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Schweizer Coach begeistert Berlin "Einer der besten Trainer, die wir je hatten"

Urs Fischer - erfolgreicher und beliebter Trainer des deutschen Fussballvereins Union Berlin

Urs Fischer: erfolgreicher und beliebter Trainer des deutschen Fussballvereins Union Berlin.

(Keystone / Annegret Hilse)

Urs Fischer könnte den Fussballverein Union Berlin im Mai zum ersten Mal in die Erste Bundesliga führen. Die Fans des Ost-Berliner Clubs sind von ihrem Schweizer Trainer begeistert.

"Als Urs Fischer anfing, wusste ja niemand, wie er hier zurechtkommen würde", erinnert sich der Berliner Journalist Mathias Bunkus, der für den "Berliner Kurier" über den Vereinexterner Link berichtet, an den vergangenen Sommer. Nach fast neun Monaten ist er überzeugt, dass der Schweizer genau der Richtige für die Mannschaft und ihre Anhänger ist. Der dritte Tabellenplatz macht berechtigte Hoffnungen auf den Aufstieg in die Erste Bundesliga.

 "Er hat ein akribisches Arbeitsethos und ist wenig glamourhaft. Damit ist er in Basel angeeckt, aber damit passt er perfekt zu Union Berlin", sagt Mathias Bunkus. Morgens sei Fischer als erster im Büro, abends mache er dort als letzter die Lichter aus. Sachlich zurückhaltend und kompetent – für diese Eigenschaften wird der Trainer hier geschätzt.

Authentischer Vollblut-Coach an der Seitenlinie: Der Zürcher Urs Fischer in Berlin.

(Keystone / Roland Weihrauch)

Das Angebot des Berliner Zweitligisten kam im vergangenen Sommer für den Zürcher zur rechten Zeit. Im Schweizer Fussball hatte Fischer alles erreicht, zunächst 1984 bis 2003 als Spieler, dann als Trainer in Zürich, Thun und Basel. Mit dem FC Basel dominierte er ab 2015 zwei Saisons lang die Schweizer Liga, wurde Meister und Pokalsieger und spielte in der Champions League. 

Doch dann wurde Urs Fischer 2017 entlassen, zog sich zurück, las Managementbücher und Fussball-Biographien und wartete auf eine neue Aufgabe. Als Union Berlin bei ihm anklopfte, dachte er, das könnte passen. Und er behielt recht.

Mit offenen Armen empfangen

Berlin empfing ihn anders als Basel von Beginn an mit offenen Armen. "Dass du bei Union so viel Wertschätzung bekommst, ohne gearbeitet zu haben, ist Wahnsinn", zeigte er sich in einem seiner ersten Interviews überrascht von der grossen Unterstützung durch den Verein und die Fans.

Seit dem Sommer hat Urs Fischer seine Mannschaft auf den dritten Tabellenplatz der Zweiten Bundesliga geführt. Vor dem Team liegen nur der 1. FC Köln und der Hamburger SV, zwei ehemalige Bundesligavereine, die unbedingt zurück ins Oberhaus wollen. Die ersten beiden Mannschaften haben ein sicheres Ticket in die erste Liga. Der Drittplatzierte spielt in einem Relegationsspiel gegen den Drittletzten der oberen Klasse um den begehrten Platz in der obersten Liga. Die Chancen für Union stehen also gut. Spätestens am 19. Mai, dem letzten Spieltag, sind die Würfel gefallen.

"Unverfälschte Fankultur"

Für den ehemaligen Ost-Verein wäre der Aufstieg eine Sensation – auch wenn manche befürchten, dass der Arbeiterverein in der durchkommerzialisierten Ersten Bundesliga seine Seele verlieren könnte. Eisern Union, wie der Fussball-Club genannt wird, steht auf der grossen Fussball-Bühne im Schatten des Bundesligisten Hertha BSC Berlin. 

Unter Fussball-Begeisterten ist er jedoch das Sinnbild all dessen, was Fussball wirklich ausmacht: mit Fans, die bedingungslos auch in der Niederlage hinter ihrer Mannschaft stehen, Urlaub nehmen, um ihrem finanziell klammen Club beim Stadionumbau zu helfen oder mit ihm zum Frühlingstraining nach Spanien zu fliegen. 

Union Berlin

In der deutschen Fussballszene geniesst Union Berlin den Ruf, einzigartige Fans und eine ganz besondere Stimmung im Stadion zu besitzen. Der Verein ist nichts für Schönwetterfans. Er wehrt sich mit Händen und Füssen gegen die Kommerzialisierung des Fussballs. "Hart sind die Zeiten und hart ist das Team", heisst es entsprechend in der Hymne, die von der deutschen Ikone Nina Hagen eingesungen wurde und bei Heimspielen durch das Stadion schallt. 2000 Fans halfen 2008 beim Umbau der maroden "Alten Försterei" mit. Viele andere spendeten dem klammen Club Geld. Die Hälfte des Stadions gehört nun den Fans, die Anteilscheine erwerben konnten. Für sie ist der Verein Familienersatz. Bis 2020, zum 100-Jahr-Jubiläum, soll das Stadion bundesligatauglich sein, doch 80% der Zuschauer müssen weiterhin stehen. Denn für echte Fans sind Sitzplätze eh keine Alternative. 

Infobox Ende

Die Stimmung in der "Alten Försterei" in Berlin Köpenick ist Fussball pur. "Das Stadion von Union Berlin lässt die Zuschauer noch unverfälschte Fankultur erleben", schwärmt das Fussball-Magazin Elf Freunde.

Wer sich da als Trainer behaupten will, muss nicht nur die Mannschaft zu Siegen führen, sondern auch von den kritischen Fans akzeptiert werden. Urs Fischer ist beides gelungen, sagt Union-Fan Maurice Modrak. Er wurde noch zu DDR-Zeiten 1986 von dem Union-Virus infiziert, als ein Schulfreund den damals 13-Jährigen mit ins Stadion nahm. Seit über 30 Jahre fiebert er nun mit seinem Verein mit und sagt: "Urs Fischer ist einer der besten Trainer, die wir je hatten." Diese Meinung sei unter den Fans weit verbreitet. 

Neben dem fussballerischen Erfolg schätzen die Anhänger Fischers bodenständige und zugängliche Art. Der Trainer wohnt mittlerweile unweit des Stadions in Köpenick im Osten Berlins. Der Ortsteil Treptow-Köpenick ist mit seinen 400'000 Einwohnern in etwa so gross wie Zürich. Dort, genauer in Affoltern, leben nach wie vor Fischers Frau und zwei erwachsene Töchter. Zum Glück verbinden viele Direktflüge beide Städte.

Was ist denn nur ein Totomat?

Die Schweizer Herkunft des Trainers ist auf dem Platz kein Thema. "Das ist ja Alltag, dass gute Trainer aus der Schweiz kommen", sagt Fussball-Experte Bunkus und verweist auf Lucien Favre, der seit 2018 den Erstligisten Borussia Dortmund trainiert und vorher bereits Chefcoach bei Hertha BSC Berlin und Borussia Mönchengladbach war.

Nur sprachlich treffen in Berlin dann doch noch ab und an die Welten aufeinander, zum Beispiel wenn Urs Fischer über "Totomaten" oder "Besammlungen" spricht und in die verständnislosen Gesichter seiner Spieler blickt. Dem Team sind diese Schweizer Begriffe nicht vertraut. "Ich habe über 45 Jahre geglaubt, Besammlung wäre ein deutsches Wort", sagt Fischer in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel. "Das Grösste für mich ist aber, wenn ich RBB schaue und die meine Aussagen noch mit Untertiteln versehen. Dann weiss ich, dass ich noch üben muss." Der Verein hilft in der aktuellen Ausgabe der Vereinszeitung mit einem Augenzwinkern mit einem kleinen Wörterbuch "für alle Eisernen, denen manche schweizerischen Begrifflichkeiten von Cheftrainer Urs Fischer nicht geläufig sind".

Vielleicht steigt Union auf – aber daran muss er sich nicht messen lassen. "Wenn sie Dritter werden, war das bereits die erfolgreichste Saison aller Zeiten“, sagt Mathias Bunkus über die Spieler. Urs Fischer ist etwas zumindest bereits gelungen: In der deutschen Trainerlandschaft ist er nun eine Grösse und für die Bundesliga sicher von Interesse, so der Sportjournalist. Und wenn es für das Team dann am Ende nicht für den Aufstieg reicht, ist das auch kein Fiasko, sondern das Leben. "Fussball ist eben kein Wunschkonzert. Am Schluss bekommst du das, was du verdienst", sagt Urs Fischer. Und schliesslich gibt es ja immer eine nächste Saison.

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