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Griechische Flüchtlingskrise


Geschlossene Balkanroute stellt Caritas vor grosse Herausforderung


Von Gaby Ochsenbein, zurück aus Athen


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Die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen Anouk Zulauf und Chrissa Baroga (Mitte) mit Darin, Rama, Kerdi, Hala und Amir aus Syrien in einer der beiden Athener Unterkünften. (swissinfo.ch)

Die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen Anouk Zulauf und Chrissa Baroga (Mitte) mit Darin, Rama, Kerdi, Hala und Amir aus Syrien in einer der beiden Athener Unterkünften.

(swissinfo.ch)

Seit die beliebte Route über den Balkan dicht ist und das Abkommen zwischen der EU und der Türkei umgesetzt wird, hat sich die Lage für die Flüchtlinge, aber auch für Hilfswerke in Griechenland, radikal verändert. Caritas Schweiz reagiert umgehend und passt das Angebot den neuen Bedürfnissen an und stockt sein Budget auf.

Caritas Hellas, das die Schweizer Projekte umsetzt, war noch bis vor wenigen Monaten eine winzige NGO. Infolge der Krise ist sie gewachsen, hat mehr Leute eingestellt. Chrissa Baroga, Projektleiterin von Caritas Hellas für das Schweizer Nothilfeprojekt, und ihre drei Kollegen und Kolleginnen arbeiten auf engstem Raum. Um in ihr Büro zu gelangen, kämpft man sich durch eine lange Schlange von Menschen vor dem Haus und im Treppenhaus, die für die Suppenküche und die Kleiderabgabe anstehen. Migranten, Flüchtlinge, Griechen.

Caritas in Griechenland

Caritas betreut in Athen und auf der Insel Lesbos Unterkünfte mit gesamt 440 Betten, die besonders verletzlichen Flüchtlingen offen stehen. Familien mit kleinen Kindern, Schwangere, allein reisende Frauen, ältere und behinderte Menschen erhalten Mahlzeiten, frische Kleider und medizinische Versorgung. Zudem werden Beratungen für die Weiterreise und das Asylverfahren angeboten.

In Idomeni, an der griechisch-mazedonischen Grenze, engagiert sich das Caritas-Netz für die Verbesserung der hygienischen und sanitären Einrichtungen und verteilt Nahrungsmittel und andere Hilfsgüter.

Caritas Schweiz führt seine Projekte zusammen mit Caritas Hellas durch und wird von anderen Caritas-Netzwerken sowie von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und der Glückskette unterstützt. Caritas Schweiz hat für seine Nothilfe in Griechenland von Mitte November 2015 bis Mitte April 2016 2 Mio. Franken zur Verfügung gestellt. Hinzu kamen 650'000 Franken für die Balkanroute (Serbien und Kroatien). Das Gesamtbudget wurde nun auf 5 Millionen erhöht.

Ganz in der Nähe befinden sich zwei Hotels mit insgesamt 220 Betten, in denen sich Caritas Schweiz im letzten Winter einmietet hat. Dort fanden vom UNHCR registrierte Flüchtlinge für ein bis zwei Tage Unterschlupf, sie erhielten Kleider, Essen und eine warme Dusche, bevor sie möglichst rasch gen Norden weiterzogen, etwa nach Deutschland oder Schweden, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Seit die Balkanroute geschlossen und der umstrittene Deal zwischen der EU und der Türkei in Kraft ist, ist alles anders: Die Menschen sitzen in Griechenland fest, so auch in Athen. Die Caritas-Hotels im Herzen der Hauptstadt sind praktisch über Nacht von Transit- zu Langzeitzentren geworden.

"Seit Österreich rechtswidrig eine Obergrenze für Flüchtlinge eingeführt und Mazedonien seine Grenze dichtgemacht hat, hat sich die Lage radikal verändert", sagt Anouk Zulauf, Programm-Mitarbeiterin von Caritas Schweiz. "Es gibt viele Fragezeichen und grosse Herausforderungen."

Laut Chrissa Baroga wohnen in den Caritas-Unterkünften in Athen Iraker, Syrer, vor allem aber Afghanen. "Wir haben seit mehr als 10 Jahren viele Afghanen in Griechenland. Neu ist, dass nun vor allem Familien kommen."

Warten in Schweden

Im Hotel Christiani mit seinen 70 Betten sitzt die syrische Mutter Darin mit ihren vier Kindern Rama (12), Kerdi (11), Hala (7), Amir (5) im Aufenthaltsraum, es ist Zeit fürs Mittagessen. Der Familienvater ist seit einem Jahr in Schweden, in Malmö. "Er wartet auf uns, wir telefonieren jeden Tag. Hoffentlich sehen wir ihn bald wieder", sagt Rama, die ein paar Brocken Englisch spricht.

"Mein Vater ist vor einem Jahr alleine aufgebrochen, weil nicht genug Geld für alle vorhanden war. Dann aber wurde unser Haus in der Stadt Idlib beschossen und zerstört ", erzählt das Mädchen, während Kerdi, ihr Bruder, mit den Händen gestikuliert und mehrmals "Bomb, Bomb" ruft. Als die Familie ihr Zuhause verlor, verliess auch die Mutter mit ihren Kindern das kriegsversehrte Syrien.

"Auf einem 10-stündigen Fussmarsch gelangten wir in die Türkei, das war hart, vor allem für die Kleinen. Dann per Boot weiter nach Lesbos, insgesamt waren wir 60 Leute, fast alles Afghanen. Die Überfahrt dauerte zwei Stunden. Am Schluss standen wir bis zu den Hüften im Wasser", erzählt die älteste Tochter.

Die Familie zog weiter nach Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Dort war Schluss, es gab kein Durchkommen. Es regnete, war kalt und nass. Halma erkrankte schwer, und Amir, der Jüngste, hatte Fieber. Dann sei auch noch ihr ganzes Geld gestohlen worden. Ein Freund gab ihnen einen Zustupf, so dass sie nach Athen zurückkehren konnten. "Hier sind wir gut aufgehoben, das Team ist wunderbar", sagt Mutter Darin, Rama übersetzt.

Aus dem Hotel in eine eigene Unterkunft

Caritas versorgt in den zwei Athener Hotels besonders verletzliche Flüchtlinge: Schwangere und Frauen mit Kindern, kranke, behinderte und ältere Menschen. Laut Anouk Zulauf ging man im letzten Herbst davon aus, dass die Krise nach ein paar Monaten überstanden sein würde. Deshalb entschied sich Caritas für die Hotel-Variante. Dahinter steckte auch die Idee, im Winter leerstehende Hotels zu nutzen und so die marode griechische Wirtschaft zu unterstützen - eine Win-Win-Situation.

Da die Flüchtlingskrise aber andauert und die Tourismus-Saison beginnt, ist Caritas nun auf der Suche nach einer neuen Unterkunft mit 200 bis 300 Betten. Einerseits geschieht dies aus Kostengründen, aber auch, weil die Hotelbesitzer statt der Flüchtlinge wieder Touristen einquartieren möchten. Die Hotels müssen also sukzessive geräumt werden. "Deshalb nehmen wir zur Zeit nur noch sehr verletzliche Menschen auf, etwa allein reisende Frauen oder Kranke ", erklärt Zulauf.

Flüchtlinge in Griechenland

Seit Anfang 2015 sind über eine Million Menschen nach Griechenland eingereist, die meisten von ihnen Flüchtlinge aus Syrien, Irak oder Afghanistan. Im laufenden Jahr kamen über 160'000 Personen von der Türkei nach Griechenland, davon 40% Kinder und über 20% Frauen.

Seit der Schliessung der Balkanroute sitzen gegen 55'000 Flüchtlinge in Griechenland fest. Seit Inkrafttreten des Flüchtlings-Abkommens zwischen der EU und der Türkei am 20. März 2016 haben viele von ihnen ein Asylgesuch in Griechenland eingereicht – aus Angst, umgehend in die Türkei deportiert zu werden.

(Quelle: UNHCR)

Die neue Einrichtung soll von Caritas Hellas geführt werden und auch Anlaufstelle sein. Denn die Bedürfnisse der Flüchtlinge haben sich angesichts der aktuellen Lage massiv verändert. "Sie werden länger bleiben, brauchen psychologische und medizinische Hilfe, Beratung in Asylfragen, müssen auf Ämter begleitet werden, ihre Aufenthaltsbewilligung verlängern oder Asyl-Rekurs einlegen, sie müssen die Sprache lernen, die Kinder sollten zur Schule gehen - eine ganze Menge an neuen Herausforderungen, die ein Umdenken verlangen", sagt die Programm-Mitarbeiterin von Caritas Schweiz.

Weil Griechenland seit Jahren unter der Schuldenkrise und dem rigorosen Sparprogramm ächzt, unterstützt Caritas auch 200 bedürftige griechische Familien mit 50 Euro im Monat. "Damit wollen wir verhindern helfen, dass es zu Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Flüchtlingen kommt", sagt Anouk Zulauf.

Warten in Athen

Mutter Darin und ihre Kinder Rama, Kerdi, Hala und Amir sind noch immer in Athen. Jeden Tag telefonieren sie mit Schweden. Wann und wo die Kinder ihren Vater und die Mutter ihren Mann wieder sehen werden, steht in den Sternen. Gut möglich, dass sie schon bald in die neue Caritas-Unterkunft in Athen umziehen werden.

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