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Schweizer Hilfe in Nepal "Gewisse NGO gefährden unseren Ruf"

Zugang zu sauberem Trinkwasser ist nach dem Erdbeben in Nepal ein zentrales Thema, um den Ausbruch von Seuchen wie Cholera zu verhindern.

(Reuters)

Nach dem Erdbeben mit über 7000 Toten ist eine Vielzahl von mehr oder weniger seriösen Nichtregierungs-Organisationen (NGO) in Nepal eingetroffen. Eine Situation, die sich nach jeder grossen Katastrophe wiederhole, bemängelt Jürg Merz, Koordinator von Helvetas. Das Schweizer Hilfswerk ist bereits seit 60 Jahren im Land am Himalaya tätig.

"Ich war mit meinen Kindern in einem Haus, und es hörte nicht auf zu beben. Wir rannten Hals über Kopf hinaus und verbrachten die folgenden Tage in Zelten", erzählt Jürg Merz, immer noch gezeichnet vom fürchterlichen Erdbeben, das Nepal am 25. April heimgesucht hatte.

Der Schweizer, der seit 16 Jahren in Nepal lebt, hat unverzüglich Hilfe geleistet. Helvetasexterner Link, das Hilfswerk, für das er arbeitet, ist sofort in die am meisten vom Erdbeben betroffenen Gebiete aufgebrochen, wo der Bedarf an Hilfsgütern enorm ist.

In Nepal seit 60 Jahren

Das erste Projekt von Helvetas in Nepal wurde vor 60 Jahren mit Hilfe der Schweizer Regierung auf die Beine gestellt.

Auch heute noch ist Nepal das wichtigste Land für die Schweizer Hilfsorganisation. Ihr steht für das Land ein Budget von jährlich knapp 20 Millionen Franken zur Verfügung. Damit werden Projekte in den Bereichen Wasser und sanitäre Anlagen, Berufsbildung, Landwirtschaft und Bau von Hängebrücken unterstützt.

Helvetas ist mit 230 lokalen und 5 internationalen Angestellten auch ein anerkannter Partner von Behörden und Regierung für die Förderung von Demokratie und Frieden.

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swissinfo.ch: Wie schätzen Sie die Situation in Nepal fast zehn Tage nach dem Erdbeben ein?

Jürg Merz: In Kathmandu, wo es geringere Schäden gab, sind die Aufräumarbeiten bereits recht weit fortgeschritten, und einige Mauern werden schon wieder aufgebaut. Man sieht keine grossen Anzeichen des Erdbebens mehr, ausser natürlich im historischen Zentrum der Hauptstadt. Dort leben die Menschen immer noch in Zeltlagern.

In der Provinz ist die Situation völlig anders. In jenen Regionen, die von den Hilfskräften erreicht werden konnten, zeigten sich neue Probleme: Es fehlt an Nahrungsmitteln, an Trinkwasser und sanitären Einrichtungen.

Einige abgelegene Gegenden haben noch gar keine Hilfe erhalten, besonders weil viele Strassen durch Erdrutsche verschüttet wurden und es an Reparaturmaterial fehlt.

swissinfo.ch: Konnten Sie konkrete Hilfe leisten?

J.M.: Wir konzentrieren unsere Bemühungen auf die Distrikte Sindhupalchok und Gorkha nahe am Epizentrum des Bebens. Die Helvetas-Teams konnten bereits einige tausend Plastikplanen, Desinfektionstabletten und Hygiene-Kits an die am meisten betroffenen Familien verteilen.

In den nächsten Tagen werden wir lokale Teams zusammenstellen, um mit dem Wiederaufbau der Zugangssysteme für Trink- wie auch für Abwasser zu beginnen. Eine absolute Priorität, denn nach einer solchen Katastrophe steigt das Seuchenrisiko massiv an.

<strong>Glückskette sammelt für die Opfer des Wirbelsturms Matthew</strong>

swissinfo.ch: Helvetas ist seit 60 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit in Nepal tätig. Fiel es Ihnen leicht, von einem Tag auf den anderen in einen Notfall-Modus zu wechseln?

J.M.: Zu normalen Zeiten führen wir lange Überlegungen, bevor wir mit was auch immer beginnen. Heute jedoch sind wir gezwungen, rasch zu reagieren und Material zu verteilen, ohne die lokale Bevölkerung in den Entscheidungsprozess einbeziehen zu können. Das ist eine neue Situation, und es ist nicht immer einfach, mit diesem Paradigmenwechsel zu leben.

Wir sind aber besser ausgerüstet als gewisse Organisationen, die gar nicht in Nepal verankert sind, und die kamen, um einer Bevölkerung zu helfen, die sie kaum oder gar nicht kennen.

Unsere langfristige Präsenz erlaubt uns auch, auf ein breites Netzwerk von lokalen Organisationen zurückzugreifen. Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert in jenen Regionen, in denen wir vor Ort sind, sehr gut. Ich weiss, dass dies nicht überall der Fall ist.

Humanitäre Hilfe in der Kritik

Fehlende Koordination bei der Hilfe, zu viel Material und Ausrüstung, das nicht direkt den Betroffenen hilft, schlecht ausgerüstete Notfallteams: Einige Schweizer und internationale Medien listeten dieser Tage die Probleme bei der Unterstützung der Opfer des Erdbebens in Nepal auf.

In einer Radio-Reportage des französischsprachigen Senders RTS wurde das Beispiel von Ärzten einer türkischen NGO zitiert, die keine Hilfe leisten konnten, weil es ihnen an Material zur Behandlung der häufigsten Verletzungen fehlte, und die mit ihrer Präsenz den Zugang der nepalesischen Ärzte zu den Verletzten erschwerten.

Die französische Tageszeitung Libération spricht von einer verzweifelten Bevölkerung, angesichts der Anzahl Helferinnen und Helfer in Uniformen, "die mit leeren Händen kamen, sofort wieder zurückgingen und sie ohne Hilfe liessen".

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swissinfo.ch: Einige Journalisten bemängeln die fehlende Koordination zwischen den Nichtregierungs-Organisationen. Es wird sogar vom "grossen humanitären Zirkus"externer Link gesprochen. Entspricht das auch ihren Beobachtungen?

J.M.: Die Koordination ist tatsächlich sehr kompliziert, da sich nach dem Erdbeben zahlreiche Organisationen nach Nepal aufgemacht haben. Es herrscht eine erbitterte Konkurrenz, wer in den am meisten betroffenen Gebieten tätig sein kann.

Einige dieser Organisationen, die eine gute Möglichkeit erkannt haben, sich im Land einzurichten, gehen übereilt vor und gefährden damit unseren Ruf. Ich bedauere das sehr, weil wir Jahre investiert haben, um ein Vertrauensverhältnis mit der nepalesischen Regierung aufzubauen.

swissinfo.ch: Macht es die Schweizer Hilfe besser?

J.M.: Ich glaube schon. Wir stehen in dauerndem Kontakt mit der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, und alle Hilfswerke der Schweiz versuchen, ihre Arbeit bestmöglich zu koordinieren. Wir teilen unsere Erfahrungen mit anderen Nichtregierungs-Organisationen, damit jede einen Mehrwert anbieten kann. So konzentriert sich das Rote Kreuz beispielsweise auf die medizinische Versorgung, während Caritas und Solidair hauptsächlich provisorische Unterkünfte bauen.

swissinfo.ch: Wird sich Nepal Ihrer Meinung nach rasch von dieser Katastrophe erholen?

J.M.: In den letzten Jahren wurden Anstrengungen im Bereich Risikomanagement unternommen, doch man kann nicht sagen, dass Nepal auf ein solches Erdbeben vorbereitet war.

Der Wiederaufbau in Kathmandu sollte trotzdem rasch vorangehen. In den ländlichen Gebieten, wo ganze Dörfer von der Karte verschwunden sind, wird es hingegen mehrere Jahre dauern.

Traurige Bilanz

Laut jüngsten Angaben der Behörden forderte das Erdbeben der Stärke 7,8 vom 25. April 2015 in Nepal mindestens 7557 Tote und 14'536 Verletzte.

Die nepalesische Regierung gab aber an, dass die Schlussbilanz wesentlich höher ausfallen werde, da die Hilfe erst jetzt langsam in die abgelegenen Gebiete komme, die auch am stärksten vom Beben getroffen waren.

Die humanitären Operationen dürften noch Wochen, wenn nicht gar Monate dauern.

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(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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