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Schweiz/Deutschland


Schweizer Wasserkraft soll deutsche Energiewende stützen


Von Petra Krimphove, Berlin


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Die Schweizer Stromwirtschaft will in Deutschland eine grössere Rolle spielen. Während die Beziehungen zwischen Brüssel und Bern in Energiefragen gehörig knirschen, wirbt die Schweizer Energiewirtschaft in Berlin für Wasserkraft als Beitrag für eine sichere Stromversorgung. 

Im "Wasserschloss Schweiz" sind die Wasserkraftwerke zahlreich. Eines davon steht in Mühleberg, Kanton Bern, unweit des gleichnamigen Atomkraftwerks. (Keystone)

Im "Wasserschloss Schweiz" sind die Wasserkraftwerke zahlreich. Eines davon steht in Mühleberg, Kanton Bern, unweit des gleichnamigen Atomkraftwerks.

(Keystone)

In Berlin wird unter dem Stichwort Energiewende mit Hochdruck der Komplettumbau des deutschen Energiesystems vorangetrieben. Der beschlossene Ausstieg aus der Kernenergie und gleichzeitige Ausbau erneuerbarer Energien erfordern einen neuen Masterplan für die Stromversorgung. Derzeit entwickelt die Regierung das Konzept für die Zukunft und hat die Vorschläge in einem sogenannten Grünbuch gesammelt. 

Noch ist nichts in Stein gemeisselt, und Vorschläge von aussen sind willkommen. Eine Chance, welche die Hauptakteure des Schweizer Strommarktes - Behörden, Wirtschaft und Verbände - nutzten, um ihren möglichen Beitrag zu Deutschlands sicherer Energiezukunft zu präsentieren. "Schliesst Schweizer Wasserkraft nicht aus eurem Energieversorgungskonzept aus", lautete eine der Kernbotschaften der hochrangigen Delegation, die im Berliner Wirtschafts- und Energieministerium vorsprach.

(Zu) teurer Strom aus der Schweiz?

Die deutsche Energiewende ist eine Herkulesaufgabe: Der massiv geförderte Ökostrom aus erneuerbaren Energien fliesst an sonnigen und windigen Tagen im Überfluss in die Netze, das Überangebot drückt die Preise. Davon profitieren zwar auch Schweizer Energieversorger, die grenzüberschreitend einkaufen. Die in der Schweiz produzierte Wasserkraft ist jedoch der Verlierer – weil zu teuer.

"Energie aus Schweizer Wasserkraft ist auf dem europäischen Markt bei den derzeitigen Strompreisen nicht konkurrenzfähig", räumt Kurt Rohrbach, Präsident des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) ein. Das liege jedoch auch am starken Schweizer Franken. 

Die Schweiz und der europäische Strommarkt 

Ab 1. Juli wird der gemeinsame EU-Strommarkt Realität. Im neuen System des Market Coupling werden Strom und Netzkapazitäten gemeinsam gehandelt. Die Schweiz benötigt zu Teilnahme an dem System ein bilaterales Stromabkommen mit der EU. Die Verhandlungen darüber waren von Seiten der EU ausgesetzt worden. Grund: Das Ja des Schweizer Stimmvolkes zur Volksinitiative "gegen Masseneinwanderung".

Im Januar kam Bewegung in die Fronten: Der EU-Kommissar für Klimapolitik und Energie, Miguel Arias Cañete, öffnete Energieministerin Doris Leuthard die Tür zu einer Teilnahme am gemeinsamen Strommarkt – wenn bis Mitte 2015 ein Interims-Stromabkommen ausgehandelt werden kann.  

Die Europäische Union macht zur Vorbedingung von Verhandlungen, dass die Schweiz ein europäisches Schiedsgericht zur Überwachung von Staatshilfen akzeptiert: entweder den Europäischen Gerichtshof (EuGH) oder das Efta-Gericht.

Die eidgenössische Energieministerin hat Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Stossen die Schweizer Vorschläge bis Juni auf Zustimmung, wäre die Schweiz gleichberechtigter Mitspieler auf dem europäischen Strommarkt. 

Und doch verfügt die Wasserkraft gegenüber den anderen erneuerbaren Energien über einen gewaltigen Vorteil: Pumpspeicherwerke sind die bisher einzige Möglichkeit, Strom im grossen Umfang zu speichern. Ist er im Überfluss vorhanden, nutzt man ihn, um das Wasser in höhergelegene Stauseen zu pumpen. Von dort kann es bei Bedarf zur Stromerzeugung in den Wasserkraftwerken in den Tälern eingesetzt werden. Diese Batteriefunktion ist nicht nur sehr flexibel, sie ist auch ein wichtiger Baustein für eine Versorgungssicherheit.

Hohe Flexibilität der Wasserkraft

"Die Schweizer Wasserkraft passt ausgezeichnet zur deutschen Energiewende. Sie ist flexibel und ökologisch", preist Kurt Rohrbach. Bereits 2017 könnten 4 Gigawatt aus der Wasserkraft für den Export zur Verfügung gestellt werden. Das entspräche der Leistung zweier grosser Kohlekraftwerke. "Wir können von einer Minute auf die andere liefern", betonte Rohrbach.

Diese Flexibilität ist insbesondere im Rahmen der Energiesicherheit wichtig: Grosse Kraftwerke müssen erst hochgefahren werden, und Sonne und Wind sind keine planbaren Lieferanten. Ihre Energie muss aufgenommen werden, wenn sie erzeugt wird. Und die Kräfte der Natur richten sich nicht nach der Nachfrage der Konsumenten.

Was die Schweiz den Deutschen für ihren Energieumbau bietet, ist also Flexibilität – nicht Masse. "Wir springen dann schnell ein, wenn Knappheit herrscht", so Arthur Janssen von swissgrid, der nationalen Netzgesellschaft. Vorausgesetzt, es ist politisch gewollt: Diskriminierungsfreie offene Grenzen für den Schweizer Strom und keine Bevorzugung eigener subventionierter Kraftwerke wünscht sich Walter Steinmann, Direktor des Bundesamtes für Energie, von den deutschen Nachbarn: "Grenzüberschreitende Lösungen mit offenen Märkten."

Die technischen Voraussetzungen sind bereits gegeben: Über zehn Prozent des grenzüberschreitenden Stromflusses in Europa fliessen durch die 30 Leitungen, welche die Schweiz mit dem Ausland verbinden. "Wir sind die Stromdrehscheibe im europäischen Netz", betont Steinmann. Die Schweiz wolle ihre Netzkapazitäten daher stärker grenzüberschreitend einbringen.

Vorteile nachbarlicher Wasserkraft

Mit ihrem Plädoyer könnten die Schweizer auf offene Ohren stossen. In Deutschland wird es durchaus kritisch gesehen, dass als Ersatz für abgeschaltete Atomkraftwerke die CO2-intensive Kohlekraft wiederbelebt wird. Wasserkraft vom Nachbarn wäre da durchaus ökologischer  - und zudem direkt abrufbar. Durch den wachsenden Anteil der erneuerbaren Energie, der bis 2050 auf 80 Prozent der Stromerzeugung steigen soll, ist Berlin darüber hinaus immer stärker auf ein flexibles Backup-System angewiesen. Wenn Wind und Sonne streiken, muss die Stromversorgung dennoch gesichert sein.  

Auch was die Leitungen angeht, hat die Schweiz einen Trumpf im Ärmel: Warum soll man Windenergie quer durch Deutschland von der Nordsee bis nach Konstanz transportieren, wenn auf der anderen Seite der Grenze Strom aus Schweizer Wasserkraft verfügbar ist? Wenn in Süddeutschland an regnerischen und windstillen Tagen die Stromnachfrage das Angebot übersteigt, springen schon heute die Schweizer Pumpspeicherwerke ein. Nach welchen Kriterien der Bedarf von deutscher Seite aus gedeckt werde, sei allerdings nicht transparent, beklagte VSE-Präsident Kurt Rohrbach. Hier wünsche man sich von Berlin mehr Klarheit.

Sein Wunsch: Die im Zuge der Energiewende von Berlin geplante Stromautobahn solle nicht nur von Nord- nach Süddeutschland reichen, sondern bis in die Alpen weitergeführt werden. Dann könne Schweizer Wasserkraft auf direktem Weg im Spiel mit Wind und Sonne für Versorgungssicherheit im deutschen Stromnetz sorgen.  



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