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Rückschau


2015: Die Flüchtlingswelle erreicht Europa




Eine rekordhohe Anzahl Asylgesuche, offene, dann wieder geschlossene Grenzen, Appelle an die Solidarität und Spannungen zwischen Staaten: Die Migrationskrise brachte ein bereits fragiles Gemeinschaftsprojekt ins Wanken und setzte sich als zentrales politisches Thema fest, auch in der Schweiz. Rückblick auf ein bewegtes Jahr in Grafiken.

Das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) hatte die Alarmglocken bereits im Jahr zuvor geläutet: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe man noch nie so viele Flüchtlinge, Asylsuchende und Vertriebene gesehen. So viele, dass sie einem Land von 60 Millionen Menschen entsprechen würden, das bereits 2014 an 24. Stelle der bevölkerungsreichsten Länder der Welt gelegen wäre.

Herkunfts- und Zielländer

2015 erreichte die Flüchtlingswelle das Herz Europas. Bis Ende Jahr, wird geschätzt, werden die Europäische Union (EU) und die Länder der Europäischen Freihandelsassoziation EFTA (Schweiz, Norwegen, Liechtenstein, Island) zusammen mehr als eine Million Asylgesuche verzeichnet haben.

Die Hauptdestination ist Deutschland, das bis jetzt praktisch ein Drittel dieser Migrantinnen und Migranten aufgenommen hat. Untenstehende Grafik veranschaulicht die Migrationsströme nach Ländern in Europa während der ersten neun Monate 2015.

Mehr als die Hälfte der Asylsuchenden, die 2015 in Europa Schutz gesucht haben, stammen aus drei Ländern: Syrien, Irak und Afghanistan. Die Debatte in Europa konzentrierte sich besonders auf die syrischen Flüchtlinge, ohne Zweifel die grösste Gruppe, aber nicht die einzige, deren Zahl deutlich zugenommen hat.

Die Zahl der irakischen Flüchtlinge etwa hat sich gegenüber 2014 vervierfacht, während 2015 zweieinhalb Mal so viele Afghaninnen und Afghanen nach Europa kamen als im Vorjahr. Wohl hauptsächlich wegen der wirtschaftlichen Krise kamen auch aus Kosovo wieder mehr Menschen, auch wenn diese wissen, dass ihre Chancen auf Asyl extrem gering sind, wenn nicht sogar unmöglich.

Beispiellose Krise?

Während sich Europa mit einer rekordhohen Zahl von Migrantinnen und Migranten konfrontiert sah, mehr als jene 700'000 während der 1990er-Jahre, war die Schweiz nur am Rand von diesem Phänomen betroffen. Sicher erwartet das Staatssekretariat für Migration (SEM) für 2015 die Ankunft von rund 34'000 Flüchtlingen, also etwa 10'000 mehr als im Jahr zuvor. Doch diese Zahlen liegen immer noch weit unter jenen während des Kosovo-Krieges von 1999, als die Schweiz 44'000 Personen aufgenommen hatte.

Die Krise in Europa führte dennoch zu hitzigen Debatten im Land, namentlich während der Kampagnen für die Wahlen des Eidgenössischen Parlaments, die sich voll und ganz auf das Thema Asyl beschränkten.

Warum übers Meer?

Seit die Botschaften keine Visa mehr erteilen, und mit der Schliessung praktisch aller Überland-Routen durch Mauern oder Zäune, wurde das Mittelmeer zur Haupteintrittspforte Europas.

Noch nie riskierten so viele Menschen ihr Leben auf dem Meer: 2015 waren es mehr als 900'000, vier Mal so viele wie im Jahr zuvor. Und Laut Zahlen des UNHCR verloren dabei mindestens 3580 Menschen ihr Leben oder verschwanden während der Überfahrt.

Während die Flüchtlinge aus Afrika immer noch den Weg über das südliche Mittelmeer nehmen – von Libyen oder Tunesien nach Italien –, haben syrische und afghanische Migranten die Balkanroute entdeckt – von der Türkei auf griechische Inseln. Diese Route ist momentan die am meisten benutzte.

Dieser unerwartete Zustrom von Zuwanderern traf die meisten osteuropäischen Länder völlig unvorbereitet, doch er gab der Asylproblematik – zumindest auf dem Papier – eine europäische Dimension, die sich nicht mehr nur auf Italien beschränkte.

Wie reagiert die EU?

Trotz zahlreicher Debatten und Emotionen über Bilder von ertrunkenen Flüchtlingskindern bekundet die EU Mühe, eine gemeinsame Migrationspolitik zu finden. Im September einigten sich die Mitgliedsländer auf einen – freiwilligen – Verteilschlüssel für 160'000 Asylsuchende in den nächsten zwei Jahren. Eine kleine Solidaritätsgeste gegenüber Italien und Griechenland, die im Rahmen des Dublin-Abkommens allein die Verantwortung für die Unterbringung tragen sollten.

Bis zum 17. Dezember aber wurden lediglich 232 Asylsuchende von Griechenland und Italien in andere Länder transferiert. Die Schweiz, die versprochen hat, bis zu 1500 Flüchtlinge aufzunehmen, hat noch keine einzige Person entgegengenommen. Die Slowakei und Ungarn haben derweil am Europäischen Gerichtshof gegen das Verteilsystem geklagt.

Ungarn hatte sich 2015 plötzlich im Zentrum der Migrationskrise gefunden. Auch wenn es nicht ein bevorzugtes Zielland ist, sondern lediglich ein Transitland, verzeichnete es nach Deutschland trotzdem die höchste Zahl an Asylgesuchen aller EU- und EFTA-Länder.

Um den Zustrom von Flüchtlingen aufzuhalten, liess der konservative Ministerpräsident Viktor Orban zwei Mauern an den Grenzen zu Serbien und Kroatien errichten und ermächtigte die Polizei, auf Migranten zu schiessen, sollten diese versuchen, die Grenze verbotenerweise zu überwinden. Eine Politik, die von humanitären Organisationen scharf kritisiert wurde.

Die folgende Grafik zeigt die Asylgesuche im Vergleich zur Bevölkerungszahl und zum Bruttoinland-Produkt (BIP) pro Kopf. Während die Schweiz 2014 die vierte Stelle der Liste pro Million Einwohnerinnen und Einwohner einnahm, fiel sie in den ersten neun Monaten 2015 auf den sechsten Platz.

Weil eine gemeinsame Politik fehlt, haben sich mehrere Länder für unilaterale Lösungen entschieden, was zu einem ziemlichen Chaos an den Grenzen führte. Die sicherlich symbolischste solidarische Geste kam von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Syrern freien Zugang gewährte, wenn auch nur für eine gewisse Zeit. Dem ersten Applaus folgte schon bald zunehmende Kritik, daheim und im Ausland.

Verschiedene Länder, darunter auch Deutschland, setzten in der Folge das Schengener Abkommen aus und führten wieder Grenzkontrollen ein. Von einem Tag auf den anderen fand sich Europa wieder geteilt vor, mit einer Reihe von Mauern und Barrieren, die man seit dem Ende des Kalten Kriegs als Dinge der Vergangenheit betrachtet hatte.

Im November, nach den Attentaten von Paris und der Bestätigung, dass einer der Terroristen als Flüchtling nach Europa gelangt war, erlitten die verschiedenen Asylpolitiken eine erneute Verschärfung.

Und ausserhalb Europas?

Um den Zustrom von Flüchtlingen einzudämmen, bat Europa auch die Türkei um Hilfe. Ankara verpflichtete sich, die Flüchtlinge auf seinem Boden zu behalten und erhielt im Gegenzug drei Milliarden Euro an Hilfsgeldern, eine Liberalisierung der Visabestimmungen und die Wiederaufnahme des EU-Beitrittsprozesses.

Doch das 78-Millionen-Land Türkei beherbergt auf seinem Territorium bereits mehr als zwei Millionen Syrerinnen und Syrer. Tatsächlich leben 86% der weltweiten Flüchtlinge laut Angaben des UNHCR in einem Entwicklungs- oder Schwellenland. Davon beherbergen die Türkei, Pakistan, der Libanon, der Iran, Jordanien und Äthiopien fast die Hälfte (45%).


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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