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Ein potentiell schädliches Herbizid


Glyphosat sorgt auch in der Schweiz für Diskussionen


Von Samuel Jaberg, Bundeshaus


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Auch in der Schweiz nimmt der Druck aus der Bevölkerung gegen den Einsatz von Glyphosat zu. Das Herbizid steht unter Verdacht, krebserregend zu sein. Hier ein Protest gegen die Agrochemie-Riesen Monsanto und Syngenta Ende Mai in Basel. (Keystone)

Auch in der Schweiz nimmt der Druck aus der Bevölkerung gegen den Einsatz von Glyphosat zu. Das Herbizid steht unter Verdacht, krebserregend zu sein. Hier ein Protest gegen die Agrochemie-Riesen Monsanto und Syngenta Ende Mai in Basel.

(Keystone)

Soll das heute am weitesten verbreitete und gleichzeitig äusserst umstrittene Herbizid verboten werden oder nicht? Die EU konnte sich in der Frage bisher nicht einig werden, in der Schweiz wird vorerst auf Zeit gespielt und abgewartet.

Glyphosat, Staatsfeind Nummer Eins für Umweltschützer, entfesselt Leidenschaften. Dieses ursprünglich von Monsanto unter dem Namen "Round-up" auf den Markt gebrachte Herbizid steht im Zentrum einer intensiven Auseinandersetzung innerhalb der Europäischen Union (EU). Seit mehreren Monaten können sich die Mitgliedsländer nicht auf eine Verlängerung der Zulassung für Glyphosat einigen, auch nicht auf eine begrenzte. Dabei wird der Entscheid dringend, denn die geltende Zulassung für das umstrittene Herbizid gilt nur noch bis zum 30. Juni.

Sehr geringe Mengen

Dank immer genaueren Analysemethoden ist es heute möglich, kleinste Konzentrationen von Substanzen auch im menschlichen Organismus nachzuweisen. "Auch wenn Glyphosat potentiell krebserregend sein sollte, sind die im Urin festgestellten Rückstände derart gering, dass sie keine Gefahr für die Gesundheit bedeuten", bekräftigt Olivier Félix, der beim Bundesamt für Landwirtschaft für das Dossier zuständig ist. Zudem reichere sich Glyphosat aufgrund seiner Eigenschaften nicht im Körper an, sondern werde sehr rasch und effizient wieder ausgeschieden, vor allem über den Urin, erklären die Schweizer Gesundheitsbehörden.

Die Grünliberale Isabelle Chevalley, die übrigens einen Doktortitel in Chemie hat, ist dennoch besorgt über die Testresultate, die Glyphosatrückstände in einem bedeutenden Anteil von Urinproben der Schweizer Bevölkerung zeigten. "Wenn man derart viel findet, bedeutet dies, dass es täglich eingenommen wird. Wir wissen aber bisher nichts über die langfristigen Auswirkungen von Glyphosat auf die Gesundheit. Das ist eine problematische Situation", erklärt sie.

In letzter Zeit wurden verschiedene wissenschaftliche Studien über Glyphosat erstellt, deren widersprüchliche Schlussfolgerungen die Polemik noch weiter anheizten. So stufte eine Studie der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO das Herbizid im März 2015 als "wahrscheinlich krebserregend für den Menschen" ein. Anders sah es die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA): Auf der Grundlage von Berichten, die nicht veröffentlicht wurden, empfahl sie der EU eine Verlängerung der Zulassung.

Umweltkreise werfen der Agrochemie-Industrie vor, sie übe intensiven Druck auf die Gesundheitsbehörden aus und erstelle verzerrte Studien über die Auswirkungen von Glyphosat, damit das Herbizid nicht aus dem Verkehr gezogen werde.

Die wirtschaftlichen Aspekte, muss man sagen, sind kolossal: Mit etwa 800'000 Tonnen, die jedes Jahr eingesetzt werden, ist Glyphosat das weltweit am stärksten verbreitete Pflanzenschutzmittel. Neben Monsanto stellen heute auch weitere Konzerne wie Syngenta, BASF, Dupont und Dow AgroSciences Glyphosat-Produkte her.

Warten auf Entscheid der EU

In der Schweiz werden pro Jahr rund 300 Tonnen glyphosathaltige Herbizide auf Äckern, Obstplantagen, in privaten Gärten und auf Bahndämmen versprüht. Aufgrund der bisher vorliegenden Studien ist die Eidgenossenschaft der Ansicht, dass diese Produkte für die Bevölkerung keine Gefahr darstellen, und sieht aktuell keinen Anlass, deren Einsatz zu verbieten. Die Regierung in Bern erklärte aber, sie verfolge die Diskussionen in Brüssel aufmerksam.

"Die Rechtslage in der Schweiz erfordert, dass die wissenschaftlichen Studien, die in der EU erstellt werden, berücksichtigt werden müssen. Die Entscheidung der EU-Behörden wird also eine Auswirkung haben auf eine allfällige Überprüfung der Zulassungsbewilligungen für Glyphosat in der Schweiz", erklärt Olivier Félix, Leiter des Fachbereichs Nachhaltiger Pflanzenschutz beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW).

Auch das eidgenössische Parlament befasst sich mit dem Unkrautvertilgungsmittel. Die Stiftung für Konsumentenschutz, Greenpeace und die Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz reichten im Februar 2016 bei den Parlamentsdiensten eine Petition mit 25'340 Unterschriften ein, die ein Verbot glyphosathaltiger Herbizide fordert. Zudem fordern zwei Motionen, eine des Sozialdemokraten Pierre-Alain Fridez und eine der Grünen Maya Graf, ein Verbot für Verkauf und Einsatz des Herbizids in der Schweiz. Die Erfolgschancen dieser Begehren scheinen allerdings zurzeit eher gering.

Am 8. Juni überwies der Nationalrat (Grosse Kammer) jedoch ein Postulat seiner eigenen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK), mit dem der Bundesrat beauftragt wird, einen umfassenden Bericht zu den Auswirkungen von Glyphosat in der Schweiz zu erstellen. Konkret geht es vor allem darum, mehr über die Rückstände von Glyphosat in Lebensmitteln zu erfahren.

Könnte Verbot zum Bumerang werden?

"Das ist ein erster Schritt, aber mutigere Entscheide müssen folgen", erklärt Liza Mazzone, Abgeordnete der Grünen und Verfechterin eines Totalverbots für Glyphosat. "Es ist nicht akzeptabel, dass wir weiterhin solche Risiken für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt eingehen, wenn es alternative Methoden gibt, die sich in der Landwirtschaft bereits bewährt haben."

Verschiedene Studien von Konsumentenschutz-Organisationen fanden in Urinproben der Schweizer Bevölkerung in fast 40% der Proben Rückstände von Glyphosat. Ein Verbot dieses Herbizids würde aber das Problem nicht lösen, findet ihrerseits die Grünliberale Isabelle Chevallay. "Ein Grossteil dieser Rückstände geht auf Landwirtschaftsprodukte zurück, die aus dem Ausland importiert wurden. Dies gilt vor allem für Getreide, das zur Bierproduktion genutzt wird. Wenn man schlicht und einfach Glyphosat verbietet, ohne zuvor gut über alternative Lösungen nachgedacht zu haben, ist das Risiko gross, dass Landwirte zu noch schädlicheren Produkten greifen werden."

In der Schweiz werden Glyphosat-Produkte meist beim pfluglosen Anbauverfahren verwendet, das zur Bewahrung der Biodiversität des Bodens beiträgt und hilft, die Bodenerosion einzudämmen. Das Herbizid wird im Frühjahr eingesetzt, um Unkraut auf den Feldern vor der Aussaat zu beseitigen, es wird aber nicht direkt auf essbare Pflanzen versprüht.

"Die Schweiz ist sehr strikt, was die Anwendung von Glyphosat angeht. Man kann den Einsatz hier nicht vergleichen mit dem in Ländern, in denen GVO [gentechnisch veränderte Organismen] erlaubt sind, und in denen das Produkt direkt auf Getreide gesprüht wird, um die Reife zu beschleunigen", erklärt seinerseits Jean-Pierre Grin. Der Abgeordnete der (rechtskonservativen) SVP ist Bauer von Beruf und gegen jegliches Glyphosatverbot.

Schweizer Grossverteiler wie Coop und Migros zeigen sich viel vorsichtiger: Seit mehr als einem Jahr haben sie glyphosathaltige Herbizide aus ihrem Sortiment verbannt. Als Vorsichtsmassnahme, erklären sie.

Denken Sie, dass die Gesundheitsbehörden Verkauf und Einsatz von Glyphosat verbieten sollten? Ihre Ansicht interessiert uns.


Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch

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