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Schweizer Kulturpolitik 2016-2020


“Die Kultur fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt“


Von Isabelle Eichenberger


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Die Debatte im Parlament über die Kulturbotschaft 2016-2020 wird zur Feuerprobe für Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur. Für die erfahrene Politikerin ist der Zugang zur Kultur ein wenig das Pendant zur demokratischen Mitbestimmung.

Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur. (swissinfo.ch)

Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur.

(swissinfo.ch)

Nach der Vernehmlassung in den Parteien und Gremien hat die Regierung den Entwurf der Botschaft an das Parlament überwiesen. Das Budget für Kultur ist mit 1,12 Milliarden veranschlagt, was einer Erhöhung von 3,4% pro Jahr entspricht. Verstärkt werden soll vor allem die Filmförderung und die musikalische Bildung.

Zum ersten Mal spricht das Bundesamt für Kultur (BAK) von “nationaler Kulturpolitik“, ein Begriff, auf den gewisse Kantone nun reagieren. Doch Isabelle Chassot erinnert daran, dass die Kompetenzen des Bundes dort ins Spiel kommen, wo jene der Gemeinden und Kantone nicht mehr greifen.

swissinfo.ch: Wenn Sie Kultur meinen, woran denken Sie genau?

Isabelle Chassot: Ich denke sofort an ‘Kreativität’, in der Musik, im Theater, in der Kunst. Doch ich denke auch an ‘Sprachen’, an die Mehrsprachigkeit und wie die kulturelle Vielfalt unser Land prägt.

Isabelle Chassot

Geboren 1965, Studium der Rechtswissenschaften und Berufstätigkeit als Anwältin in Freiburg.

1995: Eintritt in die Bundesverwaltung und ab 1997 persönliche Mitarbeiterin von Bundesrat Arnold Koller und danach von Bundesrätin Ruth Metzler.

2001: Wahl der Christdemokratin in die freiburgische Regierung als Vorsteherin der Direktion für Erziehung, Kultur und Sport (EKSD). Sie wird 2006 und 2011 wieder gewählt.

Mai 2013: Ernennung zur Direktorin des Bundesamts für Kultur (BAK). Im November des gleichen Jahres tritt sie das Amt an.

swissinfo.ch: Ihr Programm ist auf drei Schwerpunkte ausgerichtet: “kulturelle Teilhabe, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Kreation und Innovation“. Können Sie dies noch etwas präzisieren?

I.C.: Die kulturelle Teilhabe strebt in erster Linie einen breiteren Zugang zur Kultur an und will die aktive kulturelle Tätigkeit für alle ermöglichen, wie zum Beispiel das Erlernen eines Instrumentes. Das Volk hat ja 2012 der Aufnahme der musikalischen Bildung in die Verfassung zugestimmt. Dieses Konzept von Kultur entspricht in etwa der demokratischen Mitbestimmung, denn ich glaube, dass in einer direkten Demokratie jeder und jede sich als Mitglied der Gesellschaft verstehen und sich folglich auch aktiv beteiligen sollte.

Einen zweiten Schwerpunkt setzen wir auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir möchten das Verständnis zwischen den Regionen fördern, nicht nur in sprachlicher Hinsicht, sondern auch in unserem sozialen und kulturellen Umfeld. Die Schweiz hat sich für ein Zusammenleben entschieden, was bedeutet, dass alle etwas dafür tun müssen, damit es auch so bleibt. Die Kultur eröffnet uns einen Weg in die Lebenswelt der andern und hilft uns, deren Identität zu verstehen.

Schliesslich setze ich grosse Hoffnungen auf die Kreation und die Innovation. Die Kultur hat die Mission, unsere Fähigkeiten zur Veränderung unserer Lebenswelt zu hinterfragen, davon bin ich überzeugt. Vergessen wir  nicht, dass die Kultur einen wichtigen ökonomischen Beitrag leistet. Sie schafft einen zusätzlichen Wert, sowie Arbeitsplätze in der Schweiz und im Ausland.

swissinfo.ch: Die Schweiz hat einen hervorragenden Ruf in der globalisierten Welt der Kunst. Besteht hier nicht ein Widerspruch zur lokal verankerten (nationalen) Volkskunst?

I.C.: Darin sehe ich keinen Widerspruch. Ich glaube, auch die Basis braucht den Anreiz zu innovativen Spitzenprodukten, die zum Renommee innerhalb des Landes und zur Sichtbarkeit beitragen. Das sind die zwei Seiten der gleichen Realität, und die gilt schliesslich auch für die Literatur und den Film.

Die Gegenüberstellung von populärer Kunst und elitärer Kunst mag ich nicht. Die eine Kunst bedingt die andere, und sie befruchten sich gegenseitig. Wichtig ist die Aktivität jedes Einzelnen und der Raum, den er der Kunst in seinem Leben gewährt. Es stimmt, markttechnisch gesehen nimmt die Schweiz in der internationalen Kunst den fünften Platz ein. Dies sollte für unsere Künstler Ansporn genug sein, auf ihre Art zum Image der Schweiz im Ausland beizutragen. Es ist auch richtig, dass viele Künstler erst im Ausland bekannt werden, aber dies ist eine Realität unseres fragmentierten Landes, das sich ja schon immer vom Ausland bestätigt fühlen wollte.

Kulturbotschaft 2016-2020

Der Bund beantragt 1,12 Milliarden Franken für die Kultur, dies ist eine jährliche Erhöhung von 3,4% im Vergleich zur Förderungsperiode 2012-2015. Dieser Betrag ist bestimmt für die Bereiche, die vom Bundesamt für Kultur, der Kulturstiftung Pro Helvetia und dem schweizerischen Nationalmuseum abgedeckt werden.

Der Entwurf sieht auch Mittel vor für die Schweizer Schulen im Ausland (110,1 Millionen) oder für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Schweizer Fahrenden (rund 3,5 Millionen) als kulturelle Minderheit.

Die Kantone und die urbanen Zentren übernehmen fast 40% der öffentlichen Finanzierung von Kultur, der Bund und die andern Gemeinden etwas mehr als 10%. Der Restbetrag kommt aus privaten Stiftungen.

swissinfo.ch: Es gibt Künstler wie Thomas Hirschhorn, der in volkstümlichen Kreisen manchmal Spannungen provoziert.

I.C.: Diese Spannungen gibt es, und es ist wichtig, dass wir uns ihnen stellen. Die Kunst hat die Aufgabe zu hinterfragen, Sicherheiten ins Wanken zu bringen und die Reflexion über den Stellenwert der Kunst in der Gesellschaft zuzulassen. Hier möchte ich aber unterscheiden zwischen volkstümlicher Kunst und, gegebenenfalls, ihrer politischen Instrumentalisierung. Denn die Populärkultur ist eine wahrhaftig gelebte Kultur, und jene, die sie pflegen, verstehen sie als Kunst des Zusammenlebens.

swissinfo.ch: Vor zwei Jahren haben die Schweizer Stimmbürger das Bundesgesetz über die Buchpreisbindung abgelehnt. Dieses hätte den kleinen Buchhandlungen einen Schub geben können, doch nun macht der hohe Frankenkurs noch zusätzliche Probleme.

I.C.: Der Buchmarkt ist grossem Druck unterworfen. Die Buchpreisbindung war ein strukturelles Mittel zu Gunsten der Buchhandlungen. Wie gesagt, das Gesetz wurde abgelehnt. Wir schlagen strukturelle Massnahmen zur Unterstützung der Verlage vor. Sie sind ein wichtiges Bindeglied zwischen Produktion und Vertrieb der Schweizer Literatur.

Wir möchten den Schwerpunkt auf die Qualität der Literatur legen. Gegebenenfalls unterstützen wir die Schweizer Verlagshäuser, die die literarische Produktion der Autoren mit immaterieller Arbeit begleiten. Diese Massnahmen sind auch eine Antwort auf die akuten Probleme mit dem Schweizer Franken. Am 1. Januar 2016 möchten wir unser ehrgeiziges Ziel in Angriff nehmen.

Eine zweite Massnahme betrifft die literarischen Übersetzungen, die unabdingbar sind für den Zugang zu allen Sprachregionen. Mit der Umsetzung wird die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia beauftragt.

swissinfo.ch: Wie die Literatur befindet sich auch das Schweizer Filmschaffen in einer erfreulichen Phase. Wird die Filmförderung  am meisten von der Erhöhung des Budgets für das Programm 2016-2020 profitieren?

I.C.: Sowohl der Film wie auch die Literatur erleben einen erfreulichen Aufschwung. Ihre Erfolge tragen viel bei zum positiven Image unseres Landes. Wir sollten uns auch daran erinnern, dass die Kultur zum Verständnis untereinander beitragen soll, unter Berücksichtigung der Randregionen. Im Bereich des Films werden wir nie die gleichen Mittel zur Verfügung haben wie die einsprachigen Staaten. Für die Steigerung der Qualität und die Unterstützung der Filmbranche müssen wir eine Auswahl treffen. In der nächsten Periode setzen wir den Schwerpunkt auf die Förderung von Schweizer Filmen im eigenen Land. Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR, dazu gehört auch swissinfo.ch) ist auch bestrebt, den Schweizer Film zu unterstützen, das ist ein gemeinsames Ziel.

swissinfo.ch: Die Botschaft führt den Begriff “nationale Kulturpolitik“ ein, auf den die Kantone reagierten. Der Bund übernimmt ja nur gerade 10%  der öffentlichen Unterstützung an der Kultur.

I.C.: Das Vokabular ist interessant. Auf den Begriff ‘national’ reagierte während der Vernehmlassung vor allem die Deutschschweiz. Es ist jedoch genau dieser Begriff, der in unserer Verfassung gewählt wurde. In Artikel 69 der Bundesverfassung steht, dass die Kantone für den Bereich Kultur zuständig sind und der Bund kulturelle Bestrebungen von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen und fördern kann.

Neben der Tatsache, dass der Bund für das Filmschaffen verantwortlich ist, beschränkt sich seine Rolle jedoch nicht nur auf das Budget. Bund, Kantone, Städte und Gemeinden sind sich der Wichtigkeit bewusst, eine möglichst kohärente Politik zu verfolgen und die Aufteilung der Rollen zu verbessern. In diesem Punkt profitiert der Bund von einer 360 Grad-Sicht, jenseits von Sprach- oder Landesgrenzen. Sein Auftrag ist die Sprachenvielfalt zu garantieren, dazu beizutragen, das Kulturschaffen zwischen den Sprachregionen und dem Ausland zu unterstützen und zu fördern.

2011 wurde ein nationaler Kulturdialog ins Leben gerufen, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen staatlichen Ebenen besser abzustimmen. Erste Resultate wurden im Bereich Literatur erzielt. Ein Katalog über alle existierenden Fördermassnahmen hatte zum Ziel, die Effizienz zu steigern, Synergien zu schaffen und die Koordination zu verbessern.

swissinfo.ch: Was glauben Sie, welches sind die Punkte, die Sie im Parlament am meisten verteidigen müssen?

I.C.: Die heikelste Diskussion wird es um die vom Bundesrat bewilligte, zugesprochene Erhöhung der Mittel geben. Diese Mittel sind jedoch an vorgesehene Massnahmen gebunden, wie die Unterstützung der Literatur, dem Programm Jugend und Musik, der Produktion von Schweizer Filmen oder der Förderung des Italienischen. Wir haben Prioritäten gesetzt und die Erhöhung der Mittel auf diese Neuerungen beschränkt. Werden die Mittel nicht gewährt, müssen wir die neuen Massnahmen streichen, denn mit weniger wird es nicht gehen.


(Übertragen aus dem Französischen von Christine Fuhrer), swissinfo.ch

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