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Serie: Soziale Ungleichheit Ist die Schweiz das Utopia des gerecht verteilten Reichtums?

Mercedes
(Keystone / Martin Ruetschi)

Während in vielen Ländern über die zunehmende Kluft zwischen Reich und Arm debattiert wird, lobt ein Kommentar in den New York Times die Schweiz unter anderem für die gleichmässige Verteilung der Vermögen. Die Schweiz sei ein weniger sozialistisches aber erfolgreicheres Utopia als Skandinavien. Was ist an dieser These dran?

Serie: Soziale Ungleichheit in der Schweiz

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Seit einigen Jahren ist soziale Ungleichheit ein beliebtes Thema von Forschung, Medien, Politik und Stammtisch. Auch in der Schweiz. Jüngstes Beispiel: Mit der "99%-Initiativeexterner Link" fordern die Jungsozialisten, dass Kapitaleinkommen wie Zinsen oder Dividenden höher besteuert werden als Arbeitseinkommen. Damit wollen sie nach eigenen Angaben "endlich Gerechtigkeit schaffen und die Privilegien der Superreichen zurückbinden".

Die Schweiz – das Paradies der Gleichheit?

In der New York Times preist derweil Ruchir Sharma, ein Autor und Investor, die Schweiz in einem Meinungsartikel mit dem Titel "The Happy, Healthy Capitalists of Switzerlandexterner Link" als Paradies der Gleichheit. Die Schweiz sei reicher, aber ebenso fair wie die skandinavischen Länder. Im Originaltext: "Forget Scandinavia. Switzerland is richer and yet has a surprisingly equal wealth distribution."

Handelt es sich beim Streit um soziale Ungleichheit also gewissermassen um eine "importierte Debatte" aus Ländern wie Frankreich oder den USA? Ist die Schweiz in Wahrheit das Paradies der Gleichheit?

Je nach dem, wen man fragt, kommen unterschiedliche Einschätzungen:

"Die Schweiz steht gut da", sagt Reto Föllmiexterner Link, Wirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen. "Bei Aussagen wie der Mittelstand rutsche ab, handelt es sich um eine importierte Debatte aus den USA."

"Wir haben stabile Verhältnisse in der Schweiz", sagt Marco Salviexterner Link von Avenir Suisse, einem liberalen Think Tank. "Wenn man die Rentenguthaben mitzählt, ist die Vermögensverteilung gleicher."

"Die Schweiz hat eine der ungleichsten Vermögensverteilungenexterner Link der Welt", sagt Professor Robert Fluderexterner Link von der Fachhochschule Bern. "Bei der Einkommensungleichheit rangiert sie im Mittelfeld."

Ende des Zitats

Diese widersprüchlichen Aussagen zeigen, wie politisch und umstritten die Frage ist. Wir widmen dem Thema daher eine vertiefende Serie. In einem ersten Schritt tragen wir in diesem einführenden Text einige Daten und Fakten zur Schweiz zusammen.

Verteilung von Vermögen und Einkommen

Eine Untersuchung "Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweizexterner Link" von Reto Föllmi und Isabel Martinez zeigt, dass die Ungleichheit zwischen Arm und Reich in der Schweiz wenig stark ausgeprägt ist, und sich die Öffnung der Einkommensschere über die letzten 100 Jahre in engen Grenzen hält. Mit einer Ausnahme: "In jüngster Zeit haben Einkommen und Vermögen der Superreichen weiter zugenommen", sagt Föllmi.

Grafik Föllmi

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Avenir Suisse kommt in einer Studieexterner Link zum Schluss, dass die Schweiz eine bemerkenswert stabile und ausgewogene Einkommensverteilung aufweise.

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Eine Auswertung der Eidgenössischen Steuerverwaltungexterner Link zeigt, dass die Verteilung der Vermögen in der Schweiz zwischen 2003 und 2015 ungleicher geworden ist. Das reichste Prozent der Bevölkerung hat sein Vermögen in dieser Zeit um fast 43% gesteigert. Die schwächeren Dreiviertel aller Vermögen sind um 18,6% gestiegen. Nicht berücksichtigt bei dieser Berechnung sind allerdings Vermögen der beruflichen Vorsorge.

GRafik 3

Die Reichsten 10% haben am meisten Vermögen

Vermögen aus der beruflichen Vorsorge (Pensionskasse) sind in der oben stehenden Grafik nicht mit eingerechnet. 

"Die Resultate der Studien sind widersprüchlich", gibt Fluder von der Fachhochschule Bern zu bedenken. "Es hängt stark davon ab, welche Daten und Definitionen man nimmt." Deshalb will er gemeinsam mit Kollegen in einem Forschungsprojektexterner Link eine neue Datenbasis bearbeiten sowie ein Armutsmonitoring erstellen.

So viel kann Fluder bereits sagen: "Es gibt auch in der Schweiz eine Tendenz zu zunehmender Einkommensungleichheit, wenn auch nicht im gleichen Mass wie in Deutschland oder den USA." Und: "Die Krankenkassenprämien und Mieten steigen, während die Lohnentwicklung moderat ist. Deshalb wird es auch für den unteren Mittelstand in der Schweiz knapp."

Diese Faktoren sind entscheidend

Das Steuersystem und der Sozialstaat haben einen grossen Einfluss auf die Umverteilung und damit im Endeffekt auf die soziale Gleichheit. In der liberalen Schweiz gibt es im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weniger Umverteilung, die Steuern sind moderat, und bei der Krankenkasse sowie den Pensionskassen gibt es keine Umverteilung von Reich zu Arm.

Es gibt weitere helvetische Besonderheiten, welche die soziale Ungleichheit eher verstärken:

In den beiden Weltkriegen verloren die Reichen in Kriegsländern erhebliche Teile ihres Vermögens, was paradoxerweise zu mehr Gleichheit führte (auch wenn es den Armen dadurch nicht unbedingt besser ging). Nicht so in der Schweiz, wo der Krieg die Unterschiede zwischen Armen und Reichen eher noch verstärkte.

Die Wohneigentumsquote in der Schweiz ist mit knapp 40% die niedrigste in ganz Europa. Bei stetig steigenden Immobilienpreisen werden Hausbesitzer immer reicher. Davon profitieren in der Schweiz nur wenige.

Die Schweiz zieht mit tiefen Steuern (Pauschalbesteuerung) gezielt reiche Ausländer an. Diese Stars und Superreichen machen sich in der Statistik bemerkbar.

Die Erbschaftssteuern wurden in der Schweiz gesenkt. Sie sind niedriger als in den meisten anderen Ländern. Dadurch wird Reichtum bewahrt.

Kapitalgewinne sind in der Schweiz nicht steuerpflichtig. Wer Aktien verkauft und dabei einen Gewinn erzielt, zahlt als Privatperson keine Steuern auf den Gewinn. Aktien werden typischerweise von Reichen gehalten.

Nur ein Faktor dient eher der Gleichheit: "Die Schweiz ist eines der wenigen Länder mit einer bedeutenden Vermögenssteuer", sagt Föllmi.

Das Geheimrezept?

Nach dem Gesagten ist es eigentlich erstaunlich, dass die Schweiz bezüglich sozialer Gleichheit so gut abschneidet. Was ist also ihr Geheimnis?

Avenir Suisse identifiziert in der Studie folgende Elemente, die anderen Ländern als Inspiration bei der Bekämpfung von Ungleichheit dienen können: Ein hochflexibler Arbeitsmarkt, duales Bildungssystem, (halb-)direkte Demokratie und dezentrale Besteuerung.

Einen anderen Grund nennt Fluder: "Die unteren Löhne sind in der Schweiz nicht so stark abgesunken wie in anderen Ländern. Das ist unter anderem der Mindestlohnpolitik der Gewerkschaften zu verdanken."

Laut Salvi hat die Schweiz vor allem wegen ihres Arbeitsmarktes weniger Probleme als andere Länder: "Ausschlaggebend ist sicher, dass wir eine hohe Erwerbsquote haben." Zudem sei das Einkommensniveau im internationalen Vergleich sehr hoch – auch bereinigt um die Lebenshaltungskosten. "Wer bei uns wenig verdient, ist international gesehen immer noch gut dran", so Salvi.

Das sieht Föllmi ähnlich: "In der Schweiz haben weit über 90% der 25-Jährigen eine abgeschlossene Ausbildung, also eine Berufslehre oder ein Studium. Das ist international ein rekordhoher Wert." Mit einer Berufslehre verdiene man in der Schweiz je nach Branche direkt 4500 bis 5500 Franken. "Das sind solide Löhne", findet Föllmi. Wenn in einem Land viele Menschen keinen Berufsabschluss haben und im Tieflohnbereich arbeiten, so führt das laut Föllmi zu einer völlig anderen Lohnverteilung.

Fazit: Die Schweiz ist also vielleicht nicht das Paradies der Gleichheit, wie von dem New York Times-Kolumnisten dargestellt. Aber im Vergleich zu anderen Ländern muss man sagen: Es könnte schlimmer sein.

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