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Sinkende Zahlungsmoral Deshalb boomen Betreibungen in der Schweiz

Stempel auf dem Pult in der Verwaltung

Die Schweiz ist das einzige Land in Europa, wo Betreibungen ohne Rechtstitel (öffentliche Urkunde, die einen Rechtsanspruch belegt) möglich sind. 

(sda-ats)

Steht es mit der Schweizer Zahlungsmoral so schlecht, wie es gewisse Studien vermuten lassen? Tatsache ist, dass sich die Zahl der Betreibungen in den letzten 20 Jahren verdoppelt hat. Immer mehr Menschen begleichen vor allem Rechnungen für Steuern, Krankenkassen oder fürs Online-Shopping nicht oder nicht rechtzeitig.

"Nur Griechen bezahlen Rechnungen unpünktlicher", titelte die Sonntagszeitung Ende des letzten Jahres. Sie berief sich auf einen "europäischen Schulden-Reportexterner Link" der Inkasso-Firma Intrum, die laut eigenen Angaben fast 25'000 Personen in 24 europäischen Ländern nach deren Zahlungsverhalten befragt hatte. Von den in der Schweiz Befragten gaben 54% an, dass sie es in den letzten 12 Monaten mindestens einmal versäumt hätten, eine Rechnung rechtzeitig zu begleichen. Damit landete die Schweiz auf dem zweitletzten Rang dieses europäischen Rankings.

Grafik Betreibungen 1998 bis 2017

Liniengrafik Betreibungen 1997 bis 2017

Betreibung leicht gemacht

Auch das Vergleichsportal Comparis kam Ende Jahr zum Schluss, dass die Zahlungsmoral der Schweizer Bevölkerung unrühmlich sei. "Jeder Vierte wurde schon einmal betrieben. Jeder Siebte hat aktuell einen negativen Eintrag im Betreibungsregister. Besonders die tiefen Einkommen und die Romands [Westschweizer] sind betroffen", schrieb Comparis gestützt auf eine eigene Umfrage.

Daraus abzuleiten, dass es mit der Zahlungsmoral in fast allen anderen Ländern Europas besser bestellt sei als in der Schweiz, wäre verfehlt. Aber ein Indiz dafür, dass diese auch hierzulande sinkt, ist die fast jährlich steigende Zahl der Betreibungen und Konkursverfahren. Erstere haben sich in den letzten 20 Jahren auf rund 650'000 (2017) fast verdoppelt, letztere sind in der gleichen Zeitspanne um rund 50% gestiegen. Besonders fleissig betreiben Steuerämter und Krankenkassen, die verpflichtet sind, ausstehende Zahlungen auf dem Rechtsweg einzufordern. "Die meisten Betreibungen betreffen nichtbezahlte Rechnungen für Steuern, Krankenkassen oder Online-Shopping", bestätigt Roland Isler, Mediensprecher der Konferenz der Betreibungs- und Konkursbeamten der Schweizexterner Link. Stark zugenommen habe vor allem die Jugendverschuldung. Isler bezweifelt aber, ob dieses Problem in der Schweiz im Vergleich mit den meisten anderen europäischen Ländern am grössten ist.

Die unterschiedlichen Verhältnisse in den einzelnen Ländern liessen einen Vergleich nicht zu, sagt er und nennt ein Beispiel. "Die Schweiz ist in Europa das einzige Land, in dem man jemanden ohne Rechtstitel [öffentliche Urkunde, die einen Rechtsanspruch belegt] betreiben kann."

Dass die Verschuldung gegenüber dem Fiskus in der Schweiz im Ländervergleich sehr hoch ist, dürfte insbesondere am hiesigen Steuersystem liegen. Anders als in vielen anderen Ländern werden in der Schweiz die Steuern nicht direkt vom Lohn abgezogen. Die Behörden ermitteln die Steuerbelastung jedes einzelnen anhand der von den Steuerzahlern selbst deklarierten Einkommen und Vermögen.  

Auslaufmodell "Geld gegen Ware"

Zu einer ähnlichen Einschätzung der Schweizer Zahlungsmoral kommt Dieter Kläy vom Schweizerischen Gewerbeverbandexterner Link (SGV). "Mit ein Grund für die Zunahme der säumigen Zahler sind sicher die modernen Zahlungsmittel und das neue Konsumverhalten. Der früher übliche Ablauf 'Geld gegen Ware' wird immer seltener", sagt Kläy.

Eine nach wie vor hohe Zahlungsmoral, auch im internationalen Vergleich, attestiert der Gewerbevertreter hingegen den Unternehmen in der Schweiz. Kläy ist optimistisch, dass dies so bleiben wird. "Wir gehen davon aus, dass es in Zukunft keinen grossen Zerfall der Zahlungsmoral gibt. Der Wirtschaft geht es gut; wir haben eine historisch tiefe Arbeitslosigkeit von 2,4%."

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