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Wintersportorte


Wie man das ganze Jahr über Touristen anlockt


Von Simon Bradley, Château-d’Oex


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Château-d’Oex liegt im lieblich geschwungenen Pays d’Enhaut, doch die Region liegt in Zeiten der Klimaerwärmung möglicherweise etwas zu tief für Skitourismus. (swissinfo.ch)

Château-d’Oex liegt im lieblich geschwungenen Pays d’Enhaut, doch die Region liegt in Zeiten der Klimaerwärmung möglicherweise etwas zu tief für Skitourismus.

(swissinfo.ch)

Das malerische Waadtländer Bergdorf Château-d'Oex ist besser bekannt für sein jährliches Ballonfestival als fürs Skifahren. Der dortige Wintersport ist sogar gefährdet. Welche Zukunft hat Château-d'Oex, das auf 958 Metern über Meer liegt, als Tourismus-Destination?

Es ist Mittag in Château-d’Oex, das früher auf Deutsch Oesch hiess und "Château Deh" ausgesprochen wird. Das Bergdorf befindet sich in einem der Täler des Pays-d'Enhaut (Hochland) zwischen Genfersee und Berner Oberland. Das Thermometer zeigt um die 30 Grad. Im blauen Himmel hängen einige kleine Wolken an den Gipfeln der Voralpen, die aus dunkelgrünen Tannenwäldern herausragen.

Doch trotz der idealen Wetterbedingungen scheinen diese Woche nicht viele Touristen das Dorf zu besuchen. Allgemein gingen die Sommerbuchungen teilweise wegen des starken Schweizer Frankens zurück. Dieses Jahr ziehen Schweizer und ausländische Touristen offenbar preiswertere Destinationen vor.

Die Hauptstrasse ist fast ausgestoben. Auf der Terrasse des Restaurants "Le Relais de la Haute-Gruyère", wo ein einfaches Pasta-Gericht 24 Franken kostet, sind die meisten Tische frei.

Dennoch ist der starke Franken nicht der einzige Grund für die ruhige Atmosphäre. An Montagen ist in Château-d’Oex sowieso fast alles geschlossen, sogar in der sommerlichen Hochsaison.

Auch wenn nicht viel los ist im Dorf, machen einige der älteren Touristen einen glücklichen Eindruck. "Man kann laufen und wandern, und es gibt Bergbahnen. Zudem sind alle Busse aufeinander abgestimmt", sagt John Deffenbaugh, ein Amerikaner, der in Schottland lebt. Wer aber an einem Montag kommt, hat Pech. Dann sind auch die Lifte geschlossen, was den Zugang zu höher gelegenen Wanderwegen erschwert.

Zulauf erwartet

Während die diesjährige Sommersaison nur langsam angelaufen ist, erwarten Tourismus-Vertreter auf Ende Juli – zum Beginn des dritten "Festival au Pays des Enfants", mehr Andrang. 18'000 Kinder und Erwachsene werden erwartet.

Dieses Familien-Festival ist nur eine von zahlreichen Initiativen, mit denen der traditionelle Wintersportort übers ganze Jahr Gäste anlocken will. Einige Veranstaltungen haben sich zu echten Bestsellern entwickelt. So schafft es das Internationale Heissluftballonfestival seit mehr als 30 Jahren, im Januar jeweils bis zu 25'000 Personen ins Tal zu bringen.

 (Reuters)
(Reuters)

"Ganzjahrestourismus" – touristische und sportliche Aktivitäten während allen vier Jahreszeiten – wurde lokal zu einem Schlagwort. Diese Idee gewann im März 2015 grössere Bedeutung, als der Kanton Waadt die Gewinner und Verlierer seiner langfristigen Tourismus-Strategie 2020 für die Waadtländer Alpen vorstellte. Dazu gehört eine Investition von 100 Millionen Franken zur Aufwertung lokaler Ferienorte in den Bergen.

Während die höhergelegenen Skisportorte Les Diablerets und Villars-sur-Ollon‎ kantonale Gelder zur Erneuerung ihrer Anlagen zugesprochen erhielten, ging Château-d’Oex mit seinem grossen Ski-Entwicklungsprojekt in der Gegend von Monts Chevreuils hingegen fast leer aus.

"Der Ansatz, nur Skitourismus im Winter anzubieten, ist nicht die Zukunft der Waadtländer Alpen", sagte der Waadtländer Wirtschaftsminister, Staatsrat Philippe Leuba, bei der Präsentation im März.

Château-d’Oex erhielt lediglich einen kleineren Zustupf an ein Projekt für eine Anfängerpiste am nahegelegenen Hang La Braye zugesprochen. Doch die Frage bleibt: Wie weiter? Wird die Gemeinde den Rest des Geldes einschiessen, oder wird das Skifahren in Château-d’Oex langsam versanden?

Schwerer Schlag

Die Nachricht war für die Gemeinde ein schwerer Schlag, hatte man doch die langfristigen Hoffnungen in die Entwicklung des Ski-Sektors gesetzt. Die Stimmung unter Skisport-Fans und Familien, die ihr Geschäft auf den Wintersport ausgerichtet haben, ist düster.

"Wir wurden hereingelegt", sagt ein wütender Jean-Michel Bach, Besitzer von "Bach Sports" im Dorfzentrum. "Wenn wir den Skisport nicht mehr haben, weiss ich nicht, was wir sonst machen sollten. Er ist das Rückgrat unserer besten Jahreszeit."

Das Feriendorf befindet sich heute an einem Scheideweg. Zwischen 55 und 75 Prozent seines Umsatzes generiert er während des Winters. Doch veränderte Besuchergewohnheiten und der Klimawandel werden sich in den nächsten Jahren vermutlich stark auswirken. Gute Wetterbedingungen sind immer unsicherer.

Während Einheimische, die ihr Auskommen auf den Skitourismus ausgerichtet haben, den Wintersport vehement verteidigen, nimmt die Anzahl Skifahrer jährlich um 3 Prozent ab. Zwei Kommissionen wurden ins Leben gerufen, um sich mit diesem Problem zu beschäftigen. Eine regionale bewertet die langfristigen Bedürfnisse für die gesamte Region des Pays-d'Enhaut, eine zweite befasst sich mit dem Skifahren in Château-d’Oex. Letztere soll im Herbst einen Bericht herausgeben.

Aktivitäten überdenken

Gegenwärtig herrsche viel Unsicherheit, während der Ferienort sich überlege, in welche Richtung es gehen solle, gibt Frédéric Delachaux, Direktor von Pays-d'Enhaut Tourismus, zu. "Wir konnten das Skifahren kurzfristig vor dem Verschwinden bewahren, doch es ist nicht ausgeschlossen, dass es in den nächsten fünf Jahren zu Ende geht."

Der junge Direktor versucht, optimistisch zu bleiben: "Ich betrachte das als Möglichkeit für uns, die Dinge zu überdenken. Doch wir sollten uns nicht mehr nur auf das Skifahren beschränken. Um langfristig zu überleben, müssen wir unsere Aktivitäten während des ganzen Jahres neu orientieren."

Er betont, dass eine Diversifizierung bereits in vollem Gange sei. Zusätzlich zur wachsenden Liste von Veranstaltungen und Festivals sollen weitere Veränderungen kommen. So wird gegenwärtig für 22 Millionen Franken der Bahnhof erneuert, damit dieser ab 2018 die längeren Züge des Projekts "Transgoldenpass" zwischen Montreux und Interlaken – und tausende zusätzliche Gäste – aufnehmen kann.

 (swissinfo.ch)
(swissinfo.ch)

Zudem soll nahe des Bahnhofs das "Musée du Vieux Pays d’Enhaut" ausgebaut und zu einem internationalen Referenzzentrum für traditionelle Scherenschnitte werden. Das Museum des Heissluftballons im Dorf und das Erbe des französischen Künstlers Balthus im nahegelegenen Rossinière sollen auch weiterentwickelt werden.

Und während in der Schweiz viele kleinere Spitäler ihre Pforten für immer schliessen, nehmen die lokalen Behörden das Risiko auf sich, einen so genannten "Gesundheitspol" zu lancieren, in dem ab 2018 das lokale Spital von Château-d’Oex, ein Altersheim und ein regionales Zentrum für spitalexterne Betreuung zusammenspannen werden. Eines der Ziele ist, die Tradition des Höhenkurorts für kranke Gäste auf deren Weg zur Genesung wieder aufleben zu lassen.

Harter Kampf

Eine weitere Aktivität, welche die Region ausbauen könnte, ist das Mountainbiking. Es gibt in der Gegend über 250 Kilometer Wanderwege und Bergpfade. Zwar existieren heute im Tal zahlreiche Velorouten. Doch in höheren Lagen mangelt es an Möglichkeiten für Mountainbiker.

Der Ferienort hofft, mehr Mountainbiker anzuziehen. (swissinfo.ch)

Der Ferienort hofft, mehr Mountainbiker anzuziehen.

(swissinfo.ch)

"Wir könnten bei La Braye Mountainbike-Wege erstellen und ein Restaurant bauen. Doch das ist eine Frage des Geldes", sagt Bach. Er kritisiert, dass in La Braye 1997 zwar die Mountainbike- und Trial-Weltmeisterschaften durchgeführt wurden, die speziell dafür gebauten Bergabfahrten aber zurückgebaut und nicht ersetzt wurden.

Trotzdem gibt es Pläne für die Region um La Videmanette, die sowohl von Gstaad wie auch vom nahegelegenen Rougemont per Bergbahn zugänglich ist. Dort soll eine neue Bergabfahrt für Mountainbiker entstehen. Doch laut Delachaux hängt dies von Gstaad und der lokalen Bergbahn-Gesellschaft ab.

Der Tourismusdirektor gibt zu, dass die Suche und Förderung von alternativen Tourismus-Aktivitäten zum Skifahren übers ganze Jahr ein andauernder, aber unvermeidlicher Kampf sei. "Für meine Generation sind diese Veränderungen einfacher zu akzeptieren", sagt er. "Doch für Leute, die ihr Leben auf dem Skitourismus aufgebaut haben, ist das schwierig. Aber wir haben keine Wahl."

Château-d’Oex

Das Bergdorf mit etwa 5000 Einwohnerinnen und Einwohnern liegt auf rund 1000 Metern über Meer in der waadtländischen Region Pays-d'Enhaut, zwischen dem Berner Oberländer Nobelferienort Gstaad und der Käseregion Greyerz im Kanton Freiburg. Über den Col des Mosses oder mit der Montreux Berner Oberland Bahn (MOB) gelangt man in die Genfersee-Region.

Château-d’Oex gehört zum Regionalen Naturpark Gruyère Pays-d'Enhaut, zu dem auch das grösste Westschweizer Naturschutzgebiet La Pierreuse oder das Tal um L’Etivaz, bekannt für seinen Käse, gehören.

In der Region befinden sich zahlreiche Wander- und Radwege. Auf dem grössten Fluss, der Saane, wird Wassersport betrieben. Dank einem günstigen Mikroklima hat sich Château-d’Oex zu einem Mekka der Ballon-Enthusiasten entwickelt.

In der Skiregion La Braye südlich des Ferienorts erschliessen sieben Bergbahnen 40 km Pisten. In der Nähe befinden sich die Skigebiete von Gstaad, Rougemont und Les Mosses-La Lècherette.

Die Anzahl Übernachtungen in Château-d’Oex stieg zwischen 2011 und 2014 kontinuierlich von 42'332 auf 54'324. Die meisten Besuchenden kamen 2014 aus der Schweiz (18'995), Frankreich (4088), Grossbritannien (1731), Italien (1450), Deutschland (866) und Belgien (846).


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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