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Schweizer in Thailand


Phuket – und weiterhin lockt das überfüllte Paradies


Von Luigi Jorio, Phuket


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Der Strand von Patong auf der Insel Phuket hat schon lange seinen ursprünglichen Charakter verloren. (Reuters)

Der Strand von Patong auf der Insel Phuket hat schon lange seinen ursprünglichen Charakter verloren.

(Reuters)

Thailand ist jenes asiatische Land, das die meisten Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer anzieht. Die tiefen Lebenskosten, das Klima und die Herzlichkeit der Menschen sind für viele ein gutes Motiv zur Auswanderung. Heute wie vor 40 Jahren. Auf Phuket allerdings ist der exotische Charme der Vergangenheit schon lange Geschichte.

"Hey Du, hau ab!", ruft Rene Kiener einem ungewünschten Gast in seinem Garten zu. Neben einem bauchigen, mit Wasser gefüllten Gefäss stellt ein kurzhaariger Hund seine Ohren auf, bevor er sich zurück auf die Strasse trollt. "Er versucht immer wieder, meine Fische zu fressen", beschwert sich der 70-Jährige, während wir auf der Terrasse seines Miethauses in Chalong im Süden der Insel Phuket sitzen.

In seinem Berufsleben war er Flugbegleiter für eine Schweizer Airline, Butler in einer brasilianischen Villa, Manager von Hotels in Australien und Indonesien und Skipper auf einem Katamaran in Thailand. Der pensionierte Berner hat verschiedenste Lebenserfahrungen gemacht. Heute baut er Holzmöbel in seinem Atelier hinter dem Haus.

Als er Anfang der 1970er-Jahre im asiatischen Land ankam, war er der Erste, der in der Kleinstadt Patong, dem bekanntesten Ort auf der Insel, eine Surfschule eröffnete. "Ich hatte nur ein Zelt und ein Surfbrett am Strand", erzählt der Auslandschweizer. Später arbeitete er im Tourismus und im Immobiliengeschäft, in einer Zeit, als die (wenigen) ausländischen Besuchenden ausschliesslich Rucksacktouristen auf der Suche nach Abenteuern waren.

Die Sandstrassen, die einsamen Strände und die Bambus-Bungalows auf Phuket sind heute nur noch eine ferne Erinnerung. 2014 besuchten über zwölf Millionen Touristen die Insel. 1990 waren es noch zehn Mal weniger. Wegen der explodierenden Preise und wilder Bautätigkeit hat Kiener sich entschieden, Patong zu verlassen und sich im weniger hektischen Chalong niederzulassen. Doch auch hier sieht er immer mehr westliche Gesichter.

Vier Mal mehr Schweizer

"Der Tourismusboom hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Schweizer Berufsleute aus der Gastronomie- und Hotelbranche in alle Ecken Thailands geführt", schreibt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in einer schriftlichen Antwort an swissinfo.ch.

Die steigende Nachfrage der Mittel- und Oberschicht nach Konsumgütern und Qualitätsprodukten habe zudem die Schweizer Exporte gefördert und in den Industrieagglomerationen Bangkoks die Ansiedlung von in der Uhren-, Chemie-, Pharmazie- und Maschinenbau-Branche tätigen Schweizerinnen und Schweizern begünstigt, so das EDA.

So hat sich in zwanzig Jahren die Anzahl der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer in Thailand mehr als vervierfacht und beträgt heute fast 8500 (nicht alle davon bei der Botschaft registriert).

Politische Instabilität kein Hindernis

In den südlichen Provinzen des Landes ist der Grossteil der 800 registrierten Schweizer bereits etwas älter, sagt Andrea Kotas, Vizepräsidentin der Swiss Society Phuket. "Ich würde sagen, etwa 80 Prozent sind Pensionierte, zum grössten Teil Männer. Sie wollen nicht in der Kälte leben, auch weil die Hitze ihnen gesundheitlich gut tut. Die Lebensqualität in Thailand ist gut, und die Preise sind günstig."

Die Sexindustrie, die auf Phuket immer grössere Dimensionen annimmt, scheint allerdings nicht einer der Motivatoren für eine Auswanderung zu sein. Oder zumindest nicht mehr, wie Martin Kaufmann erklärt, der Verantwortliche für Emigration Now, einer 1997 gegründeten Auswanderungs- und Ansiedlungsberatungsfirma in Zürich.

"Vor etwa 15 Jahren waren unsere Kunden fast alle 'einsame Wölfe'. Sie gingen nach Phuket, weil es dort einfach war, 'Eroberungen zu machen'. Das ist heute nicht mehr so, auch weil die Insel im Vergleich zu anderen thailändischen Regionen viel teurer geworden ist. Viele Auswanderer sind verheiratet oder heiraten vor Ort", sagt Kaufmann.

Neben dem Sexgewerbe ist Thailand (leider) auch bekannt für seine politische Instabilität. Die letzte, kürzliche Veränderung war der Militärputsch 2014. Doch die Auswirkungen auf die Auswanderung scheinen minim zu sein. "Überraschenderweise gehen die Leute trotzdem hin. Nur einige ältere Personen zwischen 65 und 70 Jahren haben wegen der Instabilität darauf verzichtet", so Kaufmann.

"Der Staatsstreich von 2006 gegen Premierminister Thaksin hat mich nicht daran gehindert, in Thailand leben zu kommen", sagt Paul Richle. "Und auch der Militärputsch vom letzten Frühling hat mir nicht Angst gemacht oder dafür gesorgt, dass ich über eine Rückkehr nachdenken würde", so der St. Galler, der seit 2008 auf Phuket lebt.

Weniger Hektik, weniger Verkehr

Andrea Kotas, seit 19 Jahren in Thailand, hat die Veränderungen im Land hautnah erlebt. Und sie beobachtete, wie die Entwicklung – touristisch und städtebaulich – auch negative Auswirkungen hat. "Wie ich es sehe, nimmt die Zahl der schweizerischen und deutschen Touristen auf Phuket ab. Die Leute erzählen mir, am Strand höre man nicht mehr so oft Deutsch wie früher. Heute kommen fast nur noch Russen."

Doch es sei nicht wegen der Russen, dass die Schweizer nicht mehr kämen, betont Kotas, die auch für SOS-Phuket verantwortlich ist, eine Agentur, die Ausländerinnen und Ausländern in Schwierigkeiten beisteht. "Wir hätten aber gerne wieder ein Phuket, wie es vor 10, 15 Jahren war: Ein ruhiger Ort, weniger hektisch und mit weniger Verkehr als heute."

Laut der ehemaligen Journalistin aus Biel hat sich auch die Haltung der Thailänderinnen und Thailänder gegenüber den Ausländern ein wenig verändert, zumindest auf Phuket. "Ich habe manchmal den Eindruck, mich nicht mehr willkommen zu fühlen. Oft ist die einzige Sache, die für sie zählt, das Geschäft."

Wasserschlauch statt WC-Papier

Trotz der Vermehrung der Motorroller, Hotels, Pizzerien und Go-Go-Clubs vermag die grösste thailändische Insel immer noch zu verführen. So verliessen Herbert und Monika Keller im vergangenen April die Schweiz, um ein neues Leben in den Tropen anzufangen.

Schweiz und Thailand

Die beiden Länder sind historisch und wirtschaftlich stark verbunden. Erste Kontakte fanden im 17. Jahrhundert statt. 1897 begannen die Verhandlungen für ein Wirtschafts- und Freundschafts-Abkommen, das 1931 unterzeichnet wurde.

1932 eröffnete die Schweiz in Bangkok ein Honorarkonsulat, 1949 eine Botschaft. Der gegenwärtige thailändische Monarch, König Bhumibol, hielt sich zwischen 1933 und 1950 zur Schulbildung in Lausanne auf.

In jüngster Zeit wurden die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verstärkt durch die starke Präsenz von Schweizer Firmen in Thailand (rund 150), die wachsende Schweizer Auslandsgemeinde und die thailändische Diaspora in der Schweiz.

Nach Singapur ist Thailand der stärkste Wirtschaftspartner der Schweiz in Südostasien. 2013 betrugen die Schweizer Exporte 1,1 Mrd. Fr. (zuvorderst Produkte der Uhren-, Pharmazie-, Maschinen und Chemie-Industrie), die Importe 995 Mio. Fr. (Maschinen, Uhrenbestandteile, Landwirtschaftsprodukte und Textilien).

Ende 2013 lebten gemäss Zahlen der Botschaft 7970 gemeldete Schweizerinnen und Schweizer in Thailand. 8879 Thailänderinnen und Thailänder lebten in der Schweiz.

(Quellen: EDA, Seco)

Herbert, 61-jährig, kannte Thailand bereits von Ferienaufenthalten. Er war sofort gefangen gewesen vom Lächeln und der Herzlichkeit der Menschen. "Vor ein paar Jahren hatte ich einen leichten Herzinfarkt. Ich fragte mich deshalb, ob ich weiterhin im Stress in der Schweiz leben will. Mit meiner Frau, auch sie war ausgebrannt, habe ich deshalb entschieden, auszuwandern", erzählt der Elektrotechniker.

Für 800 Franken monatlich mietet das Ehepaar ein gut unterhaltenes und bereits möbliertes Haus in einem ruhigen Quartier von Chalong. "In der Schweiz hätten wir uns so etwas nie leisten können, ausser ich hätte bis 70 gearbeitet", sagt er und zeigt auf den Swimmingpool. Sie haben sich in ein paar wenigen Monaten akklimatisiert. "Etwas schwierig war, sich daran zu gewöhnen, den Wasserschlauch statt WC-Papier zu benutzen", sagt er lachend.

Sei es auf Velo-Ausflügen, einer Segelschifffahrt oder Strandspaziergängen, das Paar hat sich der lokalen Mentalität angepasst. "Jeder Tag sollte eine Freude sein", sagt Herbert Keller. Ein Glück, das auf den Rappen genau berechnet ist: "Wir haben uns auf ein Monatsbudget von 4420 Franken festgelegt. Zwei Personen, alles inklusive."

Für Einwanderungswillige in Richtung Thailand hat der Neo-Auswanderer einen einfachen, aber wichtigen Tipp: "Machen Sie ein Budget und behalten Sie ihre Ausgaben im Auge." Auch in einem preiswerten Land wie Thailand ist es einfach, plötzlich ohne Geld dazustehen.

Thailändische Illusion

"Wir sehen immer mehr Menschen über 50, einige arbeitslos, die ihre Pensionskassengelder abheben, nach Thailand gehen und denken, sie könnten den Rest ihres Lebens mit 200'000 Franken bestreiten", sagt Thierry Feller, verantwortlich für die Website Quitter-la-suisse.ch, die Beratung für Ausreisewillige bietet. "Doch man kann das Geld leicht für Apéros, Privatkoch und Gärtner verbrennen. Und wenn das Geld ausgegangen ist, kehren sie in die Schweiz zurück."

Auch die Annahme, dass sich die Lebensqualität in jedem Fall verbessern werde, könne sich als trügerisch erweisen, warnt das EDA. Das Leben fernab von Heimat und Bekanntenkreis könne auch zu neuen Problemen führen, beispielsweise zu Einsamkeit nach dem Verlust des Partners.

Auch wenn er Single ist, denkt Rene Kiener überhaupt nicht an eine Rückkehr in die Schweiz. "Das wäre zu teuer, das könnte ich mir nicht leisten", sagt er. Seine Rente, die er von der Eidgenossenschaft erhält, sei nicht hoch, erklärt er, ohne aber die Quelle oder den Betrag preiszugeben.

Für Andrea Kotas wäre es auch möglich, Thailand eines Tages zu verlassen. "Vielleicht wenn ich einmal im Alter bin", sagt die Frau in ihren Fünfzigern. Schliesslich könne man überall glücklich werden. "Das Glück sollte nicht vom Wohnort abhängen."


(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch

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