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Ungeliebte Minarette hinter den Deichen

Muslimische Kinder auf dem Weg zu einer islamischen Schule in Amsterdam.

(Keystone)

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Minarett-Initiative ab. Der Bau von Minaretten ist auch in den Niederlanden umstritten. Dort werden mehr "echte" Moscheen gebaut, seit den Muslimen klar geworden ist, dass sie nicht mehr in die alte Heimat zurückkehren werden.

Seit bald sechs Jahren wird im Süden von Rotterdam an der Essalam-Moschee gebaut. Von aussen sieht das 2600 Quadratmeter grosse, helle Gebäude fast fertig aus. Aber auf den beiden Minaretten fehlt die Spitze.

Und der Eingang müsse noch mit Naturstein ausgelegt werden, sagt Architekt Wilfried van Winden. Wann das geschehen wird, ist unklar. Seit Ende des Sommers liegen die Bauarbeiten still, weil die Glaubensgemeinschaft einmal mehr ums Geld streitet.

Die lange Bauzeit verärgert viele. Bereits forderte Marco Pastors von "Leefbaar Rotterdam" (Lebenswertes Rotterdam, LR) die Stadtregierung auf, den Moscheebetreibern die Bewilligung zu entziehen und das religiöse Haus, das in der Nähe des Fussballstadions von Feyenoord-Rotterdam steht, für andere Zwecke zu nutzen.

LR ist die letzte noch bestehende lokale Partei, die der 2002 ermordete Rechtspopulist und Islamkritiker Pim Fortuyn aufrichtete. Den LR-Anhängern sind vor allem die gut sichtbaren Minarette, die 50 Meter hoch in den Himmel ragen, ein Dorn im Auge.

"Minarette nicht zwingend"

Aber auch junge Muslime sind kritisch. Viele sehen die Essalam als typische "Heimwehmoschee". Ein viereckiges Haus mit einer runden Kuppel und einem oder mehreren Minaretten: So stellt sich die ältere Generation bis heute eine Moschee vor.

In den Augen der jüngeren Generation hat diese klassische Architektur aber ausgedient. Sie bevorzugt moderne, spielerisch gebaute Gotteshäuser, die in ein Quartier integriert werden und eine zusätzliche Funktion als Gemeinschaftshaus haben. Minarette gehören nicht zwangsläufig dazu.

"Ich finde es nicht schlimm, wenn meine Mitmenschen ihren Glauben weniger sichtbar zur Schau stellen", sagt Rasit Bal, der Präsident der Vereinigung Muslime und Behörden (CMO).

Niederländer seien nicht an religiöse Äusserungen gewöhnt. Wohl auch deshalb gebe es bei jedem Moscheebau Einsprachen und Proteste. Darauf spielten dann wiederum die Medien an, und ganz besonders Politiker wie Geert Wilders, bedauert Bal: "So entsteht eine gehässige Stimmung."

Tatsächlich hat Wilders von der rechtsextremen Partei für Freiheit (PVV) mit seinem Kreuzzug gegen den Islam die Stimmung mächtig aufgeheizt. Er geisselt den "Tsunami von Muslimen" in den Niederlanden, vergleicht den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" und fordert, diesen ebenfalls zu indexieren.

Ob er mit seinen Äusserungen diskriminiert, wird ein Gericht im nächsten Jahr beurteilen. Und weil der Islamhasser in den Umfragewerten ständig zulegt – im Moment wäre seine PVV zweitstärkste Kraft im nationalen Parlament – ist in den Augen von Rasit Bal Vorsicht geboten mit dem zur Schau stellen des Glaubens: "Wir müssen dafür sorgen, dass wir hier leben können."

Bescheidene Moscheen

Die allerersten muslimischen Einwanderer hatten keine grossen Ansprüche, als sie in die Niederlande kamen. Sie waren zufrieden, wenn sie in einer abgedankten Schule oder einem leerstehenden Laden eine Moschee einrichten konnten.

Es störte sie nicht, wenn der Standort der Islamhäuser nicht zentral, sondern abgelegen, etwa auf einem Industrieterrain war. Hauptsache, sie konnten sich ungestört zum gemeinsamen Gebet treffen.

Seit diesen Anfängen damals, in den 1950er-Jahren, hat sich einiges verändert. Inzwischen leben über 900'000 Muslime - in zweiter oder dritter Generation – in den Niederlanden. Die meisten sind aus Marokko und der Türkei zugewandert.

Mit ihnen ist auch die Anzahl der Moscheen gewachsen: 450 sind es heute im ganzen Land. Wie viele Minarette es gibt, hat bisher niemand gezählt. Nach Schätzungen von Fachleuten könnten es etwa 30 sein.

"Heimwehmoschee" und Generationenkonflikt

Die ersten Gastarbeiter hatten nicht vor, hinter den Deichen Wurzeln zu schlagen. Und auch die zweite Generation sprach – obwohl in den Niederlanden geboren – immer vom Zurückgehen. Dieser Gedanke beherrschte viele Immigranten-Familien jahrzehntelang.

Er hatte zur Folge, dass sie sich in ihrer Wahlheimat zwar anpassten, aber sich nicht die Mühe nahmen, die Sprache zu lernen und zu integrieren. Ein Umdenken setzte erst in den 1990er-Jahren ein, als sie verpflichtet wurden, Sprach- und Integrationskurse zu besuchen.

In jener Zeit hätten die "neuen Niederländer" angefangen, ihre alten Moscheen durch neue zu ersetzen, hat Marcel Maussen von der Universität von Amsterdam erforscht. Dabei stellte er fest, dass das Bauen einer Moschee heute auch Unterteil des Emanzipations-Prozesses ist.

Am architektonischen Stil könne man ablesen, wie es damit stehe, sagt Maussen. Dem Wissenschafter ist klar geworden, dass sich hinter einer "Heimwehmoschee" ein Generationenkonflikt verbirgt: "Sie steht für die Parallel-Gesellschaft." Genau diese versuchen die Behörden mit allen Mittel zu vermeiden. Bisher mit eher mässigem Erfolg.

Elsbeth Gugger, Amsterdam, swissinfo.ch

Mord an Theo van Gogh

Die Niederlande gelten als ein traditionelles und tolerantes Einwandererland.

Seit dem frühen Mittelalter wurden hier Unterdrückte aus aller Herren Länder aufgenommen, portugiesische Juden etwa oder französische Hugenotten.

Im 20. Jahrhundert kamen Gastarbeiter aus China und der Mittelmeerregion hinzu. Die Einheimischen waren stolz auf das multikulturelle Strassenbild – um die Zugewanderten kümmerten sie sich jedoch kaum.

Der Scheinfriede wurde jäh zerstört, als vor fünf Jahren ein radikaler Niederländer mit marokkanischen Wurzeln den islamkritischen Filmemacher Theo van Gogh ermordete. Die in Amsterdam auf offener Strasse verübte Bluttat offenbarte auf eine schmerzliche Weise, wie schlecht es um die Integration der Muslime bestellt ist.

Der Mord löste eine nationale Integrationsdebatte aus, die bis heute fortdauert. Gleichzeitig wurden (mit massiv viel Behördengeld) zahlreiche Projekte auf die Beine gestellt mit dem Ziel, den Dialog zwischen den Bevölkerungsgruppen zu fördern.

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