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Standpunkt


Verheerende Folgen der Nahrungsspekulation zeigen sich vor Ort


Von Catherine Morand, Medienverantwortliche Swissaid


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Die verheerenden Folgen der Nahrungsspekulation zeigen sich vor Ort. Die Entwicklungsorganisationen sind für ein Ja zur Initiative "Keine Spekulation mit Nahrungsmitteln". Denn die Praxis der Spekulation könne in der Tat Dramen nach sich ziehen, beklagt Catherine Morand, Medienverantwortliche bei Swissaid. 

von Catherine Morand

In vielen Ländern Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas muss ein grosser Teil der Bevölkerung fast das ganze Einkommen in Nahrungsmittel stecken. Drastische Preiserhöhungen bei den Grundnahrungsmitteln, aber auch Preisschwankungen können ganze Bevölkerungsschichten, die schon so ums Überleben kämpfen müssen, in Hunger, Armut, Elend treiben.

Die Organisation für Entwicklungszusammenarbeit Swissaid unterstützt die Initiative der JungsozialistInnen Schweiz (Juso), weil sie vor Ort, in den Ländern, in denen sie aktiv ist, die dramatischen Auswirkungen sieht, die durch Preisschwankungen von Reis, Mais oder Weizen hervorgerufen werden. Drastische Preisanstiege können zu Hungerrevolten führen, wie man in der Vergangenheit mehrmals gesehen hat, vor allem 2007-2008 sowie 2011; Aufstände, zu denen es jederzeit wieder kommen kann.

Banken und Pensionsfonds stürzen sich auf Reis und Mais

Sicher, die Spekulation mit Agrarrohstoffen ist nicht der einzige Faktor, der zu Preisanstiegen führt. Auch Dürren oder Überschwemmungen, schlechte Ernten oder der Boom von Agro-Brennstoffen spielen eine Rolle.

Dennoch lasten viele seriöse und gut dokumentierte Studien, durchgeführt sowohl von Universitäten als auch von Fachexperten, von öffentlichen Institutionen oder internationalen Organisationen, der exzessiven Spekulation eine gewisse Verantwortung für die Preisexplosion und die Preisschwankungen bei Agrarrohstoffen an.

"Die Auswirkungen der Finanzspekulation auf den drastischen Anstieg der Nahrungsmittelpreise werden heute weithin anerkannt, und dieses Phänomen muss schnellstens unter Kontrolle gebracht werden", hatte etwa Olivier de Schutter erklärt, der von 2008 bis 2014 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war.

Um sich davon zu überzeugen, reicht es aus, in Erinnerung zu rufen, dass der spektakuläre Boom bei den Grundnahrungsmitteln 2007-2008 dem Ansturm von Investoren auf Mais, Soja, Reis und Weizen entsprochen hatte, die damals, nach dem Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA, auf der Suche nach neuen spekulativen Finanzprodukten gewesen waren. Es handelte sich dabei um eine neue Art von Investoren – Banken, Pensionskassen, Hedge Funds –, welche die Kontrakte auf den Terminmärkten mit Agrarrohstoffen anstiegen liessen.

"Standpunkt"

swissinfo.ch öffnet seine Spalten für ausgewählte Gastbeiträge. Wir werden regelmässig Texte von Experten, Entscheidungsträgern und Beobachtern publizieren. Ziel ist es, eigenständige Standpunkte zu Schweizer Themen oder zu Themen, die die Schweiz interessieren, zu publizieren und so zu einer lebendigen Debatte beizutragen.

Es ist keine Frage, dass ein gutes Funktionieren der Agrarmärkte von Investoren abhängt, die für die notwendige Liquidität sorgen. Was die Juso-Initiative im Visier hat, hat aber nichts mit der so genannt "nützlichen Spekulation" zu tun. Es geht vielmehr darum, dem ein Ende zu setzen, was als "schädliche Spekulation" bezeichnet wird, um "Finanzinstrumente, die sich auf Agrarrohstoffe oder Nahrungsmittel" beziehen, sowie auf den "Verkauf entsprechender strukturierter Produkte", wie es im Initiativtext deutlich heisst. Verträge, die sich auf die "terminliche oder preisliche Absicherung bestimmter Liefermengen" beziehen, will die Initiative nicht verhindern.

Verrückt gewordenen Markt wieder regulieren

Mit Hilfe dieser Initiative soll wieder etwas Ordnung, Regulierung und gesunder Menschenverstand in eine aus dem Ruder gelaufene Entwicklung gebracht werden, die erst durch eine exzessive Liberalisierung überhaupt möglich geworden war, durch eine Deregulierung, die eine extreme Finanzialisierung des Agrarrohstoff-Marktes nach sich zog, und in der Folge zu einer Explosion von Derivatsprodukten und allgemein zu einem Hochfrequenzhandel führte.

Die erneute Regulierung ist andernorts bereits in Gang gekommen. So hat die Europäische Union im Januar 2014 eine neue Richtlinie für den Markt mit Finanzinstrumenten (MIFID) verabschiedet, die für Termingeschäfte im Handel mit Agrarrohstoffen wie Getreide, Mais, Reis Höchstgrenzen festlegt, mit dem Ziel, die Spekulation mit  Nahrungsmitteln sowie die dramatischen Folgen einzudämmen, welche diese Finanzoperationen haben – vor allem für die ärmsten Bevölkerungen.

Auch die USA bewegen sich in die gleiche Richtung. Und auch in der Schweiz hat man gemerkt, dass der Wind sich dreht, und man hat mit dem im letzten Sommer verabschiedeten Finanzmarktinfrastruktur-Gesetz begonnen, gewisse Leitplanken gegen die Spekulation zu errichten. Nun geht es darum, weitere Schritte zu tun.

Schweiz, Spitzenplatz im globalen Getreidehandel

Denn im Bereich des Handels mit Agrarrohstoffen ist die Schweiz eine Grossmacht und trägt daher eine besondere Verantwortung. Wie die STSA, die Swiss Trading and Shipping Association, die Dachorganisation der Branche, gerne in Erinnerung ruft, ist die Genferseeregion eine bedeutende globale Handelsdrehscheibe für Getreide.

In der Tat sind die Agrarrohstoff-Handelsriesen Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus, die ihre eigenen Milliarden schweren Spekulationsfonds haben, in der Region zwischen Rolle und Genf mit Niederlassungen vertreten. Das evangelische Hilfswerk Brot für alle hatte auch zehn Schweizer Banken, allen voran Credit Suisse, vorgeworfen, bei der Spekulation auf Grundnahrungsmittel äusserst aktiv zu sein.

Auch wenn die Gegner der Initiative immer wieder die gleichen fadenscheinigen Argumente aufbringen und sich weigern, die schändliche Rolle, welche die so genannt schädliche Spekulation spielt, zu anerkennen, indem sie Studien mit verdrehten Resultaten heranziehen, wäre unser Land gut beraten, die Zügel in die Hand zu nehmen und sich den neuen Richtlinien anzupassen, die heute auf internationaler Ebene aktuell sind. Die Schweiz sollte nicht darauf warten, sich von der EU oder den USA auf die Finger klopfen zu lassen, wie es beim Bankgeheimnis der Fall war. Sie sollte auch nicht auf weitere Hungerrevolten oder einen handfesten, rufschädigenden Skandal warten. Die Initiative "Stopp der Spekulation mit Nahrungsmitteln", die am 28. Februar dem Schweizer Volk zur Abstimmung vorgelegt wird, zielt in die richtige Richtung.

Die in diesem Artikel ausgedrückten Ansichten sind ausschliesslich jene des Autors und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken.


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)



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