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Transferkosten für Migranten-Guthaben


Gesalzene Gebühr für Geldüberweisung ins Ausland


Von Andrea Ornelas


Beaucoup de Somaliens dépendent de l'argent envoyé depuis l'étranger. (Keystone)

Beaucoup de Somaliens dépendent de l'argent envoyé depuis l'étranger.

(Keystone)

Die Geldüberweisungen von Immigranten an Angehörige in der Heimat boomt. Die Gebühren für den Transfer sind aber hoch. Schweizer Jungunternehmer haben ein Instrument entwickelt, das einen Vergleich der Überweisungskosten ermöglicht.

2013 haben Migranten auf der ganzen Welt insgesamt 410 Milliarden Dollar nach Hause in die Entwicklungsländer geschickt. Das sind gemäss Weltbank und Internationalem Währungsfonds IWF vier Mal mehr als vor zehn Jahren.

Mit einem Transfer-Volumen von rund 20 Milliarden Dollar pro Jahr liegt die Schweiz hinter den USA (48,3 Mrd.) und Saudi Arabien (26 Mrd.) auf dem dritten Platz der Weltrangliste. Die drei Länder haben zumindest eine Gemeinsamkeit: Ausländer stellen mehr als 20 Prozent ihrer Bevölkerung.

Die Immigranten der Schweiz überweisen proportional am meisten Geld in ihre Herkunftsländer: Rund 11'000 Dollar pro Kopf und Jahr. In Saudi Arabien beträgt der Durchschnittsbetrag lediglich einen Drittel und in den USA sogar nur einen Zehntel.

Diese Unterschiede erklären sich durch die Herkunft der Immigranten, sagt Chris Lom, Mediensprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM). "2011 zählte die Schweiz laut offiziellen Zahlen 1,7 Millionen Ausländer. Davon waren 1,5 Millionen Europäer. Eine grosse Zahl der europäischen Immigranten in der Schweiz sind gut qualifiziert und haben deshalb leichter Zugang zu besser bezahlter Arbeit."

Janine Dahinden, Professorin für internationale Studien an der Universität Neuenburg und Autorin mehrerer Bücher zu diesem Thema, teilt diese Einschätzung. "Der hohe Anteil Ausländer in der Schweiz spielt eine wichtige Rolle. Hinzu kommt, dass die Schweiz von der internationalen Wirtschaftskrise weniger stark betroffen ist. Und viele Ausländer arbeiten in Branchen, die keine gravierenden Probleme infolge der Krise hatten.

Die kosovarische Diaspora

"Deutschland, Frankreich und Spanien sind, gemessen am Volumen der Geldüberweisungen" die wichtigsten Destinationen für Guthaben aus der Schweiz", sagt François Broid, der Gründer von TawiPay, einer jungen Schweizer Firma, die versucht, mehr Transparenz in den Dschungel der Transfergebühren zu bringen.

Trotz des Booms, den dieser Sektor derzeit vor allem auch in der Schweiz erfährt, verfügen die Behörden über keine eigenen Zahlen.

"Das Seco (Staatssekretariat für Wirtschaft, N.d.R.) erhebt keine Daten von diesen Geldüberweisungen und bei den Zahlen der Weltbank handelt es sich nur um Schätzungen. Im Allgemeinen umfassen die Statistiken der Weltbank alle Transferzahlungen in die Entwicklungsländer, aber auch in die europäischen Länder. Wahrscheinlich geht die Mehrheit der Überweisungen aus der Schweiz in die Nachbarländer Europas", sagt Sprecherin Nicole Mueller.

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und die Universität Neuenburg sind die Autoren einer der seltenen Studien zum Thema.

"Transferzahlungen und Immigration". Die Diaspora als Motor der Entwicklung im Kosovo: Mythos und Realität (2009) ist ein Musterbeispiel für die Eigenheit der Schweizer Transferzahlungen. Ein Drittel der kosovarischen Haushalte, die solche Überweisungen erhalten haben, geben das Geld für Konsumgüter, für Luxusartikel oder für die Lancierung neuer Geschäfte aus.

Diese Ausgaben unterscheiden sich stark von jenen anderer Regionen. Die Weltbank schätzt, dass 700 Millionen Menschen auf der Erde dank dieser Zahlungen überleben, dass sie ein wichtiger Entwicklungsfaktor für zahlreiche Länder sind, vor allem in Afrika und Asien. In Tadschikistan machen sie sogar 48 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.

Herkunft und Destination der Transfers

2011 wurde aus folgenden 5 Ländern am meisten Geld transferiert: USA (48 Mrd. Dollar), Saudi-Arabien (26), Schweiz (19,6), Russland (18,6), Deutschland (15,9).

Die wichtigsten Empfängerländer sind: Indien (63,8 Mrd. Dollar), China (40,8), Mexiko (23,6), Philippinen (23), Nigeria (20,6).

Die Schweiz belegt unter den Geberländern den dritten Platz, liegt aber am Schluss des Klassements der Empfängerländer (3,3 Mio. Dollar pro Jahr).

Quelle: Weltbank und Bundesamt für Statistik

"Wettbewerbswidrige Praktiken"

Alle Immigranten der Welt sind mit der gleichen Frage konfrontiert: Wie soll man der Familie Geld heimschicken? "Ein Teil der Transferzahlungen vollzieht sich immer noch von Hand zu Hand. Offizielle und inoffizielle Kanäle haben schon immer nebeneinander bestanden", sagt Janine Dahinden. Deshalb müssten die offiziellen Zahlen – sofern es sie überhaupt gebe – mit Vorsicht betrachtet werden.

Wer sich nicht für eine Überweisung von Hand zu Hand entscheidet, wendet sich an spezialisierte Unternehmen wie Western Union oder MOneyGram. Oder an lokale Banken. Aber die Kommissionsgebühren sind hoch und machen manchmal bis zu 10 Prozent der überwiesenen Summe aus.

"Im globalen Durchschnitt haben die Transferkosten im ersten Quartal 2013 8,85 Prozent des überwiesenen Betrags ausgemacht", sagt Indira Chand, Sprecherin der Gruppe "Perspektiven der Entwicklung" bei der Weltbank.

Die wichtigsten Gründe, welche diese hohen Kosten erklären, sind "wettbewerbswidrige Praktiken der Unternehmen dieser Branche, welche mit den Empfänger-Organisationen Langzeit-Abkommen abschliessen und ihnen Exklusivklauseln und mangelnde Kosten-Transparenz (Wechselkurse und Kommissionen) aufdrängen, sowie das Fehlen gesetzlicher Bestimmungen, welche die Rechte jener schützen würden, die Geld ins Ausland schicken", sagt Janine Dahinden.

Immigrationsgemeinde im Visier

Wegen dieser Widrigkeiten haben sich die Brüder François und Pascal Broid mit sechs anderen jungen Schweizer Unternehmern zusammengeschlossen, um eine Plattform zum Gebührenvergleich zu entwickeln.

TawiPay sei gratis und umfasse 2200 Finanzinstitute, die zusammen 60 Prozent des weltweiten Transfervolumens abdeckten, sagt François Broid.

"Bis heute haben sich bereits 15'000 Personen auf unserer Vergleichsplattform erkundigt, obwohl wir die Werbung für unser Produkt noch gar nicht lanciert haben, weil wir noch in der Beta-Phase stecken", sagt der Mitinitiant.

"Wir versprechen uns eine rasante Entwicklung von einer Bekanntmachung des Angebots bei den Immigrations-Gemeinschaften und eine Ausweitung unserer Dienstleistungen nach dem Einbezug weiterer Finanzinstitute und zusätzlicher Sprachen."

Initiative auf der langen Bank

"Angesichts der Bedeutung dieser Überweisungen für die Entwicklung müssen wir transparentere Transfers begünstigen und die Zusammenarbeit zwischen nationalen und internationalen Organisationen auf diesen Märkten verbessern."

Das steht jedenfalls auf der Roadmap überTransferzahlungen, welche die Regierungen der G20 2009 in Rom unterzeichnet haben. Im gleichen Jahr haben sie die Initiative 5x5 lanciert. Deren Ziel ist es, die Transfer-Kosten von 10 auf 5 Prozent der überwiesenen Beträge zu senken. Für die Umsetzung ist eine Frist von 5 Jahren gesetzt.

Aber ein Jahr vor Ablauf der Frist und trotz der breitgeschlagenen Absichtserklärungen der Regierungen liegt das Ziel noch in weiter Ferne.

"Es ist schwer zu erklären, weshalb die Initiative 5x5 nicht funktioniert hat", sagt Broid. "Es braucht mehr Transparenz, einen besseren Zugang zu den Informationen und eine aktivere Kommunikation mit den Migranten. Die Regierungen der westlichen Länder, aber auch jene des Südens, müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Bevölkerung über die bestehenden Alternativen informieren sowie den Wettbewerb unter den Anbietern fördern."

Geldflüsse kennenlernen

Die Gruppe der Weltbank und die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) beteiligen sich aktiv an der "Globalen Wissenspartnerschaft für Migration und Entwicklung (KNOMAD). Diese Plattform hat sich das Ziel gegeben, Informationen über Migration und Geldflüsse in der Welt zusammenzutragen.

Mit einem Beitrag von 5 Millionen für den Zeitraum 2013-2017 sei die Schweiz der wichtigste Geldgeber, sagt Indira Chand, Sprecherin der Gruppe "Perspektiven der Entwicklung" der Weltbank.

Beteiligt sind ausserdem Vertreter der Vereinten Nationen, der Gruppe für Migration, des Forums für Migration und Entwicklung, der Organisation für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD und der Internationalen Organisation für Migration (OIM).


(Übertragung: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch



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