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Sotschi 2014


Olympische Winterspiele im Schatten der Palmen


Von Nadja Capone, Sotschi


Der Eisberg, Wintersport-Palast im Olympischen Park von Sotschi. (AFP)

Der Eisberg, Wintersport-Palast im Olympischen Park von Sotschi.

(AFP)

Das subtropische Sotschi, Russlands "dritte Hauptstadt", empfängt die Olympischen Winterspiele. Diese haben das Gesicht des Ferienorts am Schwarzen Meer bereits grundlegend verändert. Nicht alle Einheimischen sind davon begeistert. Das ergab ein Augenschein, wenige Wochen vor der Eröffnung der Spiele.

Wer Sotschi zum ersten Mal besucht, sollte Folgendes beachten: Die als "Gross-Sotschi" bekannte Region erstreckt sich der Küste entlang über 140 Kilometer. Das Verkehrschaos erstaunt sogar Besucher aus Moskau, die selber mit Staus vertraut sind.

Adler, zum Beispiel, wo sich der internationale Flughafen befindet, ist nicht eine Stadt für sich, wie viele Leute meinen, sondern nur ein Distrikt von Sotschi. In Adler und im Gebirge von Krasnaja Poljana werden die Olympischen Spiele ausgetragen.

Vom Flugzeug aus betrachtet, ruft der erste Eindruck von Sotschi Sommerferien-Gefühle wach, und die Magnolien und Palmen in der Stadt lassen kaum erahnen, dass es sich um die Kapitale der Olympischen Winterspiele handelt.

Was denken die Einheimischen über den internationalen Grossanlass, der in ihrer Stadt stattfinden wird? Taxifahrer Rafael Chokolyan, der seit mehr als 20 Jahren in Sotschi lebt, freut sich auf die Spiele. Er war nach dem Zerfall der Sowjetunion aus Abchasien hergekommen.

"Die Stadt verändert sich vor unseren Augen. Es entstehen neue Strassen, neue Hochstrassen und andere Infrastrukturanlagen", schwärmt er.

Taxifahrer Rafael Chokolyan begrüsst die Spiele in seiner Stadt. (swissinfo.ch)

Taxifahrer Rafael Chokolyan begrüsst die Spiele in seiner Stadt.

(swissinfo.ch)

Aber der einheimische Unternehmer Igor Parkhomenko ist der Meinung, dass es für die Olympischen Spiele besser wäre, wenn sie anderswo ausgetragen würden. Ob er dabei auch an die herrschenden Temperaturen von 16 Grad über Null denkt?

Parkhomenko hat ein kleines Büro in der Nähe des Bahnhofs, wo sich zahlreiche Turmkrane und auch Grünanlagen mit südlicher Vegetation befinden. "Noch gibt es viele Schönheiten hier", bemerkt er und erinnert an die begeisterungslose Reaktion der Bevölkerung, als bekannt wurde, dass die Spiele in ihrer Region stattfinden würden.

Viele seiner Bekannten aus anderen Regionen Russlands waren erstaunt über so wenig Begeisterung: "Sie haben mir gesagt, 'wie kann man euch zufrieden stellen? Man vergibt euch diesen grossen Event und ihr beklagt euch darüber'.

Sie sollten herkommen und neben den Baustellen, den Lastwagen, dem dauernden Lärm und Staub leben. Das Ausmass dieser Bautätigkeit hat zur Folge, dass die Infrastruktur zusammenbricht: Mal ist es die Wasserversorgung, mal wird das Gas abgestellt. Überall wird schrecklich viel gebaut: Sportanlagen, Hochstrassen, Geschäftshäuser oder Hotels. Und dies alles seit sechs Jahren."

Igor Parkhomenko erkennt wenig Begeisterung bei den Einheimischen. (swissinfo.ch)

Igor Parkhomenko erkennt wenig Begeisterung bei den Einheimischen.

(swissinfo.ch)

Chokolyan hat eine andere Sicht der Dinge: "Die Bautätigkeit verursacht nicht nur Lärm und Staub. Sie hat auch Vorteile. Neue Jobs entstehen. Ich weiss nicht, wie viel sie auf den Baustellen verdienen, aber solange sie dort arbeiten, sind sie zufrieden: mit der Arbeit, den Arbeitsbedingungen und dem Geld."

Das einzige, das ihn stört: "Ich muss mein Auto zweimal täglich waschen. Aber sie werden alles in Ordnung bringen, den Staub beseitigen und unser Sotschi wird glänzen."

Infrastruktur und Verkehrschaos

Alle haben das magische Wort "Infrastruktur" auf den Lippen. Die vielen neuen Verkehrsachsen sind tatsächlich eindrücklich. Trotzdem ist das Verkehrsproblem noch nicht gelöst. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass ursprünglich geplant war, Sotschi als Ferienort zu entwickeln. All die Hochhäuser waren nicht vorgesehen und die Strassen waren nicht für das grosse Verkehrsaufkommen konzipiert. Die meisten Strassen sind bloss zweispurig und bei Pannen oder Unfällen bricht der Verkehr zusammen.

"Die Leute vergessen die negativen Dinge schnell", sagt Oleg Smerechinsky, der in Sotschi eine Buchhandlung besitzt. "Zwei oder drei Jahre vor dem Entscheid (Vergabe der Spiele an Sotschi) dauerte es manchmal bis zu sechs Stunden, um die 3,4 Kilometer vom Zentrum in Adler via Adler-Ringstrasse zum Bahnhof zurückzulegen. Auf dieser Route gab es eine zweispurige Strecke, in welche vier oder fünf Anschlussstrassen mündeten. Heute dauert es, wenn man Pech hat, höchstens eine Stunde.

Der junge dynamische Mann hat eine pragmatische Sichtweise auf das, was sich in Sotschi abspielt. "Wenn man für mehrere Milliarden Rubel neue Verkehrsachsen baut, ist die Frage erlaubt, ob all das Geld am richtigen Ort landet, aber nicht, ob eine Hochstrasse nötig ist. Dass die Strasse gebaut werden musste, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel."

Für Smerechinsky ist dies ein positiver Effekt der Olympischen Spiele. "Seit 1991 wurde hier keine einzige Hochstrasse gebaut, ausser in Verbindung mit einem Staatsprojekt", sagt der Buchhändler, obwohl er zugibt, dass die Strassen nicht alle Probleme lösen: Es gibt auch Transport- und Infrastrukturprobleme.

Der Bahnhof von Adler ist brandneu. Präsident Putin hat ihn vor rund zwei Monaten eröffnet. Hochgeschwindigkeitszüge, welche die Teilnehmer der Olympischen Spiele und Besucher befördern werden, sind zwischen dem Flughafen von Sotschi und den beiden Bahnhöfen Sotschi und Adler bereits in Betrieb.

Dort werden strenge Kontrollen durchgeführt, aus Sicherheitsgründen, wird erklärt. Wer das Bahnhofgebäude auch nur für fünf Minuten verlässt, muss bei der Rückkehr seinen Pass erneut vorweisen und nochmals am Metall-Detektor vorbeigehen. Aber was in fast allen europäischen Bahnhöfen meistens zu allererst zur Verfügung steht, nämlich ein Restaurant oder ein Café, sucht man vergebens. Nicht einmal einen Imbiss-Stand gibt es hier.

"Der Bahnhof ist zu gross und bietet nicht einmal ein Minimum an Komfort", kommentiert Parkhomenko. Die meisten Leute, die ihre Ferien in der Region Adler verbringen würden, reisten halt eher mit dem Flugzeug, als mit der Bahn.

 (swissinfo.ch)
(swissinfo.ch)

43 Grad nördliche Breite

Sotschi liegt in einer gemässigten Klimazone: Dank seiner Lage an der Küste bleibt es selbst in der heissesten Sommerzeit angenehm. Und weil die Berge die Region vor starken Winden schützen, ist es im Winter relativ warm (6 bis 8 Grad). Auf dem Wappen der Stadt heisst es: "Gesundheit für das Volk" - eine Anspielung auf die Heilquellen in der Region.

Von 1950 bis 1970 war Sotschi vor allem ein Kurort, wo sich viele Leute heilen liessen. "Nach dem Krieg wurden nach einer Analyse des Potentials der Region Sanatorien und die Infrastruktur für Bahn- und Flugverkehr gebaut", sagt Smerechinsky. "Die Behörden entschieden, dass Sotschi gemeinsam mit der Krim und einigen anderen Kurorten im Kaukasus entwickelt werden sollte, worauf die Investitionen zu fliessen begannen. Deshalb geschieht hier nichts fundamental Neues: Schon in den 1950er-Jahren gab es hier eine enorme Bautätigkeit."

Manche Leute leiden unter der Durchführung der Olympischen Spiele, sagt die Aktivistin Olga Noskowetz. (swissinfo.ch)

Manche Leute leiden unter der Durchführung der Olympischen Spiele, sagt die Aktivistin Olga Noskowetz.

(swissinfo.ch)

"Meinungsumschwung"

Zuerst waren die Leute nicht gegen die Spiele eingestellt, sagt die Ökologin Olga Noskovets von der Organisation EkoVakhta (EcoWatch). "Sie dachten, dass das Projekt Sotschi zu neuem Glanz verhelfen und die Stadt zu einem internationalen Kurort würde. Wir haben alles, was es dafür braucht: saubere Luft, Wasser, Meer und Parkanlagen", sagt sie auf einem Bummel durchs Imeretin-Tal.

"Aber bereits im ersten Jahr gab es einen Meinungsumschwung, als sie anfingen, Leute wegzuschicken, um einige Einrichtungen zu bauen. Es gab Konflikte und es wurden Dinge zerstört, welche die Leute hätten entwickeln wollen."

Die 1997 zum Schutz der Natur des nördlichen Kaukasus gegründete EkoVakhta dokumentiert alle Verletzungen der Vorschriften, welche durch die Errichtung der Olympischen Bauten begangen werden.

"Das ganze Imeretin Tal war schon vor der Revolution (1917) als Schutzgebiet betrachtet worden. Bis vor kurzem gab es hier Landwirtschaftsbetriebe, welche die Region mit Gemüse versorgten. Davon ist nichts mehr übrig geblieben", sagt sie. Auch viele Einheimische erinnern sich wehmütig an die Obstgärten und Felder, die den Einrichtungen für die Spiele weichen mussten.

Krasnaya Polyana, zum Beispiel, war ein kleines Dorf mit tausend Einwohnern.

Der Moskauer Alexander Frolov, Manager einer Unternehmung für GPS-Vermessungen, hielt sich zwischen Ende 1990 und Anfang 2000 aus beruflichen Gründen oft in Sotschi auf. "Damals war Sotschi ein angenehmer Ferienort. Die meisten Gebäude waren zwei oder dreistöckig, so wie ein Resort meines Erachtens sein sollte. Krasnaya Polyana war ein ruhiger, abgelegener Ort: Wenn ein Hund bellte, konnte man ihn auch in fünf Kilometer Entfernung hören", sagt er.

"Als ich im Januar 2013 zurückkehrte, war alles abgezäunt, voll Dreck und Lärm – es fühlte sich schrecklich an."

Ein Eimer Wasser im Fingerhut

Smerechinsky ist der Meinung, dass sich die Opfer lohnen. Wir fahren auf der neuen Strasse, die Adler mit Krasnaya Polyana verbindet. Sie wird während der Spiele die Hauptverkehrsachse sein. Strasse und Eisenbahnlinie verlaufen parallel zu einander dem linken Ufer des Mzymt-Flusses entlang. Die alte Strasse führt zwar auch durch das Tal, hat aber zahlreiche Haarnadel-Kurven. "Was in einer Zeit von 5 oder 6 Jahren für die Olympischen Spiele gebaut wurde, wäre ohnehin gebaut worden, aber es hätte 30 bis 50 Jahre gedauert", sagt Smerechinsky.

Die neuen Strassen und der Ausbau der Stromversorgung sind ein Bonus. Und Krasnaya Polyana hat erstmals in seiner Geschichte eine Abwasserableitungs- und Kläranlage.

Alexander Frolov erinnert sich an die Zeit, als Sotschi klein und überschaubar war. Er hätte sich gewünscht, dass es dabei bliebe. "Man kann nicht einen Eimer Wasser in einen Fingerhut giessen, sagt man hier. Aber genau dies versuchen die Behörden zu tun", sagt er.

"Ich bin jeweils erstaunt über die Behauptung der Leute, dass Sotschi auseinanderfallen würde, wenn es sich gegen das Grossprojekt entschieden hätte. Das hiesse ja, dass jede russische Stadt Olympische Spiele durchführen müsste."

Sotschi

Sotschi liegt am Schwarzen Meer am Fuss des nördlichen Kaukasus-Gebirges.

Die Stadt hat 430'000 Einwohner, die sich aus mehr als 100 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammensetzen.

Die Stadt bedeckt eine Fläche von 200'000 ha, 30'000 davon sind Grünanlagen und Naturschutz-Gebiete. Sie erstreckt sich über 140 km der Küste entlang.

Die Region liegt in einer feuchten subtropischen Zone, auf gleicher Höhe wie Nizza, Toronto, Almaty und Wladiwostok (43 Grad nördlicher Breite).

Das Leben nach den Spielen

Im Zusammenhang mit der Diskussion, ob es sinnvollere Investitionen gegeben hätte, fragen sich viele Leute, was nach den Spielen geschehen werde.

Soweit es die Olympische Stadt selber betrifft, sagen die Organisatoren, dass einige Inneneinrichtungen komplett umgebaut würden, zu Messe- und Ausstellungskomplexen. Andere sollen in ihrem originären Zustand bleiben und für internationale Sportanlässe und  als Trainingsanlage für russische Athleten verwendet werden. In Russland wird die Fussball-Weltmeisterschaft von 2018 ausgetragen. Einige Begegnungen werden in Sotschi durchgeführt, wo die Infrastruktur dafür vorhanden sein wird.

Das Nach-Olympia-Sotschi wird Arbeit für Berufsleute aus der Tourismusindustrie und verwandten Branchen zur Verfügung stellen. Ob die Stadt zu einem Ferienort von Weltklasse wird, muss sich erst noch zeigen.

"Wer sich derzeit in Sotschi aufhält, sieht – anstatt wie einst Meeresstrände und Platanen-Alleen - vor allem Baustellen. Viele davon sind blockiert. Monströse 20-stöckige Gerippe – wer ist auf die Idee gekommen, die hohen Gebäude in einer erdbebengefährdeten Zone zu bauen", fragt Frolov.


(Übertragung: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch



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