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Von "Götzenbildern" und "Totengebeinen Der Bildersturm der Zürcher Jugend

Bildersturm 1587 auf einer Darstellung aus der Sammlung von Johann Jakob Wick (1522-1588)

Bildersturm 1587 auf einer Darstellung aus der Sammlung von Johann Jakob Wick (1522-1588).

(Johann Jakob Wick, Bildersturm von 1587, Mischtechnik ca. 22x33 cm, Zürich Zentralbibliothek)

Es ist eine gewichtige Fracht, die der Fuhrmann Hans Feer am 9. Mai 1587 durch Zürich befördert. Die eine Kiste wiegt fast sechs Zentner, für die beiden anderen sind immerhin zwei starke Männer nötig, um sie zu tragen. Die Kisten kommen aus der Werkstatt des Vorarlberger Künstlers Heinrich Dieffolt. Er hat im Auftrag des Abts von Muri je einen Altaraufsatz für die katholischen Kirchen von Sursee und Merenschwand angefertigt. Wie vereinbart, hat Dieffolt die Kisten ins Warenlager Zürich geliefert, wo der Fuhrmann sie abgeholt hat.

Dem Katholiken Feer ist es nur halb geheuer, Heilige und Engel ausgerechnet durch die Stadt Zürich zu transportieren, wo die Reformierten alle Heiligenstatuen aus ihren Kirchen verbannt haben. Als ihn ein Passant fragte, was er denn mitführe, antwortete er schnell: "Wir bringen Särge weg. Fürchtet euch nicht! Es wird in diesem Jahr niemand mehr sterben, weil wir alle Toten wegbringen." Als sich aber ein anderer Passant erkundigt, ob seine Fracht denn kostbar sei, rutscht ihm heraus, sie sei so "kostbar wie die Totengebeine aus Zug".

Schlagartig wird die Atmosphäre frostig. Der flapsige Spruch erinnert nämlich an einen Streit zwischen dem katholischen Zug und dem protestantischen Zürich, der vor drei Jahren gezeigt hat, wie angespannt das Verhältnis zwischen den Alt- und Neugläubigen ist.

Damals hatten die Zuger begonnen, die Gebeine der Zürcher auszugraben, die im letzten Kappelerkrieg gefallen waren. Wahrscheinlich wollten sie die Knochen fünfzig Jahre nach der Schlacht in ein Beinhaus überführen, doch die Zürcher waren überzeugt, die Katholiken wollten ihre Toten schänden. Sie erreichten, dass die Gebeine wieder bestattet wurden, doch sie haben den Affront weder vergessen noch vergeben. Kein Wunder verdächtigen sie nun den katholischen Fuhrmann, ihre toten Helden "mit gar spöttischen, schimpflichen Worten" zu verhöhnen.

Schlacht bei Kappel, Kupferstich von M. Merian dem Älteren (1593-1650)

Die Schlacht bei Kappel zwischen Zürich und den fünf katholischen Zentralschweizer Kantonen. Kupferstich von M. Merian d. Ä. (1593-1650).

(akg-images)

Hans Feer ist offensichtlich verunsichert von der Feindseligkeit, die ihm entgegenschlägt. Anders ist kaum zu erklären, warum er kurz darauf drei Zürcherinnen ausgerechnet mit dem Ruf aus dem Weg scheucht: "Kommt nicht zu nah an den Wagen oder ihr müsst sterben!" Mit dieser Drohung hat er den Bogen überspannt. Aufgeregte Bürger versperren ihm den Weg, und sechs Burschen schwingen sich auf die Ladefläche seines Wagens, um die geheimnisvolle Fracht zu inspizieren.

Sie brechen die Kisten auf, reissen farbig bemalte Heilige, goldgeflügelte Engel und zierlich geschnitztes Kranzwerk heraus und schwenken ihre Beute triumphierend durch die Luft, während sie über die "hübschen Bilder" schnöden.

Unkontrollierter Vandalismus

Durch das Gelächter der Umstehenden ermuntert, treiben es die Jugendlichen immer toller. Sie führen den Pferdewagen zum Rennweg hinauf, bis vor das Wirtshaus zum Kindli, wo sie den Heiligenstatuen Hände, Nasen, und Ohren abschlagen und sie unter Schmähreden in einen Brunnen werfen.

Als ein Bursche eine heilige Barbara zum Brunnen trägt, schreit er: "Dieser Götze hat geholfen, die Totengebeine auszugraben, er muss deshalb in den Brunnen baden gehen." Kaum schwimmt die Statue im Wasser, wird die nächste herbeigeschleppt. "Dieser Götz hat geholfen, den neuen Kalender zu machen, darum muss er in den Brunnen", schreit ein anderer Vandale und macht damit seinem Ärger über die Kalenderreform von Gregor XIII. Luft.

Regula Bochsler hat an der Universität Zürich Geschichte und Publizistik studiert. Von 2004 bis 2011 leitete sie die TV-Sendung Kulturplatz des Schweizer Fernsehens und realisierte diverse Ausstellungen. Bochsler verfasste auch diverse Publikationen, darunter: "The Rendering Eye. Urban America Revisited" (2013), "Ich folgte meinem Stern. Das kämpferische Leben der Margarethe Hardegger" (2004), "Leaving Reality Behind. etoy vs eToys.com & other battles to control cyberspace" (2002).

(swissnex SF)

Während die Katholiken 1584 auf Geheiss dieses Papstes einen neuen Kalender eingeführt haben, weigerten sich die protestantischen Orte, sich ihre Zeitrechnung vom Oberhaupt der katholischen Kirche diktieren zu lassen. Seither gibt es in der Eidgenossenschaft zwei Kalender, die um ganze zehn Tage auseinanderklaffen und ein weiterer Grund sind, warum sich Katholiken und Reformierte in den Haaren liegen.

Inzwischen ist es dunkel, und noch immer wüten die Jugendlichen. Niemand kann oder will sie stoppen. Zwar schickt der Kindli-Wirt, vor dessen Haustür sich diese wüsten Szenen abspielen, seinen Knecht, um die Zerstörung zu stoppen.

Doch die Burschen schimpfen ihn einen "Götzenfresser" und drohen, ihn ebenfalls in den Brunnen zu werfen. Also tritt er unverrichteter Dinge den Rückzug an. Auch vom Wachmann, den ein besorgter Bürger gerufen hat, kommt keine Hilfe. Statt fremdes Eigentum zu schützen, wie es seine Pflicht wäre, lässt er sich mitreissen und sticht mit seiner Hellebarde auf ein Bild der heiligen Anna ein.

Einzig dem Goldschmied Stoffel von Lär gelingt es, einige Stücke dieser, wie er als Künstler erkennt, "köstlichen Arbeit" aus dem Wasser zu ziehen und sie in Sicherheit zu bringen. Auch sein Nachbar, der Bäcker Hyler, rettet eine Statue und schleppt sie zur sicheren Aufbewahrung ins Rathaus. Andere Zürcher sind weniger ehrlich. Sie nutzen das Durcheinander, um Teile der Altaraufbauten wegzuschaffen, wohl in der Hoffnung, sie später für gutes Geld zu verkaufen.

Schwere politische Krise

Der Vandalenakt führt in der Eidgenossenschaft zu einer ernsthaften politischen Krise. Für die katholischen Orte ist die Zerstörung der Altäre ein direkter Angriff auf ihren Glauben. Feierlich geloben sie, den Frevel notfalls unter Einsatz von Gut und Leben zu rächen. Die protestantischen Verbündeten Basel und Bern sind alarmiert. Sie warnen die Zürcher vor der Rache der Katholiken und raten ihnen, zusätzliche Wachen aufzustellen.

Die Zürcher beeilen sich, die Wogen zu glätten. Sie verhören zwei Dutzend Zeugen, entschuldigen sich offiziell und versprechen, den Künstler zu entschädigen und die Schuldigen zu bestrafen. Der Fuhrmann Hans Feer hingegen geht leer aus. Obwohl er bestreitet, sich über die Zürcher Toten lustig gemacht zu haben, erklärt der Zürcher Rat, er habe die Jugendlichen provoziert und sei deshalb mitschuldig an ihrem Bildersturm.  

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