Solidaritätswelle für Berner Traditionszeitung

Der Bund - eine Zeitung mit einer langen Geschichte.

Im Zuge der Konzentration sind Schweizer Zeitungen am Verschwinden – ein Symbol für diese Entwicklung ist Der Bund. Leserbriefe und die von rund 11'000 Leuten unterschriebene Petition zeigen, wie stark sich die Leser mit dem Blatt identifizieren.

Die Berner Tageszeitung Der Bund erfährt zurzeit eine regelrechte Solidaritätswelle: Tausende von Lesern sind um ihre Zukunft besorgt.

Die Tamedia AG hat als Besitzerin zwei Szenarien angekündigt: Entweder die Fusion mit der Berner Zeitung oder eine enge Kooperation mit dem Zürcher Tages-Anzeiger. Entschieden wird voraussichtlich in rund zwei Monaten.

Für viele Leser des liberal-freisinnigen Bund ist namentlich die erste Option keine: Für sie ist eine Verschmelzung ihres auf Qualität bedachten Leibblattes mit der auf Boulevard setzenden Berner Zeitung schlicht unvorstellbar.

"Geistige Leibspeise"

Ein Blick in die Leserbriefe und Online-Kommentare zeigt, dass für die Leser der Bund mehr ist als ein Informationslieferant.

"Lieber Bund, von Kindsbeinen an (ich kam während des Zweiten Weltkriegs zur Welt) bist du mein täglicher Begleiter (...) Wenn es dich nicht mehr geben sollte, lese ich nur noch Überschriften und höre Radio", schreibt etwa Margarete Dubach aus Bützberg in einem Leserbrief.

"Mit dem Bund ginge mir ein bedeutendes Stück Stadtberner Identität verloren", so der Online-Kommentar von Rudolf Boesiger aus Bern. Bern ohne den "Bund" sei wie Bern ohne die Aare, schreibt ein anderer Bund-Leser.

Die Zeitung wird als "Kronjuwel der Schweizer Medien", als "geistige Leibspeise", als "Kulturgut" gelobt. Es ist von einer "Sprache der Werte", von qualitativ hochwertigen Inhalten und differenzierter, vielseitiger und kritischer Berichterstattung die Rede, die zum Nachdenken und Diskutieren anregt und die Neugierde weckt.

"Die Zeitung hat eine Identität"

Doch wie kommt es, dass sich Leser so mit einer Zeitung identifizieren? "Die Zeitung hat eine Identität, eine Art Persönlichkeit. Sie liefert nicht nur Informationen, sondern sie ist eine Partnerin, zu der man eine Beziehungsebene aufbaut", sagt Louis Bosshart, Leiter und Professor des Fachbereichs Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg gegenüber swissinfo.

Und die Zeitung hat ein Gedächtnis. Der Bund ist bald 160-jährig, er hat viele Leser über Jahrzehnte durch den Alltag begleitet. Ist eine solche Bindung bei den heutigen Fusionsprodukten und Neulancierungen überhaupt noch möglich? Nicht nur die Austauschbarkeit der verschiedenen Produkte habe zugenommen, sondern auch die Loyalität, sagt Bosshart.

Die Leserschaft des Bundes, die einem gehobenen Lesersegment entspricht, habe Angst, vor der schwindenden Qualität auf dem Zeitungsmarkt. Sie baue auf ihr Leibblatt als "Lotsen in der Info-Fülle".

Petition "Rettet den Bund"

Die Bund-Fans wollen die Traditionszeitung der Bundesstadt nicht einfach so sterben lassen. Im Kampf für ihr Leibblatt greifen sie zu den Mitteln der Internet-Kommunikation: Facebook, Spendenaufrufe per E-Mail - und Online-Petition.

Die Online-Petition "Rettet den Bund", die fordert, dass der Bund, "im Strudel von Restrukturierungen und Sparmassnahmen nicht zerstückelt wird", wurde innert kürzester Zeit von über 11'000 Menschen unterschrieben.

Die Petitionäre plädieren für den eigenständigen Erhalt des Bundes. Denn für die Meinungsvielfalt brauche Bern zwei Zeitungen.

"Der Gedanke, dass die Perspektive der Bundeshauptstadt im politischen Diskurs nicht mehr aufscheint, ist für viele Bund-Leser unterträglich. Es passt nicht zum Demokratieverständnis der Schweiz", sagt Mark Balsiger, PR-Fachmann und Koordinator des Komitees "Rettet den Bund".

Fehlender öffentlicher Diskurs

In Basel habe der öffentliche Diskurs durch die Fusion 1977 der nonkonformen National-Zeitung mit den liberalen Basler Nachrichten gelitten, sagte jüngst Roger Blum, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern. Dasselbe gelte für die Städte Luzern, Schaffhausen, St. Gallen, Aarau, Baden und Freiburg, deren Tageszeitungen mittlerweile über eine Monopolstellung verfügen.

Blum gehört zum Kopräsidium des Komitees "Rettet den Bund". Darin finden sich etwa SP-Ständerätn Simonetta Sommaruga und FDP-Nationalrätin Christa Markwalder, Verwaltungsratspräsident der Valiant Holding AG Roland von Büren und Konzernleiter der Schweizerischen Post Ulrich Gygi sowie verschiedene Künstler.

Verkauf für einen Franken

Die Bund-Leser bieten auch Lösungsvorschläge an. Viele möchten für ihre Qualitätszeitung auch gerne mehr bezahlen.

Die Tamedia solle den Bund für den symbolischen Betrag von einem Franken zum Beispiel der Redaktion verkaufen, ist eine von den Lesern vorgebrachte Idee. Damit würde der Zürcher Medienkonzern das Zeugnis ablegen, dass es ihm auch um Geist und Medienvielfalt geht, nicht nur um Rendite, so Balsiger.

Das Engagement der Bund-Anhänger steht in Kontrast mit den fehlenden Leserzahlen der Zeitung. Der Bund häuft mit seiner bescheidenen Auflage von rund 56'000 Exemplaren seit Jahren Verluste an.

"Es ist ein Generationenwechsel bei den Lesern zu beobachten", sagt Bosshart. Die anspruchsvollen Bund-Leser seien ein schwindendes Lesersegment.

Er warnt vor der zunehmenden Fragmentierung der Leserschaft. "Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht und sich die entsprechenden Infos im Internet und in den Gratiszeitungen individuell zusammen sucht, wirkt das der Integration entgegen."

Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft mit zunehmender Boulevardisierung und Kommerzialisierung. "Waren früher Zeitungen noch Manifestationen politischer Art, sind sie heute vergleichbar mit dem Verkauf von Versicherungen", so Bosshart.

swissinfo, Corinne Buchser

Der Bund

Der Bund wurde 1850 gegründet. Die Berner Tageszeitung, die sich als Sprachrohr der Bundespolitik und Verfechterin der neuen Bundesverfassung verstand, bekannte sich zu den Grundprinzipien freisinniger Politik.

1890-1967 erschien das Blatt zweimal täglich.

1895 beteiligte sich die Zeitung an der Gründung der Schweiz. Depeschenagentur.

Ende der 1980er Jahre geriet der Bund durch starken Inseraterückgang und zunehmende Konkurrenz durch die Berner Zeitung (BZ), einem auflagestarken Konglomerat von vielen kleineren Zeitungen, in finanzielle Bedrängnis.

1992 übernahm Ringier den Bund.

1995 übernahm die NZZ die operative Führung des Bundes, um 1998 auch 80% des Aktienkapitals zu erwerben.

2003 wird der Bund von der Espace Media Group übernommen, zu der auch die BZ gehört.

Seit 2007 ist die Tamedia AG Mehrheitsaktionärin der Espace Media Group.

Diese prüft nun eine enge Kooperation des Bund mit dem Tages-Anzeiger oder den Zusammenschluss mit der BZ zu einer neuen Regionalzeitung.

Reaktion der Regierung

Die Berner Kantonsregierung richtete kürzlich einen schriftlichen Appell an Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino.

Im Schreiben steht, man würde es "aus demokratie- und medienpolitischer Sicht" bedauern, wenn die Zeitung Der Bund als redaktionell eigenständiges Presseprodukt aufgegeben würde.

Die Kantonsregierung erachte es als wichtig, dass auch in der Hauptstadt Bern weiterhin zwei Tageszeitungen mit eigenständigen Redaktionen das politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Geschehen eng begleiten.



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