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Standpunkt


Wie das IKRK in der Zwischenkriegszeit ein bisschen schweizerischer wurde


Von Thomas Brückner


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Von Thomas Brückner

Am Ende des Ersten Weltkriegs brach ein Streit in der grössten Hilfsfamilie aus. Die Mitglieder der internationalen Rotkreuzbewegung waren plötzlich uneins über die Führung und die Aufgaben der Bewegung. Der Streit ist zu Unrecht vergessen worden. In seinem Verlauf änderte sich das Rote Kreuz stärker als während der grossen Kriege des 20. Jahrhunderts.

Nein, es war nicht ein Gefühl edler Barmherzigkeit, das am 12. Januar 1923 die Herzen der Rotkreuzmitarbeiter in Genf erfüllte. Die Atmosphäre war angespannt, das Misstrauen gross. Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) hatten eine Delegation der Liga der Rotkreuzgesellschaften empfangen. Sie waren zusammengekommen, um über die Zukunft und Organisation der Bewegung zu beraten.

Die Positionen lagen weit auseinander, obwohl alle Anwesenden das Gegenteil behaupteten. Für das IKRK war es in den Worten seines Präsidenten Gustav Ador "absolut notwendig“, dass das Rote Kreuz neutral bleibe und seinen Sitz in Genf behalte. Die Liga sah das anders. "Von welchem Land wissen wir, dass es in einem künftigen Krieg neutral bleibe?", fragte der englische Ligavertreter Sir Arthur Stanley. Er kritisierte die Genfer Vorherrschaft und die Schweizer Verwurzelung der internationalen Bewegung. Die Waffen des Krieges waren verstummt, doch nun erklangen Misstöne unter den Helfern.

Eigentlich hatten das IKRK und die Schweiz im Ersten Weltkrieg internationale Anerkennung gewonnen. Das IKRK hatte sich wirksam für Kriegsgefangene und zivile Kriegsopfer eingesetzt. Im Jahr 1917 war es mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden und nicht wenigen Beobachtern schien das IKRK und die Schweiz eines zu sein: Der englische Daily Telegraph schrieb "Oh Schweiz, Danke“.

Warum also Kritik? Die Genfer Institution war in die Jahre gekommen. Ihr starker Bezug zur Schweiz stiess nicht auf ungeteilte Zustimmung in einer Zeit, in der Selbstbestimmung hochgehalten und die internationale Ordnung neu ausgerichtet wurde. Vor allem dem reichen amerikanischen Roten Kreuz war das IKRK zu behäbig und selbstfokussiert. So gründeten die Rotkreuzgesellschaften der Alliierten 1919 unter amerikanischer Führung die Liga der Rotkreuzgesellschaften als eine Föderation, die neben dem IKRK existieren und neue Aufgaben übernehmen sollte. Die Liga sollte das Rotkreuzwerk im Frieden fortzuführen, die öffentliche Gesundheit verbessern, Epidemien vorbeugen und Katastrophen bekämpfen. Im Gegensatz zum elitär organisierten IKRK sollte sie nach demokratischen Grundsätzen zusammengesetzt sein.

Schweiz, Völkerbund und Rotes Kreuz

Der Völkerbund (1920-1946) war der Vorläufer der UNO. Zu seinem Sitz wurde Genf bestimmt, wobei sich auch andere Städte wie etwa Brüssel beworben hatten. Die Schweizer Neutralität und das IKRK hatten Genf das Terrain geebnet, zu einem bevorzugten Standort für internationales Wirken zu werden.

Zwischen dem IKRK und dem Völkerbund gab es aber mehr als nur geographische Gemeinsamkeiten, denn für die Völkerbundpolitik der Schweiz spielte das IKRK eine Rolle. Die Schweiz konnte das IKRK heranziehen, wenn es um ihre Neutralität ging. Im Krieg wollte sie humanitäre Aufgaben weiterhin wahrnehmen und bezeichnete sich gerne als die "Wiege des Roten Kreuzes“. Unter dieser Formel diente das IKRK dem Land als Schutzschild und Imageträger.

Die Schweizer Völkerbunds- und Neutralitätspolitik der Zwischenkriegszeit wurde von Menschen geprägt, die auch dem IKRK verbunden waren: Diplomaten und Gelehrte wie William Emmanuel Rappard, Max Huber, und Paul Logoz; Bundesräte wie Gustav Ador und Giuseppe Motta; hochrangige Beamte wie Paul Dinichert und Camille Gorgé - sie waren die aussenpolitischen Architekten der Ära und dem IKRK eng verbunden. 

Einheit in Gefahr

Was stand auf dem Spiel? Nichts weniger als die Einheit einer Bewegung, die seit 1863 in Dutzenden von Ländern Fuss gefasst hatte und nach dem Ersten Weltkrieg über 20 Millionen Mitglieder zählte. Diese Einheit wurde im denkbar ungünstigsten Moment in Frage gestellt und im IKRK brach Nervosität aus. Im Grossen Krieg waren neue Hilfsakteure auf den Platz getreten - allen voran der Völkerbund. Auch religiös oder politisch motivierte Hilfsgesellschaften schossen aus dem Boden. Flüchtlinge, Kinder und Betagte wurden als neue Opfergruppen wahrgenommen, die international koordinierter Hilfe bedurften. Internationale Organisationen zu ihrer Hilfe entstanden. Sie alle waren nicht nur Partner mit gemeinsamem Ziel, sondern auch potentielle Konkurrenten für das Rote Kreuz. In diesem Klima war die Einheit in der Rotkreuzfamilie wichtiger denn je.

Zu Beginn des Streites gaben sich denn auch alle Rotkreuzmitglieder Mühe, das Bild der Harmonie zu wahren. Die Liga wurde im selben Saal wie das IKRK gegründet. Gustav Ador hielt als IKRK-Präsident eine Grussadresse und die Liga zollte der älteren Genfer Schwester verbalen Respekt. Doch die schönen Worte waren für das Protokoll. Kein Jahr nach der Gründung kritisierte der Ligageneralsekretär das IKRK offen dafür, die Hilfsarbeit in Friedenszeit an sich zu reissen. Dies sei die Hilfsdomäne der Liga.

Die Antwort des IKRK liess nicht lange auf sich warten, und wortreich wehrte sich die ältere Institution gegen die Vorwürfe. Das IKRK wollte sich von niemandem diktieren lassen, wann es helfen durfte. Es begann ein Hin und Her aus leisen Sticheleien und offenen Feindseligkeiten. Der Streit fand bald den Weg in die Öffentlichkeit. "Es ist nur zu wünschen, dass die Liga vom Roten Kreuz, wie dies auch Herr Gustave Ador betont hat, nicht länger als nötig seine gegenwärtige Verfassung beibehält, welche der Universalität des Roten Kreuzes nicht Rechnung trägt.", schrieb die Neue Zürcher Zeitung im Jahr 1921. Der IKRK-Präsident bezeichnete die Liga in derselben Zeitung als eine "Kriegsorganisation“, deren Geist nach Unfrieden strebe. Nicht nur verbal eskalierte der Streit. Die Liga wechselte auch ihren Sitz von Genf nach Paris und vollzog einen geografischen Bruch.

Helfer im Grabenkampf

Natürlich wollten die Streithähne die Kräfte innerhalb und ausserhalb der Bewegung auf ihre Seite ziehen. Die Liga verwies auf ihre bessere demokratische Abstützung. Sie verfügte zudem über die grösseren finanzielle Mittel und die nähere Anbindung an die nationalen Rotkreuzgesellschaften.

Das IKRK nahm die Gründerfunktion für sich in Anspruch und repetierte seine Geschichte und Organisationsgrundsätze. Ihm gelang 1923 ein Teilsieg indem es sich seine angestammten Aufgaben im Krieg an der Konferenz aller Rotkreuzgesellschaften bestätigten lassen konnte. Ganz unbemerkt hatte es sich aber ein wenig verändert.

Im Kampf um finanzielle Mittel und politische Unterstützung näherte es sich seinem Sitzstaat an. In der Person des Schweizer Aussenministers Giuseppe Motta und in finanziellen Zuwendungen der Schweizer Regierung fand es die erhoffte Unterstützung. Der Eintritt eines amtierenden Bundesrates in das IKRK bedeutete einen Paradigmenwechsel. Im Namen der Wahrung von Unabhängigkeit war das IKRK abhängiger geworden. Mit Motta trat auch der Zürcher Völkerrechtler Max Huber ein. Zum ersten Mal nach 60 Jahren hatte das Komitee einen Katholiken und einen Deutschschweizer aufgenommen.

Die Genfer Institution wandelte sich langsam zu einer Schweizer Institution. Dieser Wandel gewann in den Folgejahren weiter an Schwung. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stammten mit Huber, Philipp Etter und Carl Jakob Burckhardt führende IKRK-Mitglieder aus der Deutschschweiz und dem engsten Regierungsumfeld.

Doch der Streit war mit einem Näherrücken an die Schweiz alleine nicht gelöst. Zu stark hatte sich die Landschaft der Hilfsorganisationen seit dem Weltkrieg geändert. Sitzungen wie jene am 12. Januar 1923 blieben auf der Tagesordnung der Bewegung. Studiengruppen, Fusionsvorschläge, und Berichte türmten sich auf. Allein die Beziehung der verfeindeten Schwesterorganisationen blieb zerrüttet.

Während sich die europäischen Grossmächte 1925 mit Friedensverträgen in Locarno um eine Verbesserung des diplomatischen Klimas bemühten, gelang dies den humanitären Helfern nicht. Nicht einmal eine Spezialkonferenz in Bern 1926 konnte den Frieden im Roten Kreuz herbeiführen. Das IKRK und die Liga blieben in einem organisatorischen Vakuum und in gegenseitiger Missgunst gefangen. Die nationalen Rotkreuzgesellschaften wurden den Zwist langsam müde. Es drohte die Blockade.

Auf der Suche nach sich selbst

Die Jahre zogen ins Land. Im Jahr 1927 lehnte der einflussreiche amerikanische Ligapräsident James B. Payne einen Lösungsvorschlag zur Organisation der Rotkreuzbewegung ab. Er bemerkte, dass der Vorschlag das Ende der Liga bedeutet hätte. Nun war der Bogen überspannt und es traten die skandinavischen Rotkreuzgesellschaften aus der Liga aus. Die alte Bewegung drohte zu zerbrechen.

In dieser Situation waren es neue Köpfe, die den Wandel brachten: der deutsche Rotkreuzvertreter in der Liga, Oberst Paul Draudt und der Zürcher Max Huber, der den altgedienten IKRK-Präsidenten Gustav am Verhandlungstisch ablöste. Innerhalb weniger Wochen waren die Streitpunkte zwischen diesen beiden Neuen geklärt und im Frühjahr 1928 konnten sie ihre Unterschrift unter das Statut des Internationalen Roten Kreuzes setzen. Dieses Dokument regelt bis heute die organisatorischen Grundzüge der internationalen Bewegung und vollbringt den komplexen Spagat zwischen repräsentativen und elitären Organisationsgrundsätzen. Neue Kriege liessen den Zank rasch in Vergessenheit geraten.

Rückblickend aber veränderte sich die Rotkreuzfamilie in den zehn Jahren nach dem Ersten Weltkrieg stärker als durch Weltkriege und humanitäre Grossaufgaben. Der Streit war ein Ausdruck des allgemeinen Wandels internationaler Hilfsaktivitäten. Im Roten Kreuz setzte die Erkenntnis ein, nicht nur im Krieg gegen Waffen und Gewalt, sondern auch in einem Umfeld der humanitären Konkurrenz und wirtschaftlichen Gesetzmässigkeit bestehen zu müssen.

Zum ersten Mal erkannten die Rotkreuzhelfer, dass sie dabei selbst hilfsbedürftig werden konnten. Das IKRK tüftelte an ersten Film- und Fotokampagnen, gab sich Statuten, überdachte seine Arbeitsweise, leitete Reformen ein und lancierte Umfragen innerhalb der eigenen Bewegung: Es richtete den Blick stärker auf sich selbst. Zwischen Stolz und Unsicherheit mäandrierte die grosse Alte Dame der Hilfsorganisationen in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in eine neue Ära von Kriegen und Katastrophen. 

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