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Wahlforschung Wissenschaftlich belegt: Auslandschweizer wählen linker

Didier Burkhalter, damaliger Bundesrat, 2016 am Fest zum 100-jährigen Geburtstag der ASO auf dem Bundesplatz in Bern

Die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer waren ihm wichtig: Didier Burkhalter, damaliger Bundesrat, 2016 am Fest zum 100-jährigen Geburtstag der ASO auf dem Bundesplatz in Bern.

(swissinfo.ch)

Auslandschweizerinnen und -schweizer stimmen stärker links. Das zeigte sich auch bei den Schweizer Parlamentswahlen Ende Oktober 2019. Woher kommt das? Weil linke Parteien die Auslandschweizer als Auslandschweizer ansprechen, statt sie mit der Wählerschaft im Inland in denselben Topf zu werfen. Das zeigen die Autoren der bisher umfassendsten Studie über die
Fünfte Schweiz.

2019 waren es über 760‘000 Schweizerinnen und Schweizer, die im Ausland leben. Damit wäre die Fünfte Schweiz der viertgrösste Kanton in der Schweiz. Von ihnen im letzten Jahr 174'000 als Stimmbürgerin oder Stimmbürger registriert.

"Trotzdem weiss die Wahlforschung bis heute praktisch nichts über sie. Damit handelt es sich um die grösste unerforschte Gruppe Schweizer Wahlberechtigter", schreiben Andreas Goldbergexterner Link und Simon Lanzexterner Link.

In ihrer Studie haben die beiden jungen Politikwissenschaftler die Gruppe der Schweizer Wählenden im Ausland erstmals genauer unter die Lupe genommen. Der Titel ihrer Arbeit: "Living abroad, voting as if at home? Electoral motivations of expatriates"externer Link. Zu Deutsch: Leben im Ausland, wählen wie zuhause? Der Wählerwille der Expats.

Die Fünfte Schweiz – eine Terra Incognita

Schweizerinnen und Schweizer im Ausland stimmen und wählen stärker links und grün als die Stimmenden im Inland. Das war bisher schon bekannt. Darüber hinaus aber war dieser imaginäre Schweizer Kanton Nr. vier, was die Bevölkerungszahl betrifft, eine Terra Incognita.

Nun wissen wir: Die Community der Fünften Schweiz ist anders zusammengesetzt als die Wahlbevölkerung in der Heimat. Nämlich jünger, männlicher, eher Single und mit einem höheren Bildungsstand versehen. 

Die Studie 

"Living abroad, voting as if at home? Electoral motivations of expatriates"externer Link von Andreas Goldberg und Simon Lanz ist "Migration Studies" erschienen, einem wissenschaftlichen Journal der renommierten Universität Oxford. Am 16. Dezember 2019 erschien in "DeFacto", der mehrsprachige Schweizer Plattform für Politikwissenschaft, eine gekürzte Fassungexterner Link

Die Forschungsarbeit von Goldberg und Lanz basiert auf Daten der Studie "Selects 2011" zu den Schweizer Wahlen 2011. Dabei waren auch Daten von Auslandschweizerinnen und -schweizern erhoben worden. Die Forscher kontaktierten 7000 Auslandschweizerinnen und -schweizer, von denen sich 1629 aus rund 120 Ländern an einer Umfrage beteiligten.

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"Die Wahlbevölkerung im Ausland, die so genannte Fünfte Schweiz, ist mit den Wählerinnen und Wählern in der Schweiz nicht zu vergleichen. Ausserdem treffen sie ihre Entscheide auf andere Art und Weise und stellen damit ein vernachlässigtes Potenzial für Parteien dar", lautet die Kurzzusammenfassung der Autoren.

Das ist aber nicht die ganze Geschichte. Denn trotz dieser Differenzen sind Goldberg und Lanz in ihrer Untersuchung auch auf Ähnlichkeiten der beiden Schweizer Wählergruppen gestossen. Beides, Differenzen und Gemeinsamkeiten sind wichtig für das Fazit.

Ein Hauch Goldgräber-Romantik

Zu Zusammensetzung und Einstellungen der politisch aktiven Mitglieder der Fünften Schweiz haben die Forscher folgendes herausgefunden:

● Männlicher: der Anteil der Männer bei den Schweizer Wählenden jenseits der Landesgrenzen ist um 15 Prozentpunkte höher.

● Single: Sie sind tendenziell mehr alleinstehend (+7 Prozentpunkte).

● Jünger: sie sind im Schnitt vier Jahre jünger.

● Besser gebildet: Sie verfügen über ein höheres Bildungsniveau. Es hat mehr Manager und Managerinnen sowie Angestellte im öffentlichen Dienst (+13 Prozentpunkte). Ebenso Berufe, die zum traditionellen Bürgertum gehören sowie Freischaffende (+8 Prozentpunkte).

● Weniger religiös: Auffällig sind die Unterschiede bezüglich Religion. Unter den Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer ist der Anteil jener, die keine Konfession haben und die sich nicht als Christinnen und Christen bezeichnen, fast ein Viertel höher (+23 Prozentpunkte). Namentlich die Zahl aktiver Katholikinnen und Katholiken ist deutlich geringer (-11 Prozentpunkte) als unter Wählenden in der Schweiz.

Politisch klarer positioniert

● Linker: Auf der Links-Rechts Skala verorteten sich Auslandschweizer weiter links, mit einem Unterschied von plus 1.3 Punkten. Konkret identifizieren sich Schweizer Wählende im Ausland stärker mit der Sozialdemokratischen und mit der Grünen Partei, den beiden linken Kräften. Die anderen Parteien, Freisinn/FDP, Christdemokraten/CVP, Bürgerliche Demokraten/BDP) und insbesondere die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP), werden weniger unterstützt.

● Passiver: Die Stimmbeteiligung der Auslandschweizer ist mit rund 30% deutlich tiefer als jene im Inland, wo knapp 50% an Wahlen teilnehmen.

Was gibt den Ausschlag für die Partei X und gegen die Partei Y?

Beim Wahlentscheid stehen die Identifikation mit einer Partei sowie die Kompetenzen, die einer Partei zur Problemlösung zugeschrieben wird, im Vordergrund. Das gilt für beide Wählergruppen. Dagegen fallen die Zugehörigkeit zu einer Religion und einer sozialen Schicht weniger ins Gewicht.

Die Faktoren, die bei Schweizer Wählende im Aus- wie im Inland den Ausschlag geben, sind also ähnlich. Auch wenn sich Wählende in der Schweiz mehr ans Parteibuch halten, solche im Ausland eher an die Problemlösungsfähigkeit der Partei X oder Y.

Aber wie kommt es, dass die Resultate von Abstimmungen und Wahlen regelmässig zeigen, dass die Fünfte Schweiz klar mehr links politisiert? Diese Tendenz zeigte sich auch jüngst bei den Schweizer Parlamentswahlen von Oktober 2019:

Auslandschweiz

Dafür machen die Autoren "echte Verhaltensdifferenzen" zwischen den beiden Wählergruppen verantwortlich. Bestimmend sei dabei die Motivation, eine Partei zu wählen, "die sich dem signifikanten Unterschied der Wählenden in- und ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen annimmt", so die Autoren. Oder anders gesagt: Die Stimmen der Auslandschweizer holen jene Parteien, welche die Auslandschweizer als Auslandschweizer ansprechen.

"Diese Verhaltensunterschiede könnten Parteien mittels speziell auf Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer ausgerichteten Kampagnen nutzen. Doch wie die Forschung scheinen auch die Parteien bis jetzt nur wenig an den Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern interessiert zu sein."

Auslandschweizer – 2023 hart  umkämpft?

Zwar haben wir bei den jüngsten Schweizer Parlamentswahlen von Oktober Kampagnen der Fünften Schweiz gesehen. Doch standen weniger Parteien dahinter als vielmehr Einzelpersonen. Wie etwa Franz Muheim. Doch trotz grossen Engagements des Auslandschweizers, der in Grossbritannien lehrende Professor kandidierte für die Grünliberalen im Kanton Zürich, blieb seine Kampagne letztlich ohne Erfolg.

Erleben wir 2023 also etwas Neues? Es ist davon auszugehen, dass bei den nächsten Schweizer Parlamentswahlen die Community der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer weiter angewachsen sein wird. Und mit ihnen das Potenzial, die für die angestrebten Gewinne die entscheidenden Stimmen zu liefern. Ob das die Schweizer Parteien bis dann begriffen haben?

swissinfo.ch

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