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Unsere Leseempfehlung der Woche

Liebe Schweizerinnen und Schweizer im Ausland

Wer regiert die Welt? Sind es noch die Trumps, Putins, Xi Xjinpings, Merkels & Co.? Oder bereits die Mark Zuckerbergs, welche die Tech-Giganten Facebook, Google, Amazon, Apple oder Microsoft zu den grössten und profitreichsten Unternehmen der Welt machten?

Wie mit ihnen umgehen, die immer uneingeschränkter nach der Weltherrschaft greifen? 

Solange Ghernaouti hat eine glasklare Meinung. Die Professorin an der Universität Lausanne (UNIL) und internationale Expertin für Cybersicherheit warnt vor den Machenschaften der Tech-Giganten und erklärt im Interview, was uns da noch so alles blühen könnte.

Herzliche Grüsse aus Bern

Renat Kuenzi

Leiter der Fachredaktion #DearDemocracy

Wollen uns die Tech-Giganten unser Know-how entziehen?

Brad Smith

Brad Smith, Präsident von Microsoft, während einer Debatte über die Internet-Governance im Palais des Nations in Genf im November 2017.

(© Keystone / Martial Trezzini)

Mehrere Initiativen zielen darauf ab, Genf zu einem Zentrum für die Regulierung des Cyberspace und den digitalen Wandel der Wirtschaft zu machen. Zwei Ansätze treffen aufeinander. Der eine versucht, den Staaten verbindliche Instrumente an die Hand zu geben. Der andere versucht, solche Massnahmen zu verhindern. Cyber-Expertin Solange Ghernaouti beleuchtet die Dynamik.

Genf war Anfang der 2000er-Jahre mit dem Weltgipfel der Informationsgesellschaft das Zentrum für erste Versuche der Staaten, das Internet und den Cyberspace zu regulieren. 

Professorin Solange Ghernaouti leitet die Schweizer Cybersecurity Advisory & Research Group an der Universität Lausanne. Als internationale Expertin für Cybersicherheit und Cyberabwehr ist sie Autorin zahlreicher Bücher und Publikationen. Ausserdem ist sie Vorsitzende der Stiftung SGH - Institut de Recherche Cybermonde.

(Rebecca Bowring)

Dort entwickeln sich derzeit eine Reihe von Initiativen, die von den Schwergewichten der digitalen Wirtschaft dominiert werden, insbesondere von Microsoft. Auch Facebook wählte Genf aus für das umstrittene Projekt zur Einführung der Kryptowährung Libra.

Solange Ghernaouti ist Professorin an der Universität Lausanne (UNIL) und internationale Expertin für Cybersicherheit und Cyberabwehr. Das Bild, das sie von den Risiken der GAFAM (Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft) zeichnet, ist erschreckend.

swissinfo.ch: Das von Facebook gestartete und von Genf aus verwaltete Projekt der Kryptowährung Libra hat heftige Reaktionen seitens der Staaten hervorgerufen. Woran liegt das?

Solange Ghernaouti: Anfänglich war die Informatik darauf ausgerichtet, Berechnungen zu automatisieren und digitale Technologien zur Verbesserung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu entwickeln. In den 2000er-Jahren entstanden Plattformen mit einem hegemonialen Fokus. Sie galten als unverzichtbare Vermittler für alle Aktivitäten. Dies hatte Auswirkungen auf die Funktionsweise der Organisationen und Staaten.

Wenn sich solche Plattformen fürs Geld interessieren – ein Instrument der staatlichen Souveränität, dann ist es deshalb, weil sie die Kunden besser kennen als die Banken. Sie brauchen keine Finanzintermediäre mehr, weil sie die digitale Infrastruktur beherrschen.

swissinfo.ch: Das Libra-Kryptowährungs-Projekt wird jedoch als quasi-humanitäres Projekt dargestellt, das armen Regionen den Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglicht. Ist das nicht der Fall?

S.G.: Wir müssen die Realität kommerzieller Unternehmen sehen, die Menschen auf der ganzen Welt verbinden und wir sollten ihre pseudohumanen, ja evangelistischen Diskurse in Bezug auf ihren direkten und indirekten Nutzen und die Macht, die ihnen ihre Strategien verleihen, entschlüsseln. 

Diese Dienstleister schaffen neue Bedürfnisse, zwingen die Nutzer zu neuen Verhaltensweisen. Wir haben nicht das ganze Ausmass dieser Transformations-Macht und die Nötigungen durch diese Plattformen verstanden.

In den Anfangszeiten des Internets ergänzte die Informatisierung der Aktivitäten die bestehenden Dienstleistungen. Von nun an ist der digitale Übergang gleichbedeutend mit Substitution und Ersatz.

swissinfo.ch: Welches Ziel haben diese Plattformen?

S.G.: Die hegemoniale Absicht, alle Nutzungen, Inhalte, Abläufe und Abwicklungen mit wesentlichen Diensten zu kontrollieren, um die Nutzer abhängig zu machen und an sich zu binden. Sie folgt einer Logik der wirtschaftlichen Kraft und Macht. Dies gilt für alle digitalen Giganten, egal ob sie amerikanischer (GAFAM - Google, Amazon, Apple, Facebook, Microsoft; NATU – Netflix, Airb&B, Telsa, Uber) oder chinesischer (Baidu, Alibaba, Tencent, Xiaomi) Herkunft sind.

Diese Akteure, die ihr Handeln mit dem Wettbewerb rechtfertigen, versuchen in der Tat, Monopol- oder Oligopolsituationen zu schaffen, die es ihnen ermöglichen, die Märkte zu beherrschen, um komfortable Gewinne zu erzielen. Die Möglichkeit, selbst kleine Gebühren auf Zahlungen von Milliarden von Personen zu erheben, ist äusserst lukrativ.

Das Libra-Projekt vereint auch gewisse Riesen des "klassischen" internationalen Zahlungsverkehrs. Auch wenn sich einige unter dem Druck bestimmter amerikanischer Politiker davon entfernt haben.

 Mark Zuckerberg

Am 23. Oktober erschien Facebook-Präsident und CEO Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress, um sein Krypto-Währungs-Projekt zu verteidigen. Er musste sich vor sehr verärgerten Parlamentariern rechtfertigen.

(Keystone / Michael Reynolds)

swissinfo.ch: Wie weit kann der Einfluss dieser Plattformen gehen? Können sie sogar die Definition der Arbeit ändern?

S.G.: Die Automatisierung wird auf die Spitze getrieben. Auch Arbeiten, die gewisser Überlegungen bedürfen, werden zunehmend der Software zugeordnet. Die Dienstleistungsbranche ist von der Substitution menschlicher Arbeit durch Computer betroffen.

Alle Individuen, ob professionell oder nicht, tragen dazu bei, sich von dem zu entledigen, was und wer sie sind, indem sie Daten liefern, die für die Entwicklung von Algorithmen der künstlichen Intelligenz verwendet werden. Es ist ein Transfer von Fähigkeiten vom Menschen auf die Maschine. Durch die ständige Abhängigkeit von Dienstleistungen, die uns am Denken und Handeln hindern, laufen wir Gefahr, unsere Fähigkeiten zu verlieren und diese den Maschinen und den Unternehmen zu überlassen, die sie implementieren und umsetzen.

swissinfo.ch: Ist der Gegensatz zwischen einer totalitären chinesischen Technologie und einer amerikanischen Technologie, welche die individuellen Freiheiten respektiert, illusorisch?

S.G.: Die Tyrannei der Plattformen kommt zum Beispiel zum Ausdruck, wenn Uber-Arbeiter nicht als gesetzlich geschützte Arbeitnehmer anerkannt werden oder wenn ihre Benutzer als Rohstoff für die Datenlieferung betrachtet und als unbezahlte Arbeitnehmer behandelt werden. Diese Plattformen und ihre Nutzung zerstören das gesamte soziale Gefüge, für dessen Aufbau wir seit Jahrhunderten kämpfen, und sie destabilisieren unsere wirtschaftliche und politische Macht.

swissinfo.ch: Wie ist es dazu gekommen?

S.G.: Facebook wurde ursprünglich für eine Gruppe Studierender zu Unterhaltungszwecken gegründet. Wir waren naiv, uns den Spielregeln zu unterwerfen, die uns einseitig aufgezwungen wurden, und wir waren blind im Glauben, dass diese zu unserem eigenen Besten seien.

Es gibt eine Asymmetrie zwischen den digitalen multinationalen Unternehmen, von denen wir fast nichts wissen, und ihren Nutzern (öffentliche und private Organisationen, Einzelpersonen, einschliesslich politischer und wirtschaftlicher Führungskräfte), über welche die Multis alles wissen. Sie lehnen jede staatliche und internationale Regulierung ab und bevorzugen die Fiktion der Selbstregulierung.

swissinfo.ch: Wie stellen sie es an, Regierungen und Einzelpersonen hinters Licht zu führen?

S.G.: Dazu kommunizieren sie intensiv über ihre unumgänglichen Eigenschaften und ihre sozialen und philanthropischen Rollen. Indem sie sich den humanitären Diskurs und die natürliche Entwicklung der Technikwissenschaften aneignen, beschlagnahmen sie die Fähigkeit, ihr Handeln in Frage zu stellen, was es ihnen erlaubt, die für sie geeigneten Regeln durchzusetzen.

Wir müssen uns fragen, welche langfristigen Auswirkungen diese Dynamik und unsere freiwillige Unterwerfung haben.

swissinfo.ch: Microsoft scheint in Genf eine zentrale Rolle zu spielen. Das Unternehmen ist an einer Reihe von Projekten beteiligt, die von dieser Stadt aus gestartet wurden, in der sich grosse internationale Organisationen befinden. Wie interpretieren Sie diesen Aktivismus?

S.G.: Durch verschiedene Initiativen positioniert sich Microsoft unter Verwendung des Vokabulars und der Symbole, die mit dem Roten Kreuz und den Vereinten Nationen assoziiert werden, als Schlüsselakteur für die Stabilität des Internets und positioniert sich auf Staatsebene, um Fragen der Regulierung des Cyberspace zu diskutieren. Das Unternehmen fördert die Etablierung ethischer Praktiken, die Digitalisierung im Dienst der Menschheit und bietet Opfern von Cyberangriffen Hilfe und Unterstützung bei Ermittlungen an.

Die Firma war vor den anderen im Bereich der Diplomatie tätig, um eine unverbindliche "universelle digitale Ethik" zu entwickeln.

swissinfo.ch: Ist das nicht eine gute Initiative?

S.G.: Man kann das Engagement des Privatsektors begrüssen, Probleme zu lösen, für die er teilweise mitverantwortlich ist. Aber man sollte sich fragen, ob diese Ansätze nicht eher dazu beitragen, einen wirklich multilateralen internationalen Dialog zu verlangsamen und die Entstehung verbindlicher Regelungen zum Nutzen der Nutzer und Staaten zu verhindern. Es besteht die reale Befürchtung, dass die Spielregeln in der digitalen Wirtschaft, der Datenwirtschaft und der damit verbundenen Überwachungsökonomie von den stärksten Akteuren festgelegt werden, die es verstehen, das Image der Schweiz und die Alibis bestimmter akademischer und zivilgesellschaftlicher Akteure zu nutzen.

Microsoft, aber auch Facebook mit seiner Kryptowährung oder Alibaba mit seinen Bemühungen um die Förderung des internationalen Handels in der WTO, verstehen es sehr erfolgreich, das Markenimage der Schweiz und des internationalen Genf mit dem Segen der Schweizer Behörden zu nutzen, was vor allem eine Frage des eigenen Marketings und Interesses ist.

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