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Windturbinen im Gegenwind


Hochspannung auf französisch-schweizerischem Bergkamm


Von Samuel Jaberg, Vallée de Joux und Bois d’Amont


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Die 7 geplanten Windturbinen auf den Alpweiden der Grands Plats de Bise sollten 55 Millionen Kilowattstunden pro Jahr produzieren. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch im Vallée de Joux (7000 Einwohner), Industrie inbegriffen. (swissinfo.ch)

Die 7 geplanten Windturbinen auf den Alpweiden der Grands Plats de Bise sollten 55 Millionen Kilowattstunden pro Jahr produzieren. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch im Vallée de Joux (7000 Einwohner), Industrie inbegriffen.

(swissinfo.ch)

Der Bau von Windkraftanlagen ist in der Schweiz zur Knacknuss geworden. Die administrativen Verfahren sind langwierig, die Opposition der Landschaftsschützer ist stark. Nun kommt noch der Unmut der französischen Nachbarn hinzu. Ein Augenschein am Rande des Vallée de Joux.

"Wir gehen bis ans Ende!", sagt Noël Cretin, Präsident des Vereins SOS Vent d'Amont, mit Entschiedenheit. Seit eineinhalb Jahren setzt der französische Rentner alle seine Energie für den Kampf gegen Windturbinen ein. Diesen Kampf führt er in enger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Partnerverein Eoliennes, vraiment?, dem Thomas Bucher angehört, ein ehemaliger Jurist des Bundesamts für Umwelt in Bern.

Die beiden Männer führen uns zu den Grands Plats de Bise, ein fast unbewohntes Hochplateau im Schweizer Jura, auf dem die Grenze zu Frankreich liegt. Der Wind weht stark an diesem sonnigen Tag Ende August. Die Stille des Ortes wird höchstens vom Glockengeläut der Kühe gestört, die auf den typischen, leicht bewaldeten Weiden des Jurabogens grasen.

"Das Vallée de Joux ist der schönste Ort des Juras. Die Touristen kommen einzig wegen dieser Postkarten-Landschaft. Wenn man Windturbinen aufstellt, kommt niemand mehr zum Wandern hierher", sagt Thomas Bucher. Am 25. September sollen die Stimmenden der Gemeinde Le Chenit entscheiden, ob sie die 7 Windturbinen in der Höhe von 206,5 Metern auf diesem Grundstück, das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) klassifiziert ist, gutheissen wollen.

"Erschreckende Langsamkeit"

Das Projekt wird von den kantonalen Behörden sowie den drei Gemeinden des Vallée de Joux, den Besitzern der lokalen Elektrizitätsgesellschaft, auf Biegen und Brechen vorangetrieben.

"Dieser Park ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Windenergie in der Schweiz", sagt Cornelis Neet, Generaldirektor des Waadtländer Umweltamts. Der Kanton mit der drittgrössten Bevölkerungszahl strebt danach, einer der grössten Akteure für Windenergie und einer der Promotoren der Energiestrategie des Bundes zu werden, die bis 2050 einen Anteil von 7% am Energieverbrauch in der Schweiz vorsieht, der durch Windkraft erzeugt wird. Heute sind es knapp 0,2%.

Der Kanton Waadt hat sich zum Ziel gesetzt, 25 bis 35% der Schweizer Windenergie zu liefern. Rund 20 Parkanlagen sind auf waadtländischem Boden vorgesehen, aber nur vier davon, darunter jener der Grands Plats de Bise, sind bisher Gegenstand eines formellen Bewilligungsverfahrens. Es wird bestimmt noch einige Jahre dauern, bis die erste Windturbine ans Netz gehängt werden kann.

 (swissinfo.ch)
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"Das ist eine erschreckende und bedauernswerte Langsamkeit", beklagt sich Laurent Reymondin, Präsident der Elektrizitätsgesellschaft des Vallée de Joux und Verantwortlicher für das Energiedossier im Gemeinderat von Le Chenit. Das Verfahren für das Projekt Eoljoux wird bis zur öffentlichen Auflage mehr als 11 Jahre gedauert haben. Falls es an der Urne angenommen wird – Reymondin ist in dieser Frage eher optimistisch – dürften noch mehrere Jahre vergehen, bis sämtliche Beschwerden von Privaten und der Umweltverbände von den Gerichten behandelt sein werden.

Späte Mobilisierung in Frankreich

Jenseits der Grenze sieht man die Dinge verschieden. In Bois d'Amont, einer Streusiedlung mit rund 1500 Einwohnern dem Fluss Orbe entlang in der Ferienregion Les Rousses, hat die Planung von Windturbinen vor rund einem Jahr einige Turbulenzen ausgelöst. Bei einer Informationsveranstaltung vom 8. April 2015 haben die Einwohner erfahren, dass die gigantischen elektrischen Installationen unmittelbar vor die Häuser im Osten der Gemeinde auf den Grands Plats de Bise zu stehen kommen werden.

Als Josselin Van Glabeke im Sommer 2014 das Clubhotel le Risous kaufte, wusste er nichts von diesem Windpark-Projekt. Heute erwacht er nachts manchmal in Schweiss gebadet, wenn er an die Riesenpropeller denkt, die nur einen Kilometer Luftlinie von seinem Etablissement entfernt installiert werden sollen.

"Ich habe mit meinen Hotelkunden gesprochen, die vor allem wegen der Ruhe und der Natur hierher kommen. Das Resultat ist klar: 70% von ihnen fühlen sich von den Windturbinen gestört. Wenn dieses Industrieprojekt realisiert wird, geht mein Hotel Konkurs", sagt der junge Unternehmer, der aus Belgien stammt.

Josselin Van Glabeke beobachtet den Bergkamm vor seinem Hotel, auf dem der Windpark Eoljoux installiert werden soll, mit Unbehagen. (swissinfo.ch)

Josselin Van Glabeke beobachtet den Bergkamm vor seinem Hotel, auf dem der Windpark Eoljoux installiert werden soll, mit Unbehagen.

(swissinfo.ch)

Französisch-schweizerische Spannungen

So leicht lässt sich Van Glabeke aber nicht unterkriegen. Er hat die Behörden über seine Situation ins Bild gesetzt. Aber er hat das Gefühl, er werde als "wetternder Franzose" wahrgenommen. Mit seinem Hotel, das 150 Betten hat, schätzt er zu den wichtigsten Tourismus-Akteuren des Vallée de Joux zu gehören und zu einer lokalen Wirtschaft, die keine Landesgrenzen kennt.

Tatsächlich kommen jeden Tag fast 4500 französische Grenzgänger ins Tal, um in den Produktionsstätten der prestigeträchtigsten Uhrenhersteller zu arbeiten. Anders als in Genf oder im Tessin sind die Beziehungen mit den Grenzgängern hier im Allgemeinen konstruktiv und herzlich.

Der Grenzposten von Le Brassus, der einige hundert Meter vom Hotel Le Risoux entfernt liegt, hatte in den Augen von Josselin Van Glabeke und den meisten Einwohnern der Region bloss eine symbolische Dimension. Aber vielleicht nicht mehr lange. Auf französischer Seite mehren sich die Stimmen, welche die Schweiz wegen der Windanlagen lautstark kritisieren.

"Sie wurden so weit entfernt wie möglich vom Dorf Le Brassus [in der Gemeinde Le Chenit] geplant, damit die Einwohner möglichst wenig mit den schädlichen Folgen der Stromproduktion konfrontiert sein werden. Das ist ein geschicktes Manöver der Schweizer Behörden, um das Projekt bei der lokalen Bevölkerung durchzubringen", vermutet Noël Cretin.

Schlechte Kommunikation?

Diese Beschuldigung wird von den Promotoren des Projekts entschieden zurückgewiesen. Ideale Windverhältnisse, flaches, urbar gemachtes Gelände, eine Zufahrtsstrasse, die nur wenige Anpassungen benötigt, sowie ein bereits existierendes elektrisches Netz mittlerer Spannung: Diese Hochebene sei die für einen Windpark am besten geeignete Region, sagt Laurent Reymondin.

Anders als die Opposition behauptet, seien die französischen Nachbarn von den Schweizer Gemeinde- und Kantonsbehörden offiziell und minutiös über alle Schritte des Verfahrens informiert worden. "Die Behörden der betroffenen französischen Gemeinden sowie die Präfektur des Juras sind von Beginn an einbezogen worden. Es ist nicht unser Fehler, wenn sie die eigene Bevölkerung nicht richtig informiert haben", ärgert sich der Präsident der Elektrizitätsgesellschaft des Vallée de Joux.

"Das Projekt, das der Schweizer Bevölkerung unterbreitet wird, ist nicht dasjenige, das man uns anfänglich gezeigt hatte. Ich teile die Sorgen zahlreicher Mitbürger angesichts dieser überdimensionierten Windkraft-Anlage", entgegnet François Godin, Bürgermeister von Bois d'Amont. In seinen Augen hätte eine alternative Lösung mit abgeschwächter Spannung gefunden werden können. "Man hätte die Windturbinen um einige hundert Meter verschieben können. Das hätte den guten Willen unserer Schweizer Nachbarn unter Beweis gestellt."

Plakate gegen Windkraft-Anlagen trifft man im kleinen französischen Dorf Bois-d'Amont vielerorts an. (swissinfo.ch)

Plakate gegen Windkraft-Anlagen trifft man im kleinen französischen Dorf Bois-d'Amont vielerorts an.

(swissinfo.ch)

Weitere Windparks an der Grenze

Die Mobilisierung mehrerer Mitglieder des Senats und der Nationalversammlung aus der Region sowie ein E-Mail-Kontakt zwischen der französischen Umweltministerin Ségolène Royal[RC(1]  und ihrer Schweizer Amtskollegin Doris Leuthard haben nicht zu einer Aufweichung der Fronten geführt. Die Präfektur des Departements Jura hat versprochen, eine Befragung unter den betroffenen Einwohnern durchzuführen. "Aber sie wird nur konsultativen Charakter haben", sagt Godin.

Die Befragung wird der Grenze entlang auf dem Jura-Massiv sehr genau verfolgt werden. Auf Schweizer Seite sind bereits zwei weitere Windkraft-Anlagen in der Nähe der Grenze geplant, eine in Bel-Coster (Waadt), eine weitere in La Montagne de Buttes (Neuenburg).

Auch Frankreich bleibt nicht untätig. "In den Departementen Jura und Franche-Comté werden demnächst mehrere Windpark-Projekte präsentiert, welche die Schweiz berühren, glaubt Laurent Reymondin zu wissen. Wird der Unmut auf den Bergkämmen des Juras noch wachsen? "Sobald der erste Windkraft-Park gebaut sein wird, wird alles besser gehen", sagt der Gemeinderat von Le Chenit. "Die irrationalen Ängste vor Lärm und verhängnisvollen gesundheitsschädigenden Wirkungen werden von selbst verflogen sein.


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)

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