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WEF Davos 2014


Bosse fürchten Arbeitslosigkeit als tickende Zeitbombe


Von Matthew Allen, Davos


In Spanien sind fast 60% der Menschen in den Schlangen vor den Arbeitsämtern unter 25 Jahre alt. (Keystone)

In Spanien sind fast 60% der Menschen in den Schlangen vor den Arbeitsämtern unter 25 Jahre alt.

(Keystone)

Die Weltwirtschaft brummt wieder. Aber der Mann und die Frau auf der Strasse spüren davon wenig, gerade was höhere Einkommen und neue Jobs betrifft. Diesem Fakt müssen die Wirtschaftsführer am Weltwirtschaftsforum ins Auge blicken.

2013 verloren weltweit fünf Millionen Menschen ihren Job, so dass Ende Jahr insgesamt 202 Millionen. ohne Arbeit waren. Gleichzeitig profitieren nur wenige, vom Aufschwung der Weltwirtschaft. Laut der Nichtregierungs-Organisation Oxfam besitzen die 85 Reichsten der Welt dasselbe Vermögen, wie mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung.

Der wachsende Graben zwischen Reich und Arm macht auch dem WEF Sorgen, wie im Bericht über die globalen Risiken nachzulesen ist. Aber obwohl die in Davos versammelten Entscheidungsträger das Problem erkannt haben, tun sie sich schwer damit, diesen gefährlichen Trend abzubremsen oder zu stoppen. So sieht es jedenfalls Philip Jennings, Generalsekretär der Global Union International (UNI), einem der grössten internationalen Gewerkschaftsdachverbände der Welt mit Sitz in Genf.

"Die Vorteile der wirtschaftlichen Erholung breiten sich nicht aus, sondern bleiben auf die Eliten beschränkt", sagte Jennings gegenüber swissinfo.ch. "Die Leute aus der Wirtschaft öffnen ihre Geldbörsen nicht freiwillig."

Eine nachhaltige Erholung könne aber nur von der Nachfrage jener Konsumenten angeführt werden, die über höhere Einkommen verfügten, argumentiert er. Um dies zu erreichen, müssten Wirtschaft und Unternehmen gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um mehr Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Jung und arbeitslos

Sorgen bereiten vor allem die über 74 Millionen Jungen zwischen 15 und 24 Jahren, die keine Beschäftigung haben. Diese Zahl nennt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). "Eine Generation, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann, ist eine riesige Verschwendung von Talent, die auf dem künftigen wirtschaftlichen Wachstum lasten wird", schrieb ILO-Generaldirektor Guy Ryder auf der Webseite des WEF. "Das könnte in mehreren Ländern zu vermehrten sozialen Unruhen führen, die auf die Politik übergreifen."

Der Schweizer Bundespräsident und Aussenminister Didier Burkhalter bezeichnete Jugendarbeitslosigkeit am Mittwoch in Davos als "Krebs der Gesellschaft", mit "dramatischen humanen und sozialen Kosten".

Burkhalter pries das duale Schweizer Bildungssystem mit der Möglichkeit der Berufslehre als mögliche Antwort auf die Krise. Schweizer Experten beraten bereits Behörden in Indien und Myanmar, die dort ähnliche Ausbildungsmodelle aufbauen wollen. Zudem ist die Schweiz im kommenden September Gastgeberin eines internationalen Gipfels für Berufsbildung.

Trister Arbeitsmarkt

Ende 2013 waren weltweit total 202 MillionenMenschen arbeitslos, das waren 5 Mio. mehr als 2012.

Bis 2018 soll die Zahl der Beschäftigungslosen die Marke von 215 Mio. Menschen erreichen.

Betroffen sind 74,5 Mio. Junge zwischen 15 und 24 Jahren; das sind 1 Mio. mehr als 2012. Der Anteil der arbeitslosen Jungen beträgt weltweit 13,1%.

In Spanien sind 57% aller jungen Menschen betroffen, in der Schweiz nur 6%.

Über alle Altersgruppen verteilt schieden 2013 total 23 Mio. Menschen mangels Perspektiven aus dem Arbeitsmarkt aus.

Würden die OECD-Länder ihre durchschnittlichen finanziellen Aufwendungen für Arbeitsmarktpolitik verdoppeln, etwa mit der Förderung des Berufslehre-Modells, könnten in den nächsten beiden Jahren knapp 4 Mio. neue Jobs geschaffen werden.

(Quelle: Internationale Arbeitsorganisation (ILO), Bericht vom Januar 2014)

Berufslehre kein Allerweltsheilmittel 

Das Schweizer Modell könne aber nicht überall funktionieren, wie Klaus Kleinfeld zu bedenken gab, Leiter des US-Aluminiumherstellers Alcoa.

"Das System der Berufslehre hat sich in einigen Ländern sehr gut bewährt, aber es geht auf das 500 Jahre alte Zunftwesen zurück", sagte Kleinfeld an einer WEF-Veranstaltung. "Versucht man, dieses System in den USA zu verankern, muss man berücksichtigen, dass wir weder über diese Tradition noch über die öffentliche Unterstützung dafür verfügen."

Das Modell in eine andere Region zu transformieren, seil viel komplizierter, als es töne. Kleinfeld schlug alternative Modelle vor, in denen Partnerschaften zwischen Wirtschaft, Schulen und lokalen Behörden positive Impulse in den Arbeitsmarkt bringen könnten.

Zu gut ausgebildet?

Ein weiteres Problem besteht laut Wirtschaftsführern darin, dass viele Absolventen von Hochschulen auf den Arbeitsmarkt drängten, ohne die Fähigkeiten mitzubringen, die tatsächlich von Unternehmen gefragt seien.

Im Rahmen des Open Forums, der hochkarätig besetzten und dem Publikum offenstehenden  Diskussionsreihe im Rahmen des WEF, schilderte der Amerikaner Zach Sims seinen Werdegang vom gescheiterten Studenten zum erfolgreichen Unternehmer. Nachdem er von der Columbia Universität geflogen war, gründete Sims 2011 Codeacademy, eine Internet-Plattform, auf der User das Schreiben von Computerprogrammen erlernen können.

Ein vierjähriges Uni-Studium koste in den USA 200'000 Dollar (rund 185'000 Franken). Dies ist laut Sims schlecht investiertes Geld, wenn ein Jahr nach Abschluss die Hälfte aller Absolventen entweder keinen Job hätten oder nur solche, für die keine Hochschulbildung nötig sei.

"Es gibt Diplome, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt sind", sagte er. "Der grösste Teil des Stoffes, den wir lernen, ist schlicht nicht relevant. Die Ausbildung hinkt immer den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts hinterher."

Seine Folgerung: "Es muss für Menschen neue Wege geben, um jene Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben, die für sie wichtig sind."

Der Riss zwischen Unternehmen und schlecht oder nicht genutzten Arbeitskräften könne von beiden Seiten angegangen werden, sagte Coca-Cola-Chef Muhtar Kent.

Während die Arbeitgeber kämpfen müssten, um Mitarbeiter mit den richtigen Fähigkeiten zu finden, suchten junge Menschen ihrerseits Arbeitsumgebungen, die sich von jenen unterscheiden würden, welche viele Firmen anbieten würden.

"Die Definition von Arbeit in der westlichen Welt verändert sich", sagte Kent den WEF-Teilnehmern. "In der Welt von heute braucht man nicht mehr aufzustehen und zur Arbeit zu fahren, um einen Mehrwert zu schaffen. Immer mehr Arbeit kann von zuhause aus erledigt werden." Sein abschliessendes Fazit: "Wir müssen die Vorteile von Technologie und sozialen Medien besser nutzen."


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch



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