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"Wer kann, steigt auf die Strasse um"


Von Gerhard Lob, Lugano


Immer häufiger bleiben Kesselwagen an der Grenze zu Italien stehen, bis sie von Trenitalia weiter befördert werden. (Ex-press)

Immer häufiger bleiben Kesselwagen an der Grenze zu Italien stehen, bis sie von Trenitalia weiter befördert werden.

(Ex-press)

Nach dem verheerenden Unfall eines Güterzugs mit Flüssiggas in Viareggio hat Italien die Schraube für Sicherheitsvorkehrungen für Gefahrguttransporte im Bahnverkehr stark angezogen. So stark, dass Schweizer Transporteure genervt sind.

Die schrecklichen Bilder des Flammeninfernos gingen um die Welt: Bei der Entgleisung eines Güterzugs explodierte am 30. Juni 2009 mitten in Viareggio (Toscana) ein Druckgaskesselwagen mit Flüssiggas. 26 Tote und etliche  Verletzte waren die Folge. Fünf Gebäude stürzten ein.

Experten mutmassten, dass ein Achsenbruch zur Katastrophe geführt hatte: Die Vorderachse des ersten von 14 Flüssiggas-Güterwagens habe nachgegeben. "Infolge des Schadens ist der Waggon entgleist und Flüssiggas ausgetreten, das dann im Kontakt mit der Luft zu einer Gaswolke geworden ist. Ein Funke könnte die Explosion verursacht haben", sagte damals Sergio Basti, Ingenieur der Feuerwehrzentrale.

Doch war es wirklich so? Inzwischen sind auch Theorien in Umlauf, wonach die Schienen-Infrastruktur marode war und das Entgleisen des ersten Wagens auslöste. Mit Sicherheit weiss man es bis heute nicht. Ein Untersuchungsbericht fehlt auch eineinhalb Jahre nach dem schweren Unfall.

Stopp für Einzelwagen und Checkliste 

Sicher ist nur: Italien hat etliche Massnahmen erlassen, welche die Logistik- und Transportbranche vor grosse Schwierigkeiten stellt. So verzichtet Italien auf die Annahme von Einzelwagen mit Gefahrgütern und befördert nur noch Ganzzüge. Ausserdem hat man die administrativen Formalitäten für die Abwicklung des Gefahrgütertransports an der Grenze stark erhöht.  Eine detaillierte Checkliste ist nötig.

Die italienische Bürokratie für den Bahngüterverkehr nervt die Schweizer Transporteure. "Wer kann, steigt auf die Strasse um", sagt Frank Furrer, Generalsekretär des Verbandes der verladenden Wirtschaft VAP, schränkt aber auch gleich ein: Die chemische Industrie und Mineralölgesellschaften könnten ihre Logistik nicht kurzfristig auf den Kopf stellen.

"Auf Annahme der Arbeitshypothese, wonach die Güterwagen schuld an dem Unfall seien, hat Italien einen Riesenzirkus ausgelöst", ereifert sich  Furrer.

Der administrative und zeitliche Aufwand, um solche Züge überhaupt fahren zu können, sei inzwischen gewaltig. Höhere Kosten und ein intensiverer Personaleinsatz sei die Folge. Wobei fraglich sei, ob durch die Bürokratie wirklich die Sicherheit erhöht werde.

Risiko der Verlagerung auf Strasse steigt

Auch SBB Cargo schlägt sich mit den neuen Bestimmungen aus Italien herum. SBB Cargo begrüsse generell Bestrebungen zu mehr Sicherheit im Gefahrguttransport, meint Sprecher Christoph Rytz, aber: "Die rein nationale Lösung in Italien behindert den Verkehrsträger Schiene im internationalen Güterverkehr und erhöht das Risiko, dass Gefahrguttransporte von und nach Italien auf die Strasse verlagert werden."

Ins gleich Horn stösst Bruno Dambrine von der Ermeva-Gruppe in Paris, dem europaweiten Leader bei der Vermietung von Spezialkesselwagen und Vizepräsidenten der internationalen Privatgüterwagen-Union (UIP): "Wir sind natürlich nicht gegen Sicherheitsvorkehrungen, aber das Problem sind einseitig von Italien getroffene Erlasse," sagt Dambrine. Gefragt seien heute europäische Lösungen.

Kesselwagen warten an der Grenze

Doch was sind die konkreten Folgen für die Schweiz? Dies ist schwer abzuschätzen. Eine massive Rückverlagerung etwa von alpenquerenden Gefahrguttransporten von der Schiene auf die Strasse ist laut Bundesamt für Verkehr (BAV) bis anhin nicht feststellbar. Dies liegt einerseits daran, dass Branchen nicht kurzfristig umdisponieren können.

Andererseits aber auch an den extrem scharfen Auflagen für Gefahrguttransporte via Strasse, die immer dann greifen, wenn Tunnels im Spiel sind, das heisst bei allen alpenquerenden Verbindungen.

Aber es passiert beispielsweise immer häufiger, dass einzelne Kesselwagen länger an der Grenze stehen -  beispielsweise am Grenzbahnhof Chiasso – bis sie von Trenitalia weiter befördert werden.

"Wir haben das Problem im Lenkungsausschuss Schweiz-Italien zur Sprache gebracht", sagt BAV-Sprecherin Olivia Ebinger. Eine Lösung sei noch nicht gefunden.

Gefahrgüter

Gefährliche Güter (Gefahrgüter) sind Stoffe, die eine gefährliche Eigenschaft für Mensch, Tier und Umwelt haben können.

Bei Gefahrguttransporten werden die Fahrzeuge oder Transportbehälter mit Tafeln (orangefarbene Warntafel), oder Grosszetteln beschriftet, damit schnell Massnahmen im Falle eines Gefahrgutunfalls ergriffen werden können. 

Die Güter sind in einer Datenbank mit einer UN-Nummer verzeichnet, wo auch Angaben über die Gefahrklasse, Gefahr nach Mengen und ähnliche Informationen verzeichnet sind.

Für Gefahrguttransporte auf Bahn, Strasse und in der Luft gelten besondere Sicherheitsvorschriften.

Gemäss dem Bundesamt für Verkehr BAV werden im alpenquerenden Verkehr pro Jahr zirka 2,7 Millionen Tonnen Gefahrgut per Bahn auf der Gotthard-Achse transportiert, über die Lötschberg-Achse 0,8 Millionen Tonnen (Stand vor Inbetriebnahme des neuen Lötschberg-Basistunnels). 

swissinfo.ch



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