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Währungen


Sichere Häfen wird es immer geben, aber mit mässigem Erfolg


Von Matt Allen, Davos


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Investoren werden trotz der Aufhebung des Mindestwechselkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) weiterhin den sicheren Hafen des Schweizer Frankens ansteuern. Dieser Meinung sind zahlreiche Experten am World Economic Forum (WEF) in Davos.

"Gibt es heute noch so etwas wie einen sicheren Hafen?" Diese Frage stellt eine Podiumsdiskussion am Wirtschaftstreffen im Bündner Ferienort. Schweizer Exporteure und die Tourismusbranche werden betrübt sein zu hören, dass die Antwort ein bedingtes Ja ist. Investoren werden in belasteten Zeiten immer auf der Suche sein nach traditionellen Regionen der Sicherheit, doch die gegenwärtige Volatilität zeigt, dass jeder Hafen eine Belastungsgrenze hat.

Die politische Kehrtwende der SNB war ein solcher Fall. Die Schweizer Zentralbank hätte theoretisch den Franken für immer verteidigen können, doch sie musste letzten Endes eingestehen, dass die Untergrenze von 1,20 Franken zum Euro nicht mehr aufrechtzuerhalten war.

Der politische Druck im Inland, kombiniert mit der Unsicherheit in Russland, sinkenden Ölpreisen und der Drohung der Europäischen Zentralbank (EZB) einer quantitativen Lockerung schufen jenen perfekten Sturm, der die SNB schliesslich in die Knie zwang.

Trotzdem rennen die Investoren weiterhin dem Franken die Türe ein. So stiegen die Einlagen kommerzieller Banken bei der SNB im Verlauf einer Woche von 388,7 Milliarden Franken auf 402 Milliarden. Und dies trotz der Ankündigung von Negativzinsen und dem Ende der Euro-Untergrenze.

Den Überblick in dieser Situation behalten muss David Puth, Chef der CLS Group, die täglich Devisen im Umfang von 5 Billionen US-Dollar handelt. Der Umfang des Handels habe sich am Tag der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die SNB verdoppelt, sagt er.

"Bei uns gingen rekordmässige 2'250'000 Währungs-Transaktionen im Umfang von 9,2 Billionen US-Dollar über den Tisch, und das alles in einem Zeitrahmen von 45 Minuten", erzählt er. Etwa die Hälfte der Transaktionen hätten den Schweizer Franken betroffen, so Puth.

Häfen "en vogue"

Der Franken hatte gegenüber dem Euro in wenigen Stunden um 30 Prozent an Wert gewonnen. Kurz danach flachte er auf Parität mit der europäischen Einheitswährung ab, wo er sich zur Zeit befindet. Puth glaubt aber nicht, dass sich Investoren von der gegenwärtigen Volatilität des im Normalfall stabilen Schweizer Frankens abschrecken lassen.

"Die SNB versuchte alles Menschenmögliche, um die Leute davon abzuhalten, in den Franken zu investieren, doch das klappte einfach nicht", sagt er. "Die Welt ist gegenwärtig ein volatiler Ort. Die Zinssätze fallen überall, und es herrscht ein Deflationsdruck in den meisten Ländern der entwickelten Welt. Ich denke, die Leute sehen die Schweiz weiterhin als Investitionsort, weil es keine grosse Auswahl an Alternativen gibt."

Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann von der Universität Zürich pflichtet bei, dass die Schweiz weiterhin ein Opfer ihres eigenen Erfolgs bleiben werde, indem sie in unsicheren Zeiten ungewollte Investitionsvolumen anziehe.

"2007 glaubten die Ökonomen, dass der Effekt des sicheren Hafens angesichts des damals sehr starken Euros verschwunden sei. Ein Jahr später kam der sichere Hafen wieder sehr in Mode", sagt er.

"Seit 2011 hat die Schweizer Wirtschaft nicht viel besser gewirtschaftet als Schweden oder Norwegen, doch die Märkte haben eine historische Tradition, in den Franken auszuweichen, wenn wichtige Währungen in Schieflage geraten. Die Märkte reagieren nicht absolut rational."

Knistern im Gebälk

Die Teilnehmer am WEF gehen nicht davon aus, dass sich die Dinge in der Schweiz wesentlich besser entwickeln werden. Der Grund: Einige Notenbanken verabschieden sich von ihrer Politik, die Wirtschaft ihres Landes künstlich zu beatmen, allen voran die Federal Reserve in den USA. Die EZB und andere hingegen fahren fort oder intensivieren sogar die Strategie, die Märkte mit Geld zu fluten.

Dies werde in eine "Epoche der riesigen unerwarteten Volatilität" münden, glaubt Anthony Scaramucci, Gründer und Direktor der alternativen US-Investmentfirma Skybridge Capital.

Guillermo Ortiz, ehemaliger Direktor der mexikanischen Zentralbank, sagte an einer WEF-Diskussionsrunde, dass "die Divergenz der Geldpolitik von Notenbanken verschiedene Schichten von Risiken schafft in Form von Unsicherheit und Volatilität".

Die Notenbanken alleine könnten die Probleme der globalen Wirtschaft aber nicht lösen, darüber herrscht am WEF weitgehend Konsens. Gegen den Sturm seien vor allem staatliche Reformen gefragt, etwa im Bereich der Renten oder zur Verringerung von Abfällen.

Die Volatilität der Kurse werde die Attraktivität von sicheren Häfen, zu denen der Schweizer Franken traditionell zähle, nur etwas schmälern, sagt David Puth. In unruhigen Zeiten bleibe die Schweiz attraktiv für Investoren.

"Die Schweiz hatte das Problem, dass sie einen Berg von Devisenreserven anhäufte, der das ganze System unter sich zu begraben drohte. Ihr blieb keine andere Wahl als der Rückzug", so Puth. Doch er warnt: "Ich halte es für unmöglich, dass sich im gegenwärtigen Klima eine mittelgrosse Wirtschaft wie die Schweiz als erfolgreicher sicherer Hafen halten kann."


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub und Renat Künzi), swissinfo.ch

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