Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Viehlockrufe


Sommer auf der Alp – als "Geburtshelfer" für Kühe


Von Susan Misicka, Graubünden


Christian Hänny kennt alle Kühe beim Namen. (swissinfo.ch)

Christian Hänny kennt alle Kühe beim Namen.

(swissinfo.ch)

Was muss man sich vorstellen, wenn in der Stellenbeschreibung von einem alpinen Geburtshelfer für Dutzende von trächtigen und säugenden Kühen die Rede ist?

Als ich durchs Telefon die Kuhglocken höre, weiss ich, dass ich den richtigen Mann am anderen Ende der Leitung habe. Es ist Christian Hänny – ein pensionierter Bauer, der sich nun im Sommer jeweils um Rindvieh auf einer Alp im Kanton Graubünden kümmert.

"Sie können mich gerne besuchen, falls ich nicht gerade zu beschäftigt bin, Kühen beim Gebären von Kälbern zu helfen", sagt Hänny. Er unterstreicht damit eine der Hauptaufgaben seiner Arbeit auf der hoch gelegenen Porteiner Alp.

Dieses Jahr kümmert er sich um 75 Kühe, von denen etwa die Hälfte trächtig waren, als sie Mitte Juni unter seine Obhut kamen. Er wird dafür bezahlt, sich in den Sommermonaten, in denen die Kühe auf der Alp sind, um die Tiere zu kümmern, Unterkunft für ihn und seine Frau inbegriffen.

Die Sommerarbeit in den Bergen – unter anderem Tiere betreuen, Weiden und Zäune hegen oder Käse machen – generiert in der Schweiz Tausende von saisonalen Jobs, 1500 allein im Kanton Graubünden.

Als ich bei der Alphütte ankomme – nach einer aufregenden Fahrt auf einer schmalen Strasse voller Haarnadelkurven – führt Hänny gerade eine Kuh und deren Kalb in eine kleine Koppel neben einer Scheune. Er ermuntert mich, einen näheren Blick auf sie zu werfen. Aber erst, nachdem die Tiere sich eingerichtet haben. Das Kalb trinkt hungrig und kümmert sich nicht um uns Menschen.

"Es ist wichtig, sicherzustellen, dass die Jungen wirklich trinken", erklärt Hänny. Würde das Kalb nicht richtig am Euter der Mutter saugen, müsste er es mit der Flasche ernähren.

Zufrieden mit dem was er sieht, schickt Hänny die zwei Tiere zurück auf die Weide, zum Rest der Herde, die verteilt ist über eine steile, üppige Fläche von rund 180 Hektaren. Auf dem Weideland spriessen Gras, Kräuter und Wildblumen, die zum Geschmack des späteren Fleisches beitragen.

Denn die Tiere, um die Hänny sich kümmert, sind nicht Milchkühe, sondern Fleischvieh. Während viele Mutterkühe jahrelang als Zuchttiere dienen, werden die Kälber nach acht bis elf Monaten geschlachtet, und der Zyklus beginnt von vorn. Zur Herde gehören Tiere verschiedener Rassen wie Schweizer Braunvieh, Simmentaler oder Pinzgauer, daher haben auch nicht alle die gleiche Farbe. Die Besitzer der Tiere sind vier verschiedene Bauern im Tal.

Wo ist Hulda?

Hänny ist ein fröhlicher, braun gebrannter Mann, der sich rasch mit Leuten anzufreunden scheint. Nachdem ich ein paar Fotos von ihm mit seiner Frau Vreni und dem Hund Gin gemacht habe, will er auch mich ins Bild rücken. Stolz zeigt er auf die Blumen, darunter Edelweiss, welche die Hütte schmücken, und drängt mich, ein paar als Souvenir zu pflücken.

Während wir ein Glas Eistee trinken, der im Erdkeller kühl gehalten wird, schaut er sich meine Wanderschuhe an. "Jawohl, Sie tragen das richtige Schuhwerk – wollen Sie mit mir auf meine Runde kommen?"

Er ist ausgerüstet mit einem Wanderstab und einem Sack mit altem Brot für die Kühe, aber auf Wasser, Sonnenbrille oder Hut verzichtet Hänny trotz der prallen Sonne und Temperaturen gegen die 30 Grad.

"Ich bin daran gewöhnt, draussen zu sein. Dieser Job hält einen fit", erklärt er. Ich bin überrascht, als er erwähnt, er habe ein künstliches Hüftgelenk. In der Hoffnung, dass ich mit dem energischen 67-Jährigen werde Schritt halten können, gehe ich hinter ihm her. Ich trage einen Hut und eine Sonnenbrille und bin mit Sonnenschutzfaktor 50 eingeschmiert – und in meiner Kameratasche steckt eine Flasche Wasser.

An diesem Tag hat Hänny eine Kuh namens Hulda noch nicht gesehen, und macht sich deshalb etwas Sorgen. Sie soll in etwa zwei Wochen kalbern (gebären) – und je näher der Termin rückt, umso wichtiger ist es ihm, dass sie sich in der Nähe der Hütte und der Koppel befindet, die er als Entbindungsstation bezeichnet, weil es von hier aus einfacher ist, die Hauptstrasse zu erreichen.

Ich frage ihn, ob er auf seinen Runden jemals überraschend auf ein frisch geborenes Kalb stösst? Er lächelt und schüttelt den Kopf, denn er lernt jede Kuh sehr gut kennen: Name, Besitzer, Charakter und erwartete Zeit des Kalberns, praktisch auf die Stunde genau.

Normalerweise läuft alles rund, aber gelegentlich kann es dazu kommen, dass Hänny eine Kette braucht, um ein wenig an den Beinen eines Kalbs zu ziehen.

"Dieses Jahr gab es einmal Zwillinge, das war eine schwierige Geburt. Ohne Hilfe wären die Kälber gestorben", sagt Hänny. "Wenn man diese Arbeit macht, muss man auch auf den Tod vorbereitet sein."

Im Fall eines ernsthaften Problems ruft er einen Tierarzt an. Auch Verletzungen können nicht ganz ausgeschlossen werden, vor allem weil das Gelände der Alp recht zerklüftet ist.

Am Tag, an dem ich zu Besuch bin, hat eine hochschwangere Kuh ein Problem mit einem Huf. Hänny muss sie daher in die "Krankenstation" in der Nähe der Hütte bringen, wo sie sich nicht zu viel bewegen muss, um an Wasser und Nahrung zu kommen.

Er habe ein paar Lieblingstiere, sagt Hänny, unterstreicht aber, dass er alle gleich behandle. "Sie vertrauen mir und kommen direkt auf mich zu, wenn ich alleine bin. Ist jemand anderes dabei, verhalten sie sich aber meist nicht ganz gleich", sagt Hänny. Ich frage mich, ob sie etwas gegen meinen grossen Stroh-Stetson haben werden.

Natürliche Feinde und Touristen

"Dieses Jahr habe ich eine sehr gutmütige Herde – so gutmütig, wie sonst kaum je. Es ist sehr wichtig für den Sommer, wie die Bauern die Tiere im Winter behandeln", sagt Hänny überzeugt. Und erklärt, mit etwas sanftem Streicheln und ein paar Scheiben altem Brot könne man viel erreichen.

Vor einigen Jahren aber, während Hännys erstem Sommer auf einer Alp in der Nähe von Rhäzüns, hielt sich ein Wolf im selben Gebiet auf. Was sich stark auf das Verhalten der Kühe ausgewirkt habe.

"Weil die Kühe so unruhig waren, fühlte ich mich selber unsicher", erinnert sich Hänny. Aber wie auch immer – normalerweise sind es eher Touristen, welche die Kühe nervös machen, vor allem wenn Leute nicht auf Distanz bleiben.

Kühe machen zudem allgemein keinen Unterschied zwischen Hunden und Wölfen. "Wenn Wanderer Hunde haben, kann ich nicht für ihre Sicherheit garantieren. Mutterkühe sind sehr beschützend", erklärt Hänny. So bleibt denn auch sein eigener Hund in der Nähe der Hütte und benimmt sich nicht wie ein Hirtenhund.

Informationstafeln weisen die Leute darauf hin, dass es gefährlich ist, sich dem Vieh zu nähern. Aber es gibt immer wieder Leute, die sich keinen Deut um diese Warnungen scheren, die sogar über Zäune klettern, um eine Abkürzung zu nehmen oder einen Blick von näher zu erhaschen.

Es dauert nicht sehr lange, bis ich diese Versuchung verstehe. Wir gehen um eine Kurve und sehen etwa ein Dutzend Kälber, die in einer Delle dösen. Und ich denke für mich selber: "jööh" [so herzig/wie süss].

"Das ist der Kindergarten", scherzt Hänny, und erklärt, es sei üblich, dass eine oder zwei der Mutterkühe ein Auge auf die Kleinen hielten, während die anderen Mütter grasen oder auf der Suche nach einem Wasserloch sind. Es komme auch vor, dass eine Kuh ihr Junges in hohem Gras verstecke.

Steak à la Minute

Nach drei Stunden unterwegs mit Hänny bin ich hungrig und ziemlich müde. Er hingegen scheint so frisch wie als wir loszogen; erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es bereits seine zweite Runde des Tages war.

Wieder bei der Alphütte angelangt, fragt seine Frau Vreni, ob ich mit ihnen Mittag essen möchte. Sie kochen mit Propangas, für etwas zusätzliche Energie sorgt ein Sonnenkollektor.

"Wir essen einfach, aber es gibt Salat aus dem Garten, Kartoffeln und Rindfleisch à la minute – lokal natürlich", sagt Vreni. Ich hatte fast vergessen, wozu die Tiere da sind, um die Hänny sich so liebevoll kümmert.

Um zu erfahren, was mit Hulda sei, rufe ich am nächsten Tag nochmals an. Hänny hatte sie schliesslich in einem Teil des Geländes gefunden, der von dort aus, wo wir durchgekommen waren, nicht gut zu sehen war. Und nicht lange, nachdem ich die Alp verlassen hatte, kam ein weiteres Kalb zur Welt.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

×