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Weltpremiere in der Schweiz Willkommen im Haus der Zukunft

Ein Mehrfamilienhaus von aussen

Das Wohnhaus in Brütten (Kanton Zürich) ist ganz mit Solarpanels bedeckt. Der Bau hat 6,2 Millionen Franken gekostet.

(Umwelt Arena)

Stellen Sie sich vor, Sie würden in einem Haus leben, das ausschliesslich mit Sonnenenergie versorgt wird. Mit dem Smartphone würden Sie Licht und Heizung verwalten, während ein Computer Ihren aktuellen und bisherigen Verbrauch aufzeigt. Natürlich ohne Einschränkungen beim Komfort. Wir befinden uns nicht im Jahr 2030, sondern in einem Wohnhaus in Brütten, im Kanton Zürich. Ein Besuch im ersten energieautarken Mehrfamilienhaus der Welt.

"Die Leute, die mich zu Hause besuchen, sind überrascht. Sie denken, dass es irgendwo ein Fahrrad gibt, das an einen Generator angeschlossen ist, und ich jeden Tag pedalen müsse, um Strom zu produzieren", erzählt Daniel Marty, während er uns in seine Wohnung führt.

Auch wer eine futuristische Wohnung mit ausgeklügelten Materialien und Apparaten erwartet, wird enttäuscht sein. Abgesehen von einem Bildschirm mit Touchscreen an der Wand und einigen Zählern, wirkt Martys Wohnung auf den ersten Blick wie viele andere. Modern, geräumig und hell, aber mehr nicht. Auch die Miete (2500 Franken pro Monat für 4,5 Zimmer) ist durchschnittlich. Es ist schwer vorstellbar, dass wir uns in einem weltweit einzigartigen Gebäude befinden.

Keine Rechnung am Ende des Monats

Wir befinden uns in Brütten, einem ländlichen Dorf im Kanton Zürich, wenige Kilometer von Winterthur und dem Flughafen Zürich-Kloten entfernt. Marty wohnt mit seiner Partnerin seit Juni 2016 im ersten energietechnisch autarken Mehrfamilienhaus der Welt. Die neun Mietparteien erhalten keine Strom- oder Heizkostenabrechnung. Das Gebäude ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und verbraucht keine fossilen Brennstoffe. Die Energie stammt von der Sonne (Elektrizität) und aus dem Untergrund (Wärme).

Daniel Marty lehnt sich auf die Ablage in seiner Küche

Daniel Marty wurde aus Dutzenden Interessenten ausgewählt, um in dem Haus in Brütten zu wohnen. Einzige Bedingung: Die Bereitschaft, Journalisten und Besucher zu empfangen.

(swissinfo.ch)

"Ich muss auf nichts verzichten"

Im neuen Haus fehlt es Marty an nichts. Auf der Küchenablage stehen klassische Elektrogeräte, vom Toaster bis zur Kaffeemaschine. Die Teller werden in einem Geschirrspüler abgewaschen, und für die Kleider gibt es Waschmaschine und Tumbler. "Die Geräte erfüllen alle den höchsten Standard bezüglich Energieeffizienz", sagt er.

An der Wand im Gang hängt ein Touchscreen in Tablet-Format, der ihm anzeigt, wie viel Energie er verbraucht. "Am Montag haben wir zu Hause gegessen und den Geschirrspüler benutzt – das zeigt ein Blick auf den täglichen Energieverbrauch", erklärt er. "Aber ich plane meine Aktivitäten nicht nach dem Verbrauch, ich verzichte nicht auf Komfort. Manchmal gönne ich mir ein heisses Vollbad."

Display che indica il consumo di elettricità

Ein Display visualisiert den Stromverbrauch. ​​​​​​​

(swissinfo.ch)

Batterien im Keller

Das vom Schweizer Architekten René Schmid konzipierte dreistöckige Mehrfamilienhaus ist ein kleines Stromkraftwerk. Dach und Fassaden sind komplett von Solarpanels bedeckt. Nebst der Sonne sorgen zwei geothermische Sonden in 340 Metern Tiefe für Wärme. "Im Sommer reicht eine Stunde Sonne, um den Strombedarf des ganzen Hauses für 24 Stunden zu decken", sagt Renato Nüesch, Energie-Experte bei Umwelt Arenaexterner Link, die das Projekt initiiert hat (siehe Box).

Umwelt Arena

Die Umwelt Arena wurde 2012 in Spreitenbach (Kanton Aargau) gegründet. Das Ausstellungszentrum widmet sich Themen der Nachhaltigkeit aus Natur, Energie, Mobilität und Bau. Mit einer Ausstellungsfläche von 11'000 Quadratmetern bietet der Komplex Hunderten von Firmen und Organisationen die Möglichkeit, ihre Kompetenzen und Innovationen zu präsentieren. Ziel ist die Sensibilisierung der Bevölkerung für einen ökologischeren Lebensstil, ohne sich zu sehr einschränken zu müssen. Laut dem Initiator René Schmid ist es wichtig, die komplexen und abstrakten Informationen zu Energieeffizienz und Nachhaltigkeit einfach zu präsentieren.

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Eine der wichtigsten Neuheiten: Überschüssige Energie wird nicht in das Netz eingespeist. Sie wird im Elektroauto gespeichert, das allen Mietern zur Verfügung steht, sowie in grossen Batterien im Keller und unter der Erde. "Für die kurzfristige Lagerung hat es normale Lithium-Ionen-Batterien. Diese haben eine Leistungsdauer von 2 bis 3 Tagen. Sie kommen beispielsweise zum Einsatz, wenn alle Mieter gleichzeitig kochen oder Wäsche machen. Für die langfristige Speicherung haben wir hingegen eine Brennstoffzelleexterner Link. Diese hält einen Monat und ist für den Winter essenziell", betont Nüesch.

Harter Winter: Test bestanden

Der Winter: Eine der wichtigsten Herausforderungen für die Solarenergie. "Wir haben Brütten gewählt, weil es auf etwa 600 m.ü.M. gleich oberhalb der Nebelgrenze liegt", sagt Nüesch. Sicherlich eine vernünftige Wahl, die sich aber nur bedingt als passend herausgestellt hat. Der Ingenieur erzählt, dass es in der Zürcher Gemeinde letzten Winter ungewohnt neblig war. Nebel während fast zwei Monaten. Also kein Bad für Daniel Marty?

"Absolut nicht. Es gab keinen Blackout, und wir mussten uns nie mit kaltem Wasser waschen", sagt der Mieter. Die einzige Unannehmlichkeit bestand in einer leichten Senkung der Raumtemperatur von 21 auf 19°C.

Diese Situation hat die Ingenieure kalt erwischt, gibt Nüesch zu. "Wir haben keinen solchen Winter erwartet. Dazu kommt noch, dass der Januar der kälteste Monat der letzten 30 Jahre war." Dennoch – und trotz dem Umstand, dass die Brennstoffzelle zu Beginn der Kaltperiode nicht vollgeladen war – hat sich das System laut Nüesch bewährt. "Die Solarpanels an den Fassaden sind sehr effizient darin, diffuses Licht einzufangen, wie es eben bei Nebel oder bewölktem Himmel der Fall ist."

​​​​​​​Mit einem Klick ausschalten

Das Erfolgsgeheimnis liege in den Details, verrät der Mitarbeiter von Umwelt Arena. "Alles muss perfekt isoliert sein. Wir gewinnen jede mögliche Wärme zurück, auch aus dem Ablaufwasser der Dusche."

Im Haus der Zukunft wurde nichts dem Zufall überlassen. Angefangen bei der kompakten Architektur, ohne hervorstehende Balkone oder Regendächer, die Schatten auf die Panels werfen könnten. Im Innern Dreifachverglasung, LED-Beleuchtung, automatische Senkung der Rollladen bei steigenden Temperaturen und ultraeffiziente Geräte. Der Kühlschrank beispielsweise verbraucht ein Fünftel im Vergleich zu einem gewöhnlichen Gerät. "Ich lenke alles mit einer App. Mit einem einzigen Klick kann ich alle Lichter löschen und die Geräte auf Standby stellen", sagt Marty.

Küche und Wohnzimmer einer Modellwohnung

Alle Geräte sind energiesparend, und eine optimale Isolierung reduziert den Wärmeverlust (im Bild eine Modellwohnung im obersten Stockwerk des Hauses).

(Umwelt Arena)

Es sind grosse und kleine Tricks, die es einer Familie an der Unterdorfstrasse erlauben, weniger als die Hälfte eines durchschnittlichen Vierpersonen-Haushalts zu verbrauchen. "Das jährliche Budget pro Wohnung beträgt 2220 kWh. Wer dies überschreitet, bezahlt nach einem Bonus-Malus-System Geld an jene, die nicht alles aufgebraucht haben. Trotz des aussergewöhnlichen Winters hat aber niemand den Etat ausgeschöpft", sagt Nüesch mit einem gewissen Stolz.

Kein Science-Fiction

In der Schweiz sind Gebäude für fast ein Drittel des nationalen Energieverbrauchsexterner Link verantwortlich. Das Modell von Brütten könnte grundsätzlich auch anderswo nachgebaut werden. "Wir verwenden Standardeinrichtungen und Technologien, die alle kaufen können. Es handelt sich aber um eine kostspielige Investition, vor allem wegen der Brennstoffzelle", sagt Nüesch. Das Gebäude hat 6,2 Millionen Franken gekostet, etwa 25% mehr als ein Mehrfamilienhaus ähnlicher Dimension. Allein für die Langzeitbatterie wurden 800'000 Franken ausgegeben. Aber: "Ein energieautarkes Gebäude zu bauen und ausschliesslich von erneuerbaren Energien zu leben, ist nicht mehr Science-Fiction."

Kontaktieren Sie den Autor auf Twitter: @LuigiJorioexterner Link


Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi

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