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Sotschi 2014


Menschenrechte im Fokus der "Putin-Spiele"




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Anti-Putin-Proteste in London im Sommer 2013. (Keystone)

Anti-Putin-Proteste in London im Sommer 2013.

(Keystone)

Während die Sorgen um die Sicherheit und die Einhaltung der Menschenrechte im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi gestiegen sind, bereiten sich die Schweizer Sportler mit Hochdruck auf die Spiele vor. Nichtregierungs-Organisationen testen die Grenzen der Meinungsfreiheit.

"Es ist unverständlich, dass zwei Schweizer Minister, einschliesslich des Präsidenten, nach Sotschi gehen, während die Präsidenten anderer Länder auf eine Teilnahme verzichten", sagt Mehdi Künzli von der Schwulenorganisation Pink Cross gegenüber swissinfo.ch.

Der Schweizer Aussenminister, der 2014 gleichzeitig Bundespräsident ist, wird an der Eröffnungszeremonie am 7. Februar teilnehmen. US-Präsident Barack Obama, der französische Präsident François Hollande und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck hingegen verzichten auf eine Teilnahme.

Der Schweizer Sportminister Ueli Maurer wird später nach Sotschi reisen und die über 160 Schweizer Athleten beehren, von denen sich nur eine Athletin offen zu ihrer Homosexualität bekennt.

Olympia 2014 in Zahlen

Die XXII Olympischen Winterspiele finden vom 7.-23. Februar 2014 in Sotschi statt, die Paralympischen Winterspiele vom 7.-16. März.

11 neue Sportanlagen wurden in Sotschi gebaut, die insgesamt 120'000 Sitzplätze anbieten.

In 7 Olympischen Disziplinen werden insgesamt 98 Medaillensätze vergeben.

In Sotschi werden 6000 Olympionikinnen und Olympioniken sowie Teammitglieder (Trainer, Ärzte, usw.) untergebracht.

25'000 Freiwillige werden die Spiele betreuen.

Für die Spiele sind rund 13'000 Journalistinnen und Journalisten akkreditiert.

Es wird erwartet, dass rund 3 Milliarden Menschen die Spiele am Fernsehen oder auf mobilen Geräten verfolgen werden.

Schwulenfeindlich

Einer der Haupteinwände der Aktivisten ist ein Gesetz, das der russische Präsident Wladimir Putin im Juni 2013 unterzeichnet hat und das jegliche "Propaganda für nicht traditionelle sexuelle Beziehungen" verbietet.

"Russland ist eine Katastrophe für die Gemeinschaft der Lesben, Homosexuellen, Bisexuellen und Transvestiten und für Nichtregierungs-Organisationen, die sich um die Menschenrechte kümmern. Wir können nicht verstehen, dass Politiker dorthin gehen und Putin die Hand schütteln", sagt Künzli: "Offenbar ist ihnen die Politik wichtiger als die Menschenrechte." Dennoch rufen weder Pink Cross noch die russischen Schwulen-Organisationen die Sportler zum Boykott der Spiele auf.

Ueli Maurer seinerseits sagte kürzlich, ein Boykott der Spiele mache keinen Sinn, denn Sportveranstaltungen sollten nicht politisiert werden.

Terrorwarnungen

Allerdings ist die mögliche Beeinflussung der Jugend durch Homosexuelle aktuell eine der kleineren Sorgen Putins. Am 7. Januar gelobte er, er wolle alle Terroristen in Russland "vernichten", nachdem bei zwei Bombenanschlägen in der südlichen Stadt Wolgograd 34 Menschen getötet worden waren.

Die Terroristen wollen die Gegend um Sotschi, einen Badeort der ehemaligen Sowjetunion, in einen islamischen Staat verwandeln.

Das Schweizer Aussenministerium warnt in seinen Reisetipps für Russland davor, dass "trotz der verschärften Sicherheitsmassnahmen, die Gefahr weiterer Terrorakte nicht ausgeschlossen werden" könne.

 (swissinfo.ch)
(swissinfo.ch)

So teuer wie nie zuvor

Die Olympischen Spiele 2014 - die ersten in Russland seit den Sommerspielen 1980 in Moskau, die von einem US-Boykott überschattet wurden - sollen zeigen, wie Russland sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 verändert hat. Mit einem Budget von rund 45 Milliarden Franken sind es die teuersten Olympischen Spiele aller Zeiten.

Keine Delegation plant einen Boykott der Spiele, und auch unter den selektionierten Schweizer Athleten wird keiner die Spiele boykottieren, wie Martina Gasner, Sprecherin von Swiss Olympic ausführt.

Sie erinnert jedoch daran, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) Richtlinien und Bedingungen für die Teilnahme an Olympischen Spielen erlassen hat, die jeder Athlet unterschreiben muss. Damit verpflichtet er sich zur Achtung der olympischen Charta. "Das war immer so. Es ist nicht neu für Sotschi. Olympische Spiele dürfen nicht für politische Aussagen missbraucht werden", sagt Gasner gegenüber swissinfo.ch: "Würden beispielsweise Athleten ihre Fingernägel mit den Farben der homosexuellen Bewegung bemalen, dann würde das Komitee wahrscheinlich einschreiten."

Swiss Olympic empfiehlt den Athleten, bestimmte politische Themen vorsichtig zu kommentieren, "aber das ist kein Maulkorb. In der Schweiz gibt es die Meinungsäusserungs-Freiheit und die Athleten können über Russland sprechen, wenn sie wollen", so Gasner.

House of Switzerland

Ein Ort, wo das möglich ist, ist das House of Switzerland, einer von vier nationalen Pavillons, der sich an Sotschis Küste befindet. Die Austragungsorte befinden sich in den Bergen.

Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz, bestreitet, dass es dort lediglich vier Pavillons gebe, weil die anderen Ländern ihren Auftritt in Sotschi möglichst zurückhaltend gestalteten.

"Die grossen Alpenländer sind sportorientierter und haben beschlossen, in den Austragungsorten präsent zu sein", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Wir sind nicht nur für den Auftritt des Sports im Ausland, sondern für das ganze Land zuständig. Deshalb haben wir uns entschieden, in Sotschi präsent zu sein, also da, wo die Leute normalerweise hingehen."

Sotschi

Sotschi liegt am Schwarzen Meer am Fuss des nördlichen Kaukasus-Gebirges.

Die Stadt hat 430'000 Einwohner, die sich aus mehr als 100 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammensetzen.

Die Stadt bedeckt eine Fläche von 200'000 ha, 30'000 davon sind Grünanlagen und Naturschutz-Gebiete. Sie erstreckt sich über 140 km der Küste entlang.

Die Region liegt in einer feuchten subtropischen Zone, auf gleicher Höhe wie Nizza, Toronto, Almaty und Wladiwostok (43 Grad nördlicher Breite).

Demoverbot gelockert

Im Vorfeld der Spiele ist die Aufregung um den Sport etwas in den Hintergrund gerückt, und die Frage der Menschenrechte ist besonders im Westen wichtiger geworden.

"Mit Blick auf die Meinungsfreiheit hat sich die Situation in Russland in den letzten 12 Monaten deutlich verschlechtert", sagt Reto Rufer von Amnesty International Schweiz gegenüber swissinfo.ch: "Ein deutliches Zeichen ist die Einführung einer Reihe von repressiven Gesetzen, mit denen die Regierung ihre Kritiker zum Schweigen bringen kann."

Es gibt Anzeichen dafür, dass Putin nicht taub ist für die internationale Kritik. So will Russland nun gewisse, bewilligungspflichtige Protestveranstaltungen zulassen. Am 4. Januar hat Putin ein generelles Verbot von Demonstrationen in und um Sotschi aufgehoben, ein Schritt, den das IOC als "Teil der Pläne auf freie Meinungsäusserung während der Spiele" begrüsst.

Temporäres Scheinwerferlicht

Auch Nichtregierungs-Organisationen argumentieren, grosse Sportereignisse würden die Länder zwingen, ihre Haltung zu überdenken, da sie im globalen Scheinwerferlicht ständen. So haben die russischen Sektionen der Umweltorganisationen Greenpeace und WWF die Vergabe der Spiele nach Sotschi begrüsst.

"Es ist aber auch möglich, dass das russische Regime nach den Olympischen Spielen das Regime jeden, der in seinen Augen für eine negative Wahrnehmung Russlands gesorgt hat, näher unter die Lupen nehmen wird", sagt Rufer.


(Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch



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