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Auslagerungen

Tief verwurzelt trotz hohem Franken

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Wirtschaft  
Auslagern, Relokation oder Outsourcing - ein heikles Thema für KMU. Im Bild: Aebi, Burgdorf, produziert Spezialfahrzeuge für Landwirtschaft und Gemeinden.Legende:

Auslagern, Relokation oder Outsourcing - ein heikles Thema für KMU. Im Bild: Aebi, Burgdorf, produziert Spezialfahrzeuge für Landwirtschaft und Gemeinden. (Keystone)

Von Matt Allen, swissinfo.ch
29. Juli 2012 - 11:00

Das ständige Anwachsen der Produktionskosten in der Schweiz und die Zunahme der Präsenz in Schwellenmärkten wirken auch als Anreiz oder gar Auslöser für Produktions-Auslagerungen von Schweizer Unternehmen ins Ausland.

Zwar sind auf diese Weise bereits Tausende von Arbeitsstellen abgebaut oder "outgesourct" worden, doch bemühen sich sowohl Arbeitgeber als auch Gewerkschaften, die Befürchtungen bezüglich eines wechselkursbedingten Ausblutens des Werkplatzes Schweiz möglichst zu entkräften.
 
Doch in den Medien und in der Politik sind die jüngsten so genannten Produktions-Relokationen in Richtung kosteneffektiverer Standorte aufgegriffen worden, obschon die Schweizerische Nationalbank den Wechselkurs-Plafond des Frankens gegenüber dem Euro glaubwürdig auf 1.20 Fr. pro Euro festhält.
 
So gab im vergangenen Juni der Besitzer der in der Westschweiz ansässigen Serono, die deutsche Biopharma-und Chemieunternehmung Merck, die Schliessung des Genfer Serono-Hauptsitzes bekannt. Folge: Verlust von rund 500 Arbeitplätzen, Auslagerung von weiteren 750 aus der Schweiz.  
 
Andererseits hat auch das mittelständische, im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie tätige Schweizer Familienunternehmen Reichle & De-Massari (R&M) aus Wetzikon, im April eine neue Produktionsstätte in Bulgarien eröffnet, wohin Teile der Herstellung verlagert werden. Die wird den Verlust von rund 50 schweizerischen Arbeitsplätzen zur Folge haben.

Auch KMU lagern aus

Das Auslagern von Herstellungsschritten, oder deren Weitergabe an Drittfirmen im Ausland, hat sich für Schweizer kleinere und mittelgrosse Unternehmen (KMU) als Möglichkeit erwiesen, Kosten abzubauen. In der Schweiz beschäftigen KMU rund zwei Drittel aller Arbeitnehmenden. Doch fehlt ihnen oft das finanzielle Rückgrat, um selber Produktionsstätten aufzubauen.
 
Laut der Beraterfirma Mattig Management Partners hat sich in den letzten Jahren das Interesse an der Produktionsauslagerung im Bereich der grösseren KMU verdreifacht. Grund: Die Margen schwanden dank hohem Frankenkurs, und hoch blieben auch die Produktionskosten, weil es an einheimischen gelernten Arbeitskräften mangelt.
 
"Es mag die KMU überraschen, wenn ihre Outsourcing-Anfragen von ausländischen Outsourcing-Partnern abgeschlagen werden, weil das Volumen zu gering ist oder die Produktionskosten im Ausland höher als vorausgeplant sind", sagt VR-Präsident Andreas Mattig gegenüber swissinfo.ch.
 
Vor drei Jahren hatte der globale Schweizer Industriekonzern Georg Fischer bekanntgegeben, die Produktion seines Bereichs GF AgieCharmilles herunterzufahren und sich auf die Herstellung von Werkzeugmaschinen in China zu konzentrieren.
 
Seither produziert das Unternehmen 80% seiner Produkte im Ausland. Doch GF-Direktor Yves Serra sagt, die Schweizer Basis bleibe ein Schlüsselelement des Unternehmenserfolgs. "Wir stellen Produkte im Ausland her, weil sich unsere Kunden wünschen, dass wir nahe bei ihnen produzieren", sagt Serra gegenüber swissinfo.ch.
 
"In der Schweiz stellen wir jene Produkte her, die ein hohes Mass an Qualität erfordern und deren Herstellung automatisiert werden kann. Wir wollen an unserem Image eines Herstellers von Qualitätsprodukten festhalten, und ein Grossteil unseres guten Rufs hat mit der Präsenz in der Schweiz zu tun." (Siehe ganzes Interview im Parallel-Artikel)

Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Die blossen Statistiken scheinen die Behauptung zu bestätigen, wonach die industrielle Basis der Schweiz abnimmt: Der relative Anteil der industriellen Produktion an der gesamten nationalen Wertschöpfung hat sich von 40% im Jahr 1960 auf gegenwärtig noch 20% halbiert. Und der Anteil der Arbeitsplätze, die auf die Industrie entfallen, schrumpfte von 50 auf 22%.
 
Ein solcher Verlauf sei langfristig in vielen entwickelten Volkswirtschaften festzustellen, sagt der Schweizer Wirtschaftspublizist Beat Kappeler. Mit Ausnahme der Textilindustrie habe die Schweiz jedoch das Schicksal von Grossbritannien oder den USA abwenden können. Diese hätten eine sehr hohe Abwanderung von Produktionsaktivitäten hinnehmen müssen.
 
"Die angelsächsischen Länder haben ganze Traditionsbranchen verloren, wie Textil, Maschinenbau und die Weisse Industrie", sagt Kappeler gegenüber swissinfo.ch. Während sich im Fall der Schweiz die Prioritäten von der Massenproduktion in Richtung hochqualitative Nischenproduktion verschoben hätten.
 
"Im Bereich der Feinmechanik ist die Schweiz stärker geworden, auch bei Uhren, Luxusgütern und Pharmaprodukten. Wir sind das neuntgrösste Biotech-Herstellungsland der Welt", so Kappeler. Er glaubt, dass die Schweiz sowohl die Infrastruktur als auch das Gewicht des Werkplatzes verstärkt habe.

Intakte industrielle Basis

Die breitflächigen Verluste von Arbeitsplätzen in den vergangenen Jahren hat die Gewerkschaften beunruhigt. Gemäss offiziellen Zahlen sollen 2008 in traditionellen Herstellungsbereichen 660'000 Personen beschäftigt worden sein. Und trotz einem eingetretenen Export-Aufschwung sank diese Anzahl in den letzten vier Jahren um rund 30'000.
 
Dennoch scheine die Kombination aus Spezialisierung auf Hochpreis-Nischen und guter Inlandkonjunktur genügt zu haben, um die Deindustrialisierung aufzuhalten, meint José Corpataux, Ökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund: "Die Industriebasis in der Schweiz ist immer noch gut, im Vergleich zu Grossbritannien, USA oder Frankreich. Die Deindustrialisierung ist deshalb in der Schweiz ein kleineres Problem als anderswo."
 
Der starke Franken erschwere jeder Branche den Wettbewerb. "Bleibt dieses Problem bestehen", so Corpataux, "könnte es zur Desindustrialisierung kommen. Doch unter guten volkswirtschaftlichen Bedingungen können die Unternehmen noch zulegen".
 
In den vier Jahren vor der Finanzkrise von 2008 konnten Schweizer Firmen von den guten Bedingungen profitieren. Auch sind Tausende von Arbeitsplätzen neu entstanden.
 
Daniel Kalt, Chefökonomder Grossbank UBS, glaubt, dass die Auslagerungen vor allem ein Zeichen für einen sich dem Ende zuneigenden Konjunkturzyklus sind. Weniger ein Indiz für die Deindustrialisierung, sende das Outsourcing somit eher positive Signale aus.
 
Obschon sich in Phasen der Währungsstärke die Produktion ins Ausland verschiebe, zeige dies auch an, dass die Unternehmen an ihrer Konkurrenzfähigkeit arbeiten und ihre Kostenstrukturen optimieren würden, schreibt Kalt in der jüngsten UBS-Publikation.

Matt Allen, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)

 
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