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Schweizer Grand Prix Literatur


Alberto Nessi: "In der Schweiz wird auch Italienisch gesprochen"


Von Ghania Adamo


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Alberto Nessi in seinem Haus in Bruzella, Kanton Tessin. (Keystone)

Alberto Nessi in seinem Haus in Bruzella, Kanton Tessin.

(Keystone)

Der 75-jährige Alberto Nessi, engagierter Schriftsteller und träumerischer Poet, erhielt am 18. Februar den Schweizer Grand Prix Literatur 2016. Er, der sich mit der "Arbeiterklasse solidarisch fühlt" und die Natur liebt, erklärt, sein Bedürfnis zu schreiben sei bei ihm "in der Jugendzeit erwacht."

Seine Einfachheit und Offenheit charakterisieren ihn als volksnahen Menschen. Genau so ist er auch als Schriftsteller, der in seinen Romanen und Gedichten die vertraute Nähe sucht zu seinen rebellischen und mittellosen Figuren.

Alberto Nessi ist frei von Eitelkeit, und hohles Geschwätz mag er nicht. Preise freuen ihn, gewiss, doch er würde sich am liebsten dafür entschuldigen, so gross ist seine Bescheidenheit. Gross ist auch sein künstlerisches Geschick, das ihm den Schweizer Grand Prix Literatur 2016 eingebracht hat.

Schweizer Literaturpreise 2016: Die anderen Preisträger

Der Spezialpreis Übersetzung geht an Harmut Fähndrich. Er wurde 1944 in Tübingen (Deutschland) geboren und ist Übersetzer und Vermittler der arabischen Sprache. Er lehrte Arabisch und islamische Kulturgeschichte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) und war während fast 30 Jahren Herausgeber der Reihe Arabische Literatur des Lenos-Verlags.

Giovanni Fontana, Massimo Gezzi, Yves Laplace, Antoinette Rychner, Ruth Schweikert, Monique Schwitter und Leta Semadeni wurden ebenfalls ausgezeichnet für ihre Bücher, die zwischen Oktober 2014 und Oktober 2015 erschienen sind: "Breve pazienza di ritrovarti", "Il numero dei vivi", "Plaine des héros", "le Prix", "Wie wir älter werden", "Eins im Andern", "Tamangur".

Seit der Schaffung der Eidgenössischen Literaturpreise vor vier Jahren ist er der erste Tessiner, der ausgezeichnet wurde. Dennoch lässt er sich nicht durch Komplimente verführen. Am Telefon bittet er, sehr freundlich zwar, ihn im Artikel nicht einen "grossen" Schriftsteller zu nennen. Man gehorcht ihm… wenigstens ein bisschen. Ein Gespräch.

swissinfo.ch: Was war ihre erste Reaktion, als Sie erfuhren, dass Sie der Preisträger des Grand Prix sind?

Alberto Nessi: Ich schreibe nun schon seit mehr als 40 Jahren. Bis jetzt habe ich sechs Gedichtsammlungen und sechs Erzählbände veröffentlicht, nebst Artikeln und Essays. Als mich die Nachricht erreichte, sagte ich mir, das ist eine Anerkennung für meine Arbeit, doch ich war schon sehr überrascht.

Und ganz ehrlich, vor allem freute es mich fast mehr für die italienische Sprache als für mich, denn in erster Linie wurde diese von den Behörden in Bern ausgezeichnet. Man erinnerte so daran, dass irgendwo in der Schweiz auch noch italienisch gesprochen wird. Wissen Sie, das geht in der Deutschschweiz und in der Romandie manchmal vergessen.

swissinfo.ch: Ist mit diesem Preis das Tessin nicht mehr "Der Grenzraum" ("Rabbia di vento"), den Sie in ihrem gleichnamigen Buch, das vor einigen Jahren erschienen ist, zum Thema gemacht haben?

A.N.: Ich möchte klarstellen, dass es vor mir grosse Schriftsteller gegeben hat, darunter die zwei Orelli, Giorgio und Giovanni, die diesem Kanton eine internationale literarische Dimension verliehen haben.

Abgesehen davon, muss man "Grenzraum" hier als verkanntes Land verstehen. In diesem Sinn zeichne ich das Porträt des Tessins, dessen zahlreiche Gesichter man schlecht kennt. Oft wird der Kanton nur als Touristenparadies und Finanzplatz wahrgenommen. Doch man leidet auch hier unter politischen Problemen und den schwierigen Beziehungen mit dem grenznahen Italien und seinem Flüchtlingsstrom. Obschon der Kanton als zentrales Bindeglied zwischen Zürich und Mailand fungiert, schottet er sich ab und bleibt auf sich allein gestellt.

Dieselbe Haltung sieht man auch auf nationaler Ebene: die Schweiz befindet sich im Zentrum von Europa, jenem Europa, an dem sie nicht teilhaben will. So besteht diese Abschottung weiter. Die Ergebnisse der eidgenössischen Wahlen sprechen Bände. Wir mögen die Flüchtlinge nicht, zum Beispiel.

swissinfo.ch: In einem Gedicht schrieben Sie vor langer Zeit einfühlsam über illegale Einwanderer: "Plötzlich sind sie da", diese "blassen Kreaturen, die über die grüne Grenze kommen, vorbei am Grenzposten". Ihre Worte klingen heute immer noch nach. Welchen Blick haben Sie auf die Migranten, die nach Europa kommen?

A.N.: Das ist ein komplexes Problem, das sich nicht in zwei, drei Worten abhandeln lässt. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, würde ich doch sagen, dass die politischen Entscheidungen unserer Regierung zusammen mit Europa getroffen werden müssen und nicht ohne. Mein Gedicht hat sicher einen aktuellen Bezug, doch es ist eine Vorahnung eines Schriftstellers und nicht die Vision eines Politikers.

swissinfo.ch: Sie haben aber auch schon in der Politik mitgemischt, sie sind ein Linker und verstecken das auch nicht…

A.N.: Ja, ich war früher Kandidat der Sozialdemokraten für den Nationalrat. Ich habe das aus Solidarität gemacht. Wenn es darum geht, Position zu beziehen, bin ich zur Stelle. Doch ich möchte nicht sagen, dass ich mich zum Politiker berufen fühle. Ich bevorzuge bei weitem die Literatur und betrachte mich viel eher als homo poeticus.

"Wenn es darum geht, Position zu beziehen, bin ich zur Stelle. Doch ich möchte nicht sagen, dass ich mich zum Politiker berufen fühle. Ich bevorzuge bei weitem die Literatur und betrachte mich viel eher als homo poeticus."

swissinfo.ch: Sie ertragen soziale Ungerechtigkeit nicht. Ihre Romane zeugen davon: "Nächste Woche, vielleicht…", erschienen 2008, und "Milò", der zuletzt erschienene, der die Geschichte eines Widerstandskämpfers gegen den Faschismus erzählt. Warum immer diese revolutionären Figuren?

A.N.: Weil ich von Menschen fasziniert bin, die aus Überzeugung eine mutige Entscheidung treffen. Dies ist eine Form von moralischem und intellektuellem Engagement, das ich sehr schätze. Wie José Fontana, der Held von "Nächste Woche vielleicht…" und Milò, den es wirklich gab.

Hinter dem Namen versteckt sich Emile Lexert, der mit seiner Mutter, einer Arbeiterin in einer Tabakfabrik, in Vevey lebte. Er wurde aus der Schweiz weggejagt und liess sich dann im Aostatal nieder, wo er sich im Widerstand gegen den Faschismus engagierte, bevor er 1944 getötet wurde.

Ich wende mich beinahe automatisch den einfachen und freien Leuten zu, die ich einfach mag. Ich bin überzeugt, dass sich ein Schriftsteller die "Condition humaine" zum Thema machen muss. Auch ich stamme aus einem einfachen Milieu, und auch meine Mutter war Arbeiterin in einer Tabakfabrik.

swissinfo.ch: Sie erinnern sich oft an ihre Wurzeln. Inwieweit haben diese ihr Schreiben beeinflusst?

A.N.: Ich fühle mich mit der Arbeiterklasse verbunden. Doch ich kann auch nicht sagen, dass sie die einzige Inspirationsquelle ist. Um Schriftsteller zu werden reicht es nicht, eine Mutter zu haben, die in einer Tabakfabrik gearbeitet hat, und einen Grossvater wie der meine, der Analphabet war.

Es gibt auf der einen Seite jene, die eine Leere zu füllen haben, und diese füllen sie mit Worten. Und es gibt auf der andern Seite jene, die viele Ideen im Kopf haben, die sie niederschreiben möchten. In beiden Fällen muss man den Gedanken einen Weg bahnen können, einen freien Weg.

Doch um darauf zurückzukommen, was mich inspiriert: Ich würde sagen, weil ich ein ziemlich einfaches Leben als Lehrer führte, habe ich keine grossen Abenteuer erlebt. Ich habe sie mir vorgestellt in meinen Romanen, mich mit realen Personen identifiziert und sie mit viel Leidenschaft auf ihrem Lebensweg begleitet.

swissinfo.ch: Die Natur ist in ihrem Werk sehr präsent. Das Bundesamt für Kultur spricht in seinem Communiqué von Ihrer "unaufdringlichen Lyrik" und ihrer "träumerischen und doch realistischen Tonalität". Was halten Sie davon?

A.N.: Ich finde, das ist gut getroffen, denn ich widme den Bäumen und Blumen viel Liebe. Ich habe in Chiasso (Kanton Tessin) gelebt, doch habe ich die Stadt vor rund 20 Jahren verlassen, um mich nicht weit von da, in Bruzella, komplett auf dem Land, niederzulassen.

Ich arbeite oft in meinem Garten, der Kontakt mit der Erde begeistert mich. Ich bin auch ein grosser Wanderer. Übrigens habe ich "Le petit traité de la marche en plaine" von Gustave Roud übersetzt, einem Schriftsteller aus der Romandie.

swissinfo.ch: Könnten Sie sich in einem andern Leben etwas anderes vorstellen als ein Schriftsteller zu sein?

A.N.: Oh! Das ist eine schwierige Frage. Was ich sagen kann, ist, dass diese "Idée fixe" Schriftseller zu werden, in meiner Jugendzeit entstand. Ich habe mich daran gehalten. Vielleicht hätte ich in einem andern Leben, die Idee, malen zu wollen. Ich bewundere die Malerei.

Alberto Nessi

Dichter und Schriftsteller, geboren 1940 in Mendrisio (Tessin), aufgewachsen in Chiasso.

Mit 15 Jahren verliert er seinen Vater und beginnt, sich mit Literatur zu beschäftigen.

Nach der Ausbildung zum Lehrer studiert er von 1965 - 1967 an der Universität Freiburg und unterrichtet danach italienische Literatur.

1972 heiratet er die Italienerin Raffaella, mit der er zwei Töchter hat.

Er arbeitet für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften wie auch für das Radio der italienischen Schweiz, für das er Hörspiele verfasst.

Lyrik: "Wochentage", "Ai margini", "Rasoterra", "Il colore della malva

Prosa: "Terra matta", "Tutti discendono", "Grenzraum", "Nächste Woche, vielleicht…", "Milò"

Verlag: Casagrande

Seine Bücher wurden ins Französische, Deutsche, Englische, Spanische, Russische, Polnische, Kroatische… übersetzt.

Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, darunter den Schiller-Preis, den Prix Littéraire Lipp, den Welti-Preis…


(Übertragen aus dem Französischen: Christine Fuhrer)

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