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Schweiz ist kaum Zielland


Per Twitter auf den Spuren der Migranten


Von Jo Fahy, mit Input von Kamel Dhif und Abdelhafidh Abdeleli


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Freiwillige warten an einer Schweizer Grenzstation auf Flüchtlinge, nachdem sich in Deutschland grosse Gruppen von Menschen um die Neuankommenden gekümmert hatten. (Keystone)

Freiwillige warten an einer Schweizer Grenzstation auf Flüchtlinge, nachdem sich in Deutschland grosse Gruppen von Menschen um die Neuankommenden gekümmert hatten.

(Keystone)

Die Schweiz hat sich im Frühherbst auf eine Zunahme von Flüchtlingen aus Syrien vorbereitet. Während Freiwillige an den Grenzbahnhöfen auf Menschen warteten, die nicht kamen, hätte ihnen Twitter sagen können, dass sich die Schweiz nicht auf deren Radar befinde.

"Die Schweiz ist und war nie ein starkes Zielland für Flüchtlinge, ausser aus Eritrea und Sri Lanka", sagt Constantin Hruschka, Leiter der Abteilung "Protection" (Rechtsdienst, Asylverfahren und Länderanalyse) bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.

Die Nonprofit-Organisation koordiniert die juristische Beratung für Asylbewerbende und fand dabei die Gründe heraus, warum diese ihr Gesuch in der Schweiz eingereicht haben. Im Normalfall kämen diese Menschen mit anderen Absichten: "Die Schweiz ist mehr ein Transitland. Menschen, die aus Italien kommen, erzählen uns häufig, sie wollten nach Deutschland oder Schweden, doch irgendwie seien sie in der Schweiz gestrandet."

Mit arabischen Suchbegriffen auf Twitter lassen sich die Ergebnisse der Nichtregierungs-Organisation bestätigen. swissinfo.ch suchte auf Twitter während zweier Perioden – im September und Ende Oktober.

Detaillierte Suchanfragen nach Informationen, die Syrer untereinander teilen, ergaben für den Zeitraum zwischen dem 15. und 23. September einige interessante Muster. Mit drei arabischen Suchwörtern wie "Schweiz", "Asylsuchende" und "Syrien" oder "Schweiz" und "syrische Flüchtlinge" oder "Krieg in Syrien" ergaben sich kaum nennenswerte Informationen. Nachdem auch die Suche mit "Schweiz" und "Asyl", "Eisenbahn", "Grenze", "Polizei" oder "Einreise" auf Twitter keine oder Ergebnisse zu ganz anderen Themen wie Urlaub oder Tourismus brachte, konzentrierten wir die Suche auf Deutschland.

"Wir sind überwältigt von der Menge an Hilfsgütern, welche die Bürger von #München den Flüchtlingen am Hauptbahnhof gebracht haben."

Mit der Twitter-Suche auf Arabisch nach "Deutschland", "erreichen", "Asyl", "Tipps", "Ratschläge", "kürzerer Weg", "bester Weg" oder "Schlepper" wurden wir fündig. Die meisten Resultate ergab die Suche mit der Verbindung von "Deutschland" mit "erreichen" und "Asyl".

Diese Suche wiederholten wir zwischen dem 18. und 27. Oktober. Wir verglichen die Suchresultate mit Erwähnungen von Schweden (Laut Statistiken von Eurostat ein weiteres beliebtes Zielland vieler Asylsuchender) und der Schweiz.

Welche Informationen teilen Syrer, die auf dem Weg nach und durch Europa sind, oder Personen, die das Thema Asyl auf Arabisch auf Twitter erwähnen? Um dies herauszufinden, schauten wir uns die am häufigsten benutzten Wörter an, die im Zusammenhang mit diesen Suchbegriffen standen, um die Informationen zu verfeinern.

Eine nähere Betrachtung der arabischen Tweets, in denen "Deutschland" entweder mit "Asyl" oder "erreichen" erwähnt wurde, zeigte, dass die Hauptthemen der Diskussion Informationen über Routen, Zielstädte oder Gesetze in Deutschland waren.

Ein Beispiel, das im Oktober unter der Suche nach "Deutschland" und "Asyl" mehrmals auftauchte, war ein Formular auf Deutsch und Arabisch für freiwillige Übersetzer im medizinischen Bereich.

Recherchen anderer Organisationen zeigten, dass auch Google-Suchen einem ähnlichen Muster folgten. Ende September zeigten die beliebtesten Suchwörter in Syrien, dass die Menschen nach Informationen suchten, wie sie Deutschland erreichen könnten.

Auch im Oktober kamen viele Flüchtlinge nach Europa. Laut Angaben des in Genf ansässigen UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) war die Zahl der Migranten und Flüchtlinge, die Europa auf dem Seeweg erreichten, im September so hoch wie während des gesamten Jahrs 2014. Und im Oktober waren es sogar noch mehr Flüchtlinge als im September.

"Eine Gruppe Flüchtlinge auf Feldern in Slowenien und Österreich mit Ziel Deutschland."

Nicht auf der Karte

Bis Ende September 2015 war das Hauptziel der syrischen Flüchtlinge vor allem Deutschland, wo die meisten von ihnen um Asyl ersuchten. Wie die folgende Grafik zeigt, blieb die Schweiz noch vor Deutschland die Hauptdestination für Eritreer. Asylgesuche von Syrern gibt es in der Schweiz weniger.

Bis Ende September 2015 wurden in der Schweiz 23'975 Asylgesuche eingereicht – 3% aller Gesuche in Europa. Nur 2330 Personen stammten aus Syrien.

Es gibt eine Reihe von Faktoren für die Gründe, weshalb nur wenige Syrer in die Schweiz wollen. Einer davon: Die Schweiz befindet sich schlicht nicht auf der so genannten Balkanroute. Wie das UNHCR Anfang November erklärte, wurde diese Route durch die Türkei und Griechenland viel beliebter als die Reise durch Libyen und über das Mittelmeer nach Italien.

Zweitens wollen Flüchtlinge Freunde, Familienmitglieder oder Bekannte treffen, die sich bereits in einem Zielland etabliert haben. "Diese kulturellen Verbindungen und Traditionen spielen eine sehr wichtige Rolle dabei, wohin die Leute gehen", sagt Hruschka.

Ein weiterer Faktor ist der Ruf in Sachen Freundlichkeit, mit der Asylsuchende aufgenommen werden. Die Flüchtlinge "wissen auch über den schlechten Status, den Syrer in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern erhalten", ergänzt er.

"Wir stehen in sehr nahem Kontakt mit der syrischen Gemeinde in der Schweiz. Und es ist klar, dass sie ihrer Familie und weiteren Verwandtschaft raten, nicht hierhin zu kommen. Denn wer in die Schweiz kommt, erhält eine vorläufige Aufnahme, und damit darf man nicht in Europa reisen."

Hruschka erklärt, dass besonders Syrer in Europa umherreisen wollten, wenn sie einmal angekommen seien, weil sie sich mit Bekannten treffen wollten, die in den verschiedenen Ländern gelandet sind.

"Ich denke, es ist nicht erstaunlich, dass Flüchtlinge über Facebook und soziale Medien kommunizieren", sagt Hruschka. "Syrer sind da speziell, weil es sich bei den Menschen, die jetzt die Lager [in Jordanien, Libanon oder der Türkei] verlassen, um solche handelt, die viel besassen, über eine gute Ausbildung verfügen, aber alles Geld ausgegeben haben… Deshalb ist es klar, dass sie moderne Technologie besitzen und diese auch einsetzen."

Unsere Methode

Um Informationen über Twitter zu finden, führten wir API-Suchen mit NodeXL durch, einer kostenlos verfügbaren Anwendung für Microsoft Excel 2007 zur Visualisierung von Netzwerken. Mit dessen Möglichkeit des Datenexports aus Twitter konnten wir Daten mit spezifischen Suchbegriffen aus sozialen Netzwerken finden.

Da wir nach Suchbegriffen auf Arabisch suchen wollten, codierten wir die arabischen Begriffe in ein Format, das im NodeXL-Suchsystem funktionierte, erkennt dieses doch keine arabischen Schriftzeichen. Die Suchen wurden dann unter Mithilfe unserer arabischsprachigen Redaktion verfeinert.


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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