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Misere auf der Maladière – Fussballverband reagiert

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Wirtschaft  
Hat er sie oder hat er sie nicht? Bulat Tschagajew, angeblich 35 Mio. Dollar schwer.Legende:

Hat er sie oder hat er sie nicht? Bulat Tschagajew, angeblich 35 Mio. Dollar schwer. (Keystone)

Von Renat Kuenzi, swissinfo.ch
08. November 2011 - 17:33

Bei Neuenburg Xamax verdichten sich die Anzeichen, dass der Fussballklub unter dem tschetschenischen Präsidenten Bulat Tschagajew dem Abgrund zusteuert. Der Schweizerische Fussball-Verband will mehr Kontrolle bei Besitzerwechsel eines Klubs.

Es begann im Frühling auf der Maladière, dem Stadion von Neuenburg Xamax, mit Rausschmissen von Trainern, Spielern und Funktionären im Wochentakt.
 
Derart akzentuierter Personalverschleiss war aber keine Erfindung des impulsiven Tschetschenen Tschagajew, sondern eher eine billige Kopie der Launen Christian Constantins, seines Zeichens Allein-Herrscher beim Walliser Verein FC Sion.
 
Neu dagegen waren die tschetschenischen Volkstänze, die der neue Präsident den wenigen Zuschauern im Stadion jeweils in der Pause ab Grossleinwand vorführen liess.
 
Das waren aber alles sozusagen nur Interna. Mittlerweile sind Xamax und Tschagajew Fälle für das Neuenburger Zivilgericht. Die Vorwürfe sind happig: ausstehende Zahlungen in Höhe von 4,2 Mio. Franken und gar Fälschung von Dokumenten (siehe Extra rechts).
 
Welche Szenarien dem Klub und seinem Präsidenten auch immer drohen: Der Fall Xamax/Tschagajew zeigt alarmierend, welche Gefahr Investoren auch im Schweizer Fussball darstellen können. Spielern, Staff und lokalen Unternehmen droht finanzieller Schaden, und eine ganze Region bangt um ihr Vehikel zur Identitätsstiftung.
 
Was sich gegenwärtig bei Xamax abspielt, ist in Deutschland nicht vorstellbar. Denn die Deutsche Fussball Liga (DFL), welche die Profi-Klubs der 1. und 2. Bundesliga umfasst, kennt die so genannte 50+1-Regel. Diese schreibt fest, dass die Stimmenmehrheit von 50% plus einer Stimme immer beim Klub verbleibt. Ein Investor kann also nie die Mehrheit der Stimmen an einem Verein übernehmen, selbst wenn er im Besitz von 80% oder 100% der Aktien ist.

Formel für Erfolg

"Die 50+1-Regel garantiert Nachhaltigkeit", sagt DFL-Sprecher Kay Langendorff gegenüber swissinfo.ch. Der verhängnisvolle Zyklus, wie er sich aktuell in Neuenburg abspielt, kann so laut Langendorff gar nie einsetzen: Der ausländische Investor, der sich auf der Suche nach einem neuen Spielzeug rasch einen Fussballklub zulegt, viel Geld investiert, nach drei Jahren die Lust verliert und dem Klub einen Schuldenberg in Millionenhöhe hinterlässt und ihn damit ins sportliche Fiasko stürzt.
 
Anders gesagt: "Was bringt es, wenn sich Multimillionäre oder Multi-Milliardäre ein Rennen darum liefern, wer mehr Geld und die besseren Stars hat?", fragt der DFL-Sprecher. "Das ist eine Geschichte, die am Ende des Tages nur einen Gewinner hat."
 
Weil mit der 50+1-Regel letztlich der Verein immer Herr im eigenen Hause sei, kann Kay Langendorff dieses Modell anderen Ligen uneingeschränkt empfehlen.
 
Angesichts der Entwicklungen in Neuenburg ist man beim Schweizerischen Fussballverband (SFV) aufs Schlimmste gefasst. "Ich hoffe, dass Xamax wenigstens die Meisterschaft zu Ende spielen kann", sagt Roger Müller, Sprecher der Nationalliga, gegenüber swissinfo.ch.
 
Würde Xamax aus der laufenden Meisterschaft ausgeschlossen, wäre dies laut Liga-Sprecher Müller nicht nur für die Fans des Klubs ein harter Schlag, sondern auch für die restlichen Vereine, welche die Meisterschaft zu neunt zu Ende spielen müssten. Und es wäre nicht zuletzt ein grosser Image-Schaden für den Schweizer Fussball. Dessen internationales Renommee ist in den letzten Jahren stark gestiegen, nicht zuletzt wegen der nachhaltigen Nachwuchsarbeit von Verband und Klubs.
 
Dank der 50+1-Regel gehören die Bundesliga-Klubs zu den wenigen in Europa, die auf höchstem Profi-Niveau eine Vereinsarbeit mit längerfristiger Perspektive leisten. Der Erfolg zeigt sich einerseits auf dem Rasen: An den letzten beiden WM-Turnieren zeigte die deutsche Elf mithin den attraktivsten Angriffsfussball und bestach durch technische wie taktische Brillanz. Er zeigt sich andererseits aber auch in den Büchern, ist doch die 1. Bundesliga die einzige der grossen Profi-Ligen der Welt, die Gewinn erwirtschaftet.

Obligatorischer zweiter Durchlauf

Trotz dieser Evidenz kommt eine solche Schutzklausel für die Schweizer Klubs laut Liga-Sprecher Roger Müller nicht in Betracht. "Angesichts der Schwierigkeiten bei der Umstellung vom schweizerischen Kontroll-System auf die 50+1-Regel ist ein solcher Prozess unrealistisch, es wäre ein zu weiter Weg", sagt er.
 
Vielmehr prüfe die Nationalliga die Verschärfung der reglementarischen Massnahmen, um bei einem Besitzerwechsel des Klubs bessere Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten in der Hand zu haben, wie Müller erläutert.
 
"Die neue Regelung sieht vor, dass Klubs, die nach Erhalt der Lizenz den Besitzer wechseln, zwingend noch einmal Zahlen nachliefern und belegen müssen, dass die Saison mit dem Budget finanziell abgesichert ist", sagt Roger Müller.
 
Die 26 Klubs der beiden höchsten Schweizer Spielklassen befinden noch in diesem Monat an der Generalversammlung der Nationalliga über deren Vorschlag. Stimmen sie zu, kann die strengere Aufsicht aber erst auf die übernächste Spielzeit 2013/14 in Kraft treten.
 
Das Lizenzierungsverfahren der Nationalliga für die nächste Spielzeit 2012/13 beginnt bereits im Dezember und wird noch nach bisherigen Regelungen durchgeführt.

Renat Kuenzi, swissinfo.ch

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