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Swiss Digital Pioneers Niklaus Wirth – eine lebende Informatik-Legende

Niklaus Wirth bei sich zuhause. Der legendäre Informatiker bleibt wach im Kopf und von Forschergeist inspiriert.

(Keystone)

Niklaus Wirth hat mehrere Programmier-Sprachen entwickelt. Mit Pascal wird der ETH-Informatikprofessor weltbekannt und erhält den Turing Award, den "Nobelpreis der Informatik". Niklaus Wirth ist der siebte Schweizer Digitalpionier, den wir in unserer Serie Swiss Digital Pioneers porträtieren.

Eine E-Mail-Adresse steht keine, obwohl der emeritierte ETH-Informatik-Professor vermutlich einer der wenigen 85-Jährigen mit eigener Homepage ist. Im Telefonbuch ist Niklaus Wirth aber noch mit Festnetz-Nummer auffindbar. Er lädt mich am Telefon zum Kaffee in seine gemütliche Zürcher Wohnung ein. Dort fällt mir neben seiner gastfreundlichen Art als erstes der grosse Modellflieger in seinem Wohnzimmer auf.

In der Serie SWISS DIGITAL PIONEERS porträtiert SWI swissinfo.ch interessante Schweizer Persönlichkeiten im Ausland oder mit internationaler Ausstrahlung, die früh das Potenzial des Internets erkannt haben und es für ihre Tätigkeiten erfolgreich genutzt haben. Die Autorin Dr. Sarah Genner  ist Medienwissenschaftlerin und Digitalexpertin. 2017 erschien ihr Buch ON | OFF.

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Auch 20 Jahre nach seiner Emeritierung wirkt Niklaus Wirth noch wach im Kopf, quickfidel und von Forschergeist inspiriert. Keine Sorgen muss er sich machen, dass man sich einst nicht mehr an ihn erinnern wird. Seinen Legenden-Status hat er bereits zu Lebzeiten erlangt. Im Jahr 1984 wird seine wissenschaftliche Laufbahn mit der Verleihung des Turing Awards externer Linkgeehrt. 

Den “Nobelpreises der Informatik” hat Wirth bisher als einziger Wissenschaftler im deutschsprachigen Raum erhalten. In der Schweiz werden junge Informatiktalente jährlich mit dem "Niklaus Wirth Young Talent Computer Science Award" ausgezeichnet. Die Liste seiner nationalen und internationalen Preise externer Linklang. Universitäten in sieben Ländern haben ihm Ehrendoktorate verliehen: Universitäten von Novosibirsk und St. Petersburg über Lausanne, Linz, York nach Pretoria. 

Sprachen von ultimativer Einfachheit

In seiner Karriere entwickelt Niklaus Wirth mehrere Programmiersprachen: Euler, Algol-W, Modula und insbesondere Pascal. Er verfasst verschiedene Informatik-Lehrbücher, die globale Verbreitung finden. Seine Programmiersprachen zeichnen sich durch klare Konzepte und ultimative Einfachheit aus, die sich auch für pädagogische Zwecke eignen. 

Dem Pascal-Nachfolger Oberon ist dann nicht mehr der gleiche Erfolg beschieden wie einst Pascal. Hätte er mit seinem Lilith-Computer Fuss fassen können, wäre Wirth vielleicht so bekannt wie Steve Jobs.  

"Mich faszinierte der Schwachstrom. Die Elektronik hatte für mich etwas Geheimnisvolles."

Ende des Zitats

1934 wird er in Winterthur geboren. In seiner Jugend hat er eine eigene Werkstatt, in der er Modellflugzeuge baut und ein Chemielabor betreibt. An der ETH lässt sich Wirth zum Elektroingenieur ausbilden. "Damals wurde an der ETH zwischen Stark- und Schwachströmlern unterschieden", erzählt er. Ihm wurde geraten, sich auf Starkstrom zu fokussieren, da das "die Zukunft" sei: Kraftwerke und Eisenbahn. "Aber mich faszinierte der Schwachstrom. Die Elektronik hatte für mich etwas Geheimnisvolles."

Wirth in den 80er-Jahren mit seinem ersten Personal Computer "Lilith".

(zvg)

Sein Vater, ein Gymnasiallehrer für Geografie, ermutigt ihn, etwas von der Welt zu sehen. Vier Tage nach der Hochzeit reist er mit seiner Frau nach Paris, dann Le Havre und überquert mit dem Schiff den Atlantik. Sein bester Freund holt ihn in New York ab und er verbringt ein Jahr in Kanada. Danach geht er für ein Doktorat nach Berkeley in Kalifornien. 

1963 schliesst er ab und arbeitet danach in Stanford fast fünf Jahre als Assistant Professor of Computer Science. Nach einem kurzen Gastspiel an der Universität Zürich kehrt er in den Schoss seiner Alma Mater ETH Zürich zurück. Dort wird er 1968 Informatikprofessor  – und bleibt bis zu seiner Pensionierung mehr als 30 Jahre lang. Gemeinsam mit Gusti Zehnder externer Linkhat er an der ETH das Departement Informatik aufgebaut. Den langwierigen Weg dahin und weitere Stationen seines Lebens, den Erfolgen und fachpolitischen Intrigen, erzählt er der Informatikerin Elena Trichina im Interview: 

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Niklaus Wirth erzählt

Der erste Personal Computer

Das zweite Mal überquert er den Atlantik per Schiff mit den drei Kindern auf dem Weg ins Sabbatical. Seine Sabbaticaljahre verbringt er jeweils beim PARC externer Linkin Kalifornien, dem Xerox-Forschungslabor. «Das PARC war damals mit Abstand der innovativste Ort für Technologie-Forschung», erzählt er. Wirth arbeitet bei PARC mit dem ersten Personal Computers namens Alto. Auch Steve Jobs lässt sich bei PARC für den Macintosh inspirieren.

Von seinem Aufenthalt dort bringt Wirth 1980 als einer der ersten Computermäuse nach Europa mit, was zur ersten Serienmaus der Welt führt, lanciert durch das Schweizer Unternehmen Logitech . Mit seinem ETH-Team Anfang der 1980er-Jahre baut er die Computersysteme Lilith und Ceres sowie die zugehörigen Betriebssysteme. Er kann sich nicht mehr vorstellen, auf einem Grosscomputer zu arbeiten. 

Aber Personal Computer gibt es in der Schweiz noch nicht. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als selbst einen zu bauen. Lilith entsteht einige Jahre vor dem ersten Mac als Personal Computer und ist eine Pionierleistung: Der kleine Computer hat eine moderne Benutzeroberfläche mit Programmfenstern und Menus und ist mit einer Maus ausgestattet. Die Hard- und die Software sind untrennbar aufeinander abgestimmt. Wirths Assistenten sind begeistert von Lilith: "Sie kamen sogar am Abend und am Wochenende ans Institut, um zu arbeiten." Wirth geht zum Bücherregal und holt mir ein Buch zur mythologischen Figur Lilith, der verführerischen Namensgeberin des ersten Schweizer PCs.

"Ich wusste, dass ich kein Businessmann bin."

Ende des Zitats

Mit einer Firma werden in Utah mehrere hundert Lilith-Computer gebaut. Die Versuche, die Lilith-Computer kommerziell zu vermarkten, zeigen jedoch wenig Erfolg, auch wenn später Apple mit den gleichen Prinzipien einen weltweiten Durchbruch feiert. "Ich wusste, dass ich kein Businessmann bin. Ich hatte mit Lehre und Forschung genügend zu tun." Lilith ist heute ein wertvolles Museumsobjekt externer Linkder Informatikgeschichte. Immerhin: bis 1994 basiert Apples Betriebssystem auf Wirths Programmiersprache Pascal.

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computer

1983 berichtet das Schweizer Fernsehen über die Präsentation des Computers "Diser-Modula", entwickelt von Niklaus Wirth.

Warum Pascal Weltruhm erlangte

Warum ist eigentlich ausgerechnet Pascal so bekannt geworden? "Der Abstand zu den bisherigen Programmiersprachen war am grössten. Davor wurden die vergleichsweise archaischen Sprachen Fortran und Cobol verwendet." Weitere Umstände begünstigen die Verbreitung: Mitte der 1970er-Jahre kommen Mikrocomputer mit 8-Bit-Prozessoren auf, die billig genug sind, dass Schulen und Familien diese kaufen. "Damit interessierte sich eine Bevölkerungsschicht für Programmierung, die noch nicht mit Fortran und Cobol infiziert waren." 

Ein findiger Businessmann hatte die Idee, den Pascal-Compiler mit einem kleinen Editor zu ergänzen und das auf einer Floppy-Disc für 50 Dollar zu verkaufen. "Das hat schlussendlich zum Durchbruch geführt. Denn Compiler kosteten damals sonst Tausende von Franken." In Russland und China verbreitet sich Pascal stark. Der Kalte Krieg wirkt mit: "Es half sicher, dass Pascal kein amerikanisches Produkt war."

Oberon, Wirths Pascal-Weiterentwicklung, ist zwar Pascal weit überlegen, kann aber nie richtig Fuss fassen. "Die Sprachen aus der amerikanischen Industrie nahmen Überhand: C, C++, Java. Die haben zwar viele Ideen von Oberon übernommen. Aber das wird im industriellen Bereich halt nie erwähnt", sagt Wirth. Obwohl sein Pascal-Manual in zahlreiche Sprachen übersetzt wird und ein Bestseller ist, erhält er kaum Geld dafür. Es wirkt aber authentisch, wenn er sagt: "Ich hatte nie das Ziel, reich zu werden. Ich hatte Freude an der Forschung und war als ETH-Professor gut bezahlt."

Eine frühe Drohne

Eine weitere technische Pionierleistung gelingt ihm am Ende seiner Berufskarriere in den 1990er-Jahren. Anknüpfend an sein Jugendhobby hilft er vier ETH-Maschineningenieuren ein frühes Exemplar einer Drohne zu bauen. Er erkennt, dass man deren selbstnavigierenden Modellhelikopter viel leichter und einfacher bauen kann. 

Wirth baut und programmiert den Bordcomputers des autonomen Flugobjekts auf Basis eines Strong-ARM-Mikroprozessors, sodass dieser nur einen Zehntel des Stroms verbraucht. Dadurch lässt sich das Batteriegewicht massiv reduzieren und dadurch die Flugleistung deutlich verbessern. Die Ingenieure nehmen erfolgreich an einem internationalen Wettbewerb teil.

Wirths Staunen über China

Nächste Woche reist er nach China. Er ist an zwei Konferenzen eingeladen, wo Nobelpreisträger referieren. Weil er via Hongkong fliegen müsste, hat er wegen der aktuellen Unruhen Bauchschmerzen. Nun wird er via Peking einen grossen Umweg fliegen müssen.

 Wie schätzt er die Rivalitäten im Bereich der künstlichen Intelligenz zwischen China und den USA ein? "China hat sich unglaublich entwickelt. Für mich gibt es keinen Zweifel, dass China eine Weltmacht ist und noch mehr wird." Mit einer Delegation von ETH-Professoren reist er 1982 erstmals nach China. "Das war eine andere Welt, die Menschen trugen Uniform und fuhren Velo, es gab kaum Autos. Wir hielten Vorträge vor 1000 Studenten. Erst nachher merkten wir, dass sie gar kein Englisch verstanden." 

Aber heute sei das ganz anders. China habe rasch Fortschritte gemacht und könne jetzt nicht nur produzieren, sondern auch forschen. Ein wesentlicher Kulturunterschied in Russland und China sei die Förderung der Gemeinschaft. Mit etwas Argwohn betrachtet Wirth den Kult des Individualismus im Westen.

Hardware und Software aus einem Guss

Niklaus Wirth hat geschafft, was bisher keinem Schweizer gelungen ist, und lediglich zwei weiteren Europäern: Er hat den Turing Award erhalten. Er ist die prägende Figur in der globalen Geschichte moderner Programmiersprachen und hat früh erkannt, dass Hardware und Software für eine optimale Funktionsweise gemeinsam konzipiert werden müssen. 

Den spielerischen Zugang zur Technik hat er bis heute nicht verloren. Wirth deutet auf ein Nebenzimmer in seiner Wohnung: "Ich programmiere noch heute in meiner Sprache Oberon."

 

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