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Weltweite Nummer 1


Zürich trotzt erfolgreich der "Opernkrise"




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"Don Giovanni" am Opernhaus Zürich in der Saison 2012/13. Peter Mattei als Don Giovanni, Julia Kleiter als Elvyra. (Opernhaus Zürich)

"Don Giovanni" am Opernhaus Zürich in der Saison 2012/13. Peter Mattei als Don Giovanni, Julia Kleiter als Elvyra.

(Opernhaus Zürich)

Weltweit ächzen die Opernhäuser unter Zuschauerrückgang und finanziellen Engpässen. Entgegen diesem Trend ist das Opernhaus Zürich erfolgreich. Doch kann das Haus, das im Frühling als "Oper des Jahres" international ausgezeichnet wurde, dauerhaft oben auf der Welle des Erfolges reiten?

Die Spannung im Opernhaus Zürich ist förmlich mit Händen greifbar, denn es bleibt nur noch wenig Zeit bis zur ersten Freilicht-Übertragung in der Geschichte des renommierten Hauses: Verdis "Rigoletto" ist die erste Oper, die Zuschauer auf einer Riesenleinwand auf dem Sechseläuten-Platz vor dem Opernhaus mitverfolgen können.

Im Inneren, wo eine Opulenz aus Rot und Gold herrscht, hantieren Techniker mit elektrischen Schraubenziehern. Und wo gefragt, auch mit schierer Muskelkraft. Denn noch ist die Bühne nicht bereit für das abendliche Ereignis.

"Es ist eine sehr moderne Produktion, was das Bühnenbild betrifft", sagt der Bühnenverantwortliche Marc Linke. "Normalweise ist 'Rigoletto' eher ein Spektakel. Hier ist es ein grosser schwarzer Raum mit einem grossen weissen Tisch, um den herum die Akteure spielen."

Was ihn als Bühnenbauer fasziniert, sind die hohen künstlerischen Anforderungen, die bei den Produktionen stets aufs Neue gestellt werden. Bis zum letzten Bühnentechniker seien alle Stolz, in der Zürcher Oper zu arbeiten, sagt Linke.

Von der guten Stimmung profitieren auch die gastierenden Künstler. Für George Petean, den grossen rumänischen Bariton, der mit dem Rigoletto seine Traumrolle spielt, ist das Opernhaus Zürich schlicht "einer der wichtigsten Plätze, wo Oper gespielt wird".

Seine Bühnentochter Gilda, gespielt von der polnischen Sopranistin Aleksandra Kurzak, pflichtet ihm bei. "Alles ist perfekt organisiert wie eine Schweizer Uhr, wie wir in Polen sagen", scherzt sie, die trotz der abendlichen Premiere seelenruhig in ihrer Garderobe sitzt, mit Lockenwicklern im Haar. Gerade die von Linke hervorgehobene moderne Version des Bühnenbildes gefällt ihr.

Am Abend sind es dann rund 10'000 Zuschauerinnen und Zuschauer, die Rigoletto zwar nicht Live, aber ab Leinwand unter freiem Himmel geniessen.

Mehr als Stars

Zürich wurde im April als Opernhaus des Jahres ausgezeichnet, noch vor der Metropolitan Opera New York und der Oper im Covent Garden in London.

"Wir spürten, dass das Opernhaus Zürich einerseits einige der grössten Stars beherbergt. Andererseits ist es eine hochstehende künstlerische Institution, die vom neuen Intendanten Andreas Homoki revitalisiert wurde", erklärt John Allison, Herausgeber des Opera Magazine und Mitbegründer der International Opera Awards gegenüber swissinfo.ch.

Der neue Generaldirektor übernahm das Zepter vor zwei Jahren von Alexander Pereira, der Zürich nach 21 Jahren Richtung der Salzburger Festspiele verliess. Mittlerweile leitet Pereira die Mailänder Scala.

Homoki hatte zuvor u.a. während zehn Jahren die Komische Oper in Berlin geleitet. Die Glaubwürdigkeit des Theaters und seiner Aufführungen sei ihm sehr wichtig, betont der Deutsche im Gespräch.

"Wir müssen neue Zuschauer gewinnen, also müssen wir stets beweisen, dass Oper aktuell und für die Gesellschaft sehr wichtig ist. Selbst wenn die Stücke, die wir spielen, nicht aus unserer Zeit stammen mögen", sagt Homoki.

Opern-Szene Schweiz

Es gibt 9 Opernhäuser. Sie weisen unterschiedliche Strukturen auf. Genf (mit der Sparte Ballett) und Lausanne in der Westschweiz verfügen über keine klassische Theatersparte.

In der Deutschschweiz hat einzig Zürich die Kombination Oper und Tanz.

Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und Biel/Solothurn, bieten Oper, Tanz und Theater.

Die italienischsprachige Schweiz (Tessin und Graubünden) hat keine Oper, in Graubünden aber finden im Sommer drei Opernfestivals statt.

Theater Basel wurde 2010 und 2009 von Kritikern des deutschen Fachmagazins "Opernwelt" zum Opernhaus des Jahres im deutschsprachigen Raum gekürt.

(Quelle: Reinmar Wagner)

Deshalb versucht er, sein Haus zu öffnen, nicht nur via den Weg über das "Public Viewing", sondern auch für Kinder, für die es spezielle Sonderaufführungen gibt. Oder für Menschen mit tieferen Einkommen, die für bestimmte Vorstellungen vergünstigte Tickets kaufen können.

Frischer Wind

"Das neue Team kam mit sehr vielen neuen und originellen Ideen und hat die Auszeichnung als Opernhaus des Jahres verdient gewonnen, und das erst in seinem zweiten Jahr", sagt Reinmar Wagner vom Magazin "Musik&Theater".

Homoki brachte neue Leute mit, Sängerinnen, Sänger und Leitungspersonal, wobei ihm sein Beziehungsnetz half. Auch reduzierte er die Zahl der jährlichen Produktionen von 12 bis 14 auf neun.

"Der Preis bedeutet aber nicht, dass sie sich auf den Lorbeeren ausruhen dürfen", sagt Wagner. "Wir wissen nicht, wie sich die Zukunft entwickeln wird. Der Preis ist aber wichtig für das Zürcher Opernhaus und die Musiklandschaft Schweiz. Und er strahlt auf Alexander Pereira zurück, weil er das Haus gross und wichtig gemacht hat."

Von den neun Opernhäusern in der Schweiz spiele nur Zürich in der höchsten Liga, so Wagner. Danach reiht er das Grand Théâtre in Genf und das Theater Basel ein, die ebenfalls über einen guten Ruf verfügten. Neben den festen Einrichtungen gibt es auch mehrere wichtige Opernfestivals, die im Sommer stattfinden.

Die Schweizer sind zwar keine grösseren Opernfans als die Nachbarn. Wo sie aber laut dem Opernexperten herausstechen, ist bei den Preisen, die sie für das Opernvergnügen zu zahlen bereit seien.

Geschichte Opernhaus Zürich

1834 als "Actien-Theater" gegründet. Die Opernhaus Zürich AG als Nachfolgerin führt das Haus bis heute. Seit 1995 trägt der Kanton die Hauptkosten.

Der erste Bau brannte 1890 nieder und wurde 1891durch einen Prunkbau des Neobarock ersetzt. Es war die erste Oper Europas mit elektrischem Licht.

Darin begann der deutsche Dirigent Wilhelm Furtwängler seine Karriere.

1913 Aufführung von Richard Wagners "Parsifal" – erstmals ausserhalb von Bayreuth.

Weitere grosse Namen, die in Zürich wirkten: Dirigent Nikolaus Harnoncourt, Starsopranistin Cecilia Bartoli (die in der Nähe von Zürich lebt), Bryn Terfel, Anna Netrebko, Jonas Kaufmann.

Das Haus verfügt auch über das Ballett Zürich, dem rund 50 Tänzerinnen und Tänzer angehören. Weiter gibt es Philharmonische Konzerte, Matinées, Liederabende und Kinderanlässe. Im März findet jeweils der Opernball statt, der von zahlreichen Prominenten besucht wird.

"In Zürich kostet die Karte schnell mal 300 Franken. Die Leute können das bezahlen und tun das auch. Denn wer sich in Zürich an einer Opernpremiere sehen lässt, wird als Teil der High Society gesehen."

Die Probleme

Nicht nur Zürich, auch andere Schweizer Opern sind weitgehend von den grössten Problemen ausgenommen, mit denen sich die Häuser in Ländern wie den USA, Italien und Deutschland konfrontiert sehen. Diese kämpfen gegen sinkende Besucherzahlen, sprich Löcher in den Kassen. Angesichts der hohen Betriebskosten mussten schon einige die Türen dichtmachen. Einziger Ausweg sind Ko-Produktionen, die aber meist zu vermehrter Abhängigkeit von Sponsoren führen.

Angesichts der besseren wirtschaftlichen Verfassung der Schweiz können die meisten Schweizer Institutionen immer noch auf eine gute Finanzierung durch die öffentliche Hand und Private zählen, so Wagner. In Zürich lässt sich der Kanton die Oper jährlich rund 80 Mio. Franken kosten. Auch in Genf und Basel stammt der grösste Teil von den Steuerzahlern.

In Zürich aber muss Homoki über einen Drittel seines Budgets über Sponsoren selber hereinbringen. Trotz Angebotsreduktion und der Suche nach Drittmitteln, die sich auch für das etablierte Haus schwieriger gestaltet, konnte der Pereira-Nachfolger die letztjährige Rechnung ausgeglichen halten.

Auch das aktuelle Jahr sei finanziell gut angelaufen, freut sich der Direktor. Doch es warten bereits neue Investitionen. Einerseits für die Produktion des "Lohengrin", die Homoki selbst leiten wird, andererseits für die Einführung von Untertiteln, die den Einbau einer Übersetzungsanlage in jeden Sitz erfordern. An der Komischen Oper in Berlin hatte Homoki mit der Untertitelung der Operntexte in vier Sprachen für eine Weltpremiere gesorgt.

"Wir müssen stets vorwärts gehen", weiss der Intendant. "Wer einmal aufhört, sich zu verändern und weiterzuentwickeln, kann ebenso gut den Job aufgeben. Man ist nur gut, wenn man stets besser wird."


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch

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