ein optimales Traubengut angestrebt: "Weg von der Massenproduktion, hin zur Topqualität des Weines."

Die Südafrikaner würden heute alles daran setzen, optimal reife Trauben zu lesen. Und wie in Bordeaux würden auch in Südafrika die Trauben auf einem Sortierband handverlesen selektioniert. Von diesen Erfahrungen am Weinberg der Guten Hoffnung könne man im Schweizer Weinbau profitieren, so Temperli.

Immer noch fest in der Hand der Weissen

Zehn Jahre nach der Überwindung der Apartheid sind die Strukturen der aufstrebenden südafrikanischen Weinwirtschaft indessen immer noch vom alten System geprägt: Die Schwarzen arbeiten als Landarbeiter in den Reben, die Weissen, meist Europäer, sind die Winzer und Gutsbesitzer.

Zaghafte Neuanfänge wie "New Beginnings" haben eher Exotenstatus. Einst hatte das erste schwarze Weingut weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Nach dem Ende der anfänglichen Euphorie erlebte es aber eine lange Durststrecke.

Bis zum Jahr 2015 will die Regierung des wiedergewählten Präsidenten Thabo Mbeki rund 30 Prozent des Farmlandes in den Besitz schwarzer Südafrikaner bringen. Doch in den letzten Jahren wurden nur etwa drei Prozent abgegeben. Der meiste landwirtschaftliche Besitz gehört nach wie vor den Weissen.

Kleiner Schönheitsfehler

In der südafrikanischen Weinindustrie gibt es einen Fonds zur Weiterbildung von Schwarzen. Ab und zu treffe man einen Schwarzen selbstverantwortlich im Weinkeller, sagt Temperli. Und hier im Nietvoorbij-Institut sei ein Schwarzer in der Vinifizierung ausgebildet worden. "Aber generell ist es immer noch so, dass die Schwarzen als billige Arbeitskräfte zurückgehalten werden."

Einen weiteren, allerdings nur "kleinen Schönheitsfehler" sieht der Schweizer Kellermeister in der jüngsten Preispolitik: "Die südafrikanische Weinwirtschaft ist zu rasch mit den Preisen nach oben gegangen. Gute Weine werden nicht nur teuer exportiert, sie kosten auch in Südafrika viel." So viel, nämlich 50 bis 100 Rand und mehr (100 R. = ca. 21 Fr.), dass sie für die schwarze Durchschnittsbevölkerung unerschwinglich seien.

Preise hin oder her: Theodor Temperli schwärmt von den kräftigen, aromatischen südafrikanischen Weinen. Die Lieblingsweine des Schweizer Kellermeisters? "Der Rotwein Syrah und der Weisswein Chenin Blanc."

swissinfo, Jean-Michel Berthoud, Stellenbosch

Fakten

Gesamtweinproduktion Südafrikas: 530 Mio. Liter, weltweit an 8. Stelle (Schweiz: 130 Mio. Liter, rund viermal weniger)
Südafrikas Weinexport: 235 Mio. Liter
Wichtigste Abnehmer: England (42%), Niederlande (17%), Deutschland (7%). Schweiz: knapp 2%
Anbau: Seit 1995 von 94'000 Hektar auf 106'000 Hektar

In Kürze

Seit die aus Frankreich vertriebenen Hugenotten den Weinbau vor 300 Jahren nach Südafrika brachten, gehört das Land den Weissen. Schwarze durften es höchstens bearbeiten. Sie wurden früher und während der Apartheid wie Leibeigene gehalten.

Ein Teil ihres kümmerlichen Lohnes erhielten die schwarzen Farmarbeiter in Form von billigem Wein. So wurden sie abhängig gehalten, lernten weder Lesen noch Schreiben.

Seit dem Ende der Apartheid 1994 haben die schwarzen Farmarbeiter zwar politische und gewerkschaftliche Rechte, doch das Land gehört immer noch den Weissen. Die von der Regierung geplante Umverteilung von privatem, landwirtschaftlich genutztem Land kommt nur schleppend voran.

Während es noch kaum schwarze Winzer oder gar Gutsbesitzer gibt, trifft man heute Schwarze nicht nur in den Reben, sondern ab und zu selbstverantwortlich auch im Weinkeller. Eine Entwicklung, die trotz eines Weiterbildungsfonds der Weinindustrie für Schwarze noch harzig läuft.

Der Anteil der weissen Weinsorten beträgt in Südafrika heute rund 60%, wobei die Chenin-Traube überwiegt. Im Aufwind sind Chardonnay und vor allem Sauvignon blanc. Bei den Roten hat sich der Anbau von Cabernet Sauvignon, Merlot und vor allem Syrah verstärkt. Der Pinotage, eine Kreuzung von Pinot noir und Cinsault, wird einzig in Südafrika angebaut.



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