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Schlusspfiff für Neuenburg Xamax

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Gesellschaft  
Der Traditionsklub Neuchâtel Xamax ist (vorläufig) am Ende.Legende:

Der Traditionsklub Neuchâtel Xamax ist (vorläufig) am Ende. (AFP)

Von Christian Raaflaub, swissinfo.ch
19. Januar 2012 - 09:41

Der Schweizer Traditions-Fussballverein Neuenburg Xamax, im Besitz von Bulat Tschagajew, erhält keine Lizenz mehr für die Meisterschaft. Das Ende oder die Chance auf eine neue Zukunft? Die Schweizer Presse ist unterschiedlicher Meinung.

Der Fussballklub war vor nur neun Monaten vom tschetschenischen Geschäftsmann Bulat Tschagajew mit grossen Versprechen gekauft worden. Weil er aber den Nachweis nicht erbringen konnte, über genügend finanzielle Mittel zu verfügen, entzog die Schweizer Fussballiga Xamax am Mittwoch schliesslich die Lizenz. Derweil trainierte das Team in Dubai.
 
"Xamax erlöscht, die Hoffnung erwacht", titelt die Neuenburger Zeitung L'Express. "Die Asche von Bulat Tschagajews Xamax ist noch heiss, während man bereits in die Zukunft schaut. Denn, das ist fast sicher, der 'rot-schwarze' Klub hat eine. Ganz sicher ohne den unheimlichen Tschetschenen."
 
"Um die Führungsriege trauere ich nicht", zitiert die Westschweizer Zeitung den ehemaligen Nationaltrainer Gilbert Gress, der den Klub 1987 und 1988 als Trainer zu zwei nationalen Titeln führte. "Doch ich bin traurig für die schweigende Mehrheit, die den Klub unterstützt."
 
Als Tschagajew kurz nach der Übernahme damit begonnen habe, alle und jeden zu entlassen, habe man rasch verstanden, "dass er weder Bildung noch Respekt" habe. Trotzdem sei zu unterstreichen, dass bereits seit Jahren "überraschende Entscheide" im Klub gefällt worden seien.
 
In der Boulevardzeitung Blick durfte Gress selber in die Tasten hauen: "Xamax, meine alte Liebe, wird zu Grabe getragen", schreibt er dort. "Der Imageschaden für den Schweizer Fussball ist riesig. Man liess Tschagajew zu lange gewähren."
 
"Es ist eine Tragödie, ich kann es kaum glauben", reagiert Gilbert Facchinetti im L'Express. Der Präsident des Klubs von 1979 bis 2003 und heutige Ehrenpräsident ist traurig, dass dies ausgerechnet im Jahr der Hundertjahrfeier geschehen musste, "durch den Fehler von zwei Personen, welche die Leute wie Schachfiguren benutzt haben".

"Eine Chance"

Nicht überrascht zeigt sich die Südostschweiz in ihrem Kommentar: "Nachdem der dubiose Bulat Tschagajew das Zepter am Neuenburgersee übernommen hatte, war abzusehen, dass er den Traditionsverein eher früher als später mit einem Totalschaden an die Wand fahren würde." Doch der Neuanfang sei für Xamax "auch eine Chance".
 
"Xamax, letzte Station des Kreuzweges", titelt die Westschweizer Zeitung Le Temps. "Der Weg in die Zukunft führt über einen ziemlich sicheren Konkurs und eine Wiedergeburt in den Amateurligen."

Lob für die Liga

"Xamax und der letzte Akt einer Tragikomödie", ist ziemlich ähnlich in der Basler Zeitung zu lesen. Überraschend sei das Ende nicht gekommen, "und ein Lob gehört der zuletzt so viel gescholtenen Swiss Football League (SFL): Von Anfang an hat sie Bulat Tschagajew auf die Finger gehauen und die schweren Vergehen des Tschetschenen sanktioniert".
 
Neben Tschagajew habe aber auch der Bauunternehmer Sylvio Bernasconi eine rote Karte verdient, so die BaZ: Er habe im Mai 2011 "nichts Besseres" gewusst, als den Klub "in die Hände eines Betrügers zu legen".
 
Der Lizenz-Entzug bedeute aber sicherlich nicht das Ende von Spitzenfussball im Neuenburger Stadion Maladière: "Lugano, Sion, Lausanne, Servette – sie alle schon lagen auf dem Totenbett der Liga und schafften die Rückkehr."
 
Zwar bedauerlich, aber keine Schande für das Land, meint Der Bund aus Bern. "Der Lizenzentzug für die Neuenburger ist kein Verbandsversagen, sondern eine regionale Angelegenheit, die ihren Ursprung lange vor der Zeit Tschagajews hatte."

Kritik an der Liga

Tschagajew sei zwar der Hauptschuldige, "aber er ist nicht allein", ist die Neue Zürcher Zeitung überzeugt. Bauunternehmer Bernasconi habe ihm "fahrlässig einen Klub überlassen, der in den letzten Jahren seelenlos geworden ist und die Verankerung verloren hat. Bernasconi hat Xamax dem erstbesten Käufer hinterhergeworfen, weil er keine Lust mehr hatte, den Verein selber zu finanzieren".
 
Der Fehler liege im System der Schweizer Fussballiga, so die NZZ: "Im Schweizer Klubfussball muss man offenbar kein Geld haben, um einen Verein eine gewisse Zeit lang zu führen. Die blosse Behauptung, man verfüge über viele Millionen, genügt."
 
Daher sei der Befund eindeutig: "Die Kontrollmechanismen der Liga haben versagt. Schlimmer noch: Es gab gar keine Bestimmungen, mit denen sich dieser Fall hätte verhindern lassen." Die Liga hätte gewarnt sein müssen: "Erst sieben Jahre ist es her, dass der französische Agent Marc Roger Servette mit krimineller Energie in den Ruin getrieben hat. Ein Mahnmal ist daraus nicht geworden."
 
In der Schweiz werde es immer wieder Klubs geben, "die in Seenot geraten. Ihnen werden sich Leute wie Tschagajew anbieten. Wenn man es weiterhin zulässt".

Ohne Hoffnung

Das düstere Bild des Klubs in Seenot nimmt der Zürcher Tages-Anzeiger auf: Auf seiner Frontseite ist eine Karikatur zu sehen, die das Stadion Maladière in Anlehnung an das vor der italienischen Küste gekenterte Kreuzfahtsschiff halb versunken im Neuenburgersee zeigt. "Im Eiltempo in den Abgrund", titelt die Zeitung ihren Kommentar.
 
"Xamax war mehr als nur der Stolz einer Region, der Klub war bekannt in Europa, durch starke Auftritte gegen die Grossen des Fussballs. Die Abende in der alten Maladière mit fast so vielen Zuschauern, wie Neuenburg auch Einwohner hatte, bleiben unvergesslich."
 
Das alles sei mit dem gestrigen Entscheid nun Geschichte: "Xamax gibt es nicht mehr", so der traurige Kommentar. "Xamax verschwindet - wahrscheinlich für immer."

Christian Raaflaub, swissinfo.ch

 
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