Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Wirbel um "Swiss-Swiss Democracy"

Eine Ausstellung des Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn im Centre Culturel Suisse in Paris erhitzt die Gemüter in der Schweiz.

Konservative Politiker zeigen sich schockiert über das Schweiz-Bild. Pro Helvetia distanziert sich von Angriffen auf Bundesrat Blocher, steht aber zum Projekt.

Die meisten haben die Ausstellung nicht gesehen, doch aus der französischen Hauptstadt wird berichtet, dass eine Ausstellung des Berner Künstlers Thomas Hirschorn im Centre Culturel Suisse de Paris die Grenzen des Zumutbaren sprenge.

Der Künstler sagte, dass er in Paris mit seinem Projekt "Swiss-Swiss Democracy" gegen die "Absurdität der direkten Demokratie" protestiere.

Wörtlich sagte Hirschhorn in einem Beitrag im Schweizer Radio DRS: "Jeder benutzt sie, das geht von Bush bis zu den Chinesen, und die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie, die denken sie hätten sie erfunden." Da wolle er einhaken, möchte sie überdenken und er sehe das alles eben nicht so.

Fragwürdige Aktionen

Nicht, dass Hirschhorn in Paris die direkte Demokratie hinterfragt und zur Diskussion stellt, lässt viele die Köpfe schütteln. Es ist die Art, wie er das tut:

Der Kulturschaffende schreckt nicht davor zurück in einem Theaterstück Wilhelm Tell zu demontieren. Auf der Bühne erbricht sich eine Schauspielerin in eine Abstimmungsurne und ein Darsteller uriniert – in der Pose eines Hundes – gegen ein Bild, das SVP-Bundesrat Christoph Blocher sehr ähnlich sieht.

Die Einladung zum Werk von Hirschhorn steht auf Karten, die ein Bild des irakischen Foltergefängnisses Abu Ghraib zeigen, darunter die Wappen der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden versehen mit der Aufschrift "I love democracy".

Weiter sind im Centre Culturel Suisse in Paris Hunderte von Zeitungsausschnitten zu sehen, die mit einem dicken braunen Klebeband zu Collagen zusammengefügt sind. Die Ausstellung ist bis Ende Januar zu sehen.

Mit Bundesgeldern unterstützt

"Seit über 60 Jahren ist die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die kulturelle Darstellung der Schweiz im Ausland, für den kulturellen Dialog zwischen den verschiedenen Landesteilen sowie für die Förderung der Künste im überregionalen Zusammenhang zuständig", schreibt die Kulturstiftung. Sie wird deswegen vom Bund finanziell unterstützt.

Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit dem Geldgeber über Art und Weise, wie Pro Helvetia die Schweiz im Ausland darstellt. Nicht wenige fordern gar die Auflösung der Stiftung.

Zum jüngsten Eclat, der Hirschhorn-Performance, meinte SVP-Präsident Ueli Maurer gegenüber Radio DRS:

"Da geht man zu weit". Pro Helvetia habe den Auftrag, im Ausland Werbung für die Schweiz zu machen und nicht das Gegenteil. "Es gibt für mich wohl keine andere Institution, die sich selbst so blöd hinstellt, wie das Pro Helvetia tut."

Auch die Präsidentin der ständerätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, Christiane Langenberger, meinte an selber Stelle: "Die Demokratie in einer Ausstellung im Ausland so zu kritisieren finde ich fragwürdig." Die Darstellung mit Blocher sei für sie geschmacklos.

Der Künstler Hirschorn selber ist ein bekennender Gegner der Wahl von Christoph Blocher zum Bundesrat. So lange der Bundesrat sei, werde er in der Schweiz nicht mehr ausstellen, liess er verlauten.

Pro Helvetia steht zum Projekt

Die Schweizer Kulturstiftung selber nahm zum umstrittenen Projekt Stellung und distanziert sich von allfälligen persönlichen Angriffen auf Bundesrat Blocher, steht aber zum Projekt.

Sabina Schwarzenbach, Leiterin Kommunikation von Pro Helvetia, sagte gegenüber swissinfo, dass auch für Pro Helvetia die Kunst Menschenrechte und Menschenwürde nicht verletzen dürfe. Das sei in Paris nicht geschehen. "Es ist keine Ausstellung gegen Blocher", sagt Schwarzenbach.

Zudem gebe es bei der Kulturstiftung keine Zensur. "Wir sind per Dekret eine unabhängige Institution."

Auch Thomas Hirschhorn habe ein Konzept vorgelegt. Niemand habe aber verlangt, dass er das ganze Projekt in jedem Detail vorlegen müsse. "Vieles entstand beim Künstler spontan und vor Ort in Paris."

Auch müsse sich die Ansicht eines Künstlers oder einer Künstlerin nicht mit den Ansichten von Pro Helvetia decken. Das sei eben eine Konsequenz der Demokratie.

Kultur polarisiert

Der Fall in Paris zeige, so Sabina Schwarzenbach, dass Kultur polarisieren kann. "Das kommt übrigens bei den Besucherinnen und Besuchern gut an."

Die Reaktion sei durchwegs eine Auseinandersetzung mit der Schweiz gewesen. Viele hätten begriffen, dass sich das Land aktiv mit der Gegenwart auseinandersetze.

"Etliche haben nebst den Clichés von Bergen, Uhren und Schokolade auch die andere Schweiz kennen gelernt."

swissinfo, Urs Maurer

In Kürze

"Swiss-Swiss Democracy" ist ein Projekt des Berner Künstlers Thomas Hirschhorn in Centre Culturel Suisse in Paris.

Die Ausstellung dauert bis zum 30.01.05.

Thomas Hirschhorn wurde 1957 in Bern geboren.

Er erhielt 2004 den Joseph-Beuys-Preis, der mit 33'000 Euro dotiert ist.



Links

×