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Internationale Klimakonferenz


Marrakesch: Von Absichtserklärungen zu Fakten




Lange Trockenperioden und Desertifikation:  Dieses Szenario steht vielen Ländern Afrikas bevor, wenn die Staatengemeinschaft nicht umgehend Massnahmen gegen die Erderwärmung ergreift. (Keystone)

Lange Trockenperioden und Desertifikation:  Dieses Szenario steht vielen Ländern Afrikas bevor, wenn die Staatengemeinschaft nicht umgehend Massnahmen gegen die Erderwärmung ergreift.

(Keystone)

Am Montag wird in Marrakesch eine neue Weltklimakonferenz eröffnet. In der marokkanischen Stadt wird darüber diskutiert, wie das historische Abkommen vom Dezember 2015 in Paris umgesetzt werden kann. Während sich die Schweiz für robuste und wirksame Regeln einsetzen will, fordern Nichtregierungs-Organisationen mehr Mittel für ärmere Länder beim Umgang mit dem Klimawandel.

Eine gute und eine schlechte Nachricht: In diesem Kontext beginnt die 22. Internationale Konferenz über das Klima in Marrakesch (COP22), bei der vom 7. bis 18. November 197 Mitgliedstaaten der UNO-Konvention über Klimaveränderungen zusammenkommen, darunter auch die Schweiz.

Beginnen wir mit der guten Nachricht: Am 4. November ist das Klima-Abkommen von Paris offiziell in Kraft getreten, dessen Ziel es ist, den globalen Anstieg der Temperatur um weniger als zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit einzuhalten. Damit das Abkommen in Kraft trat, mussten 55 Länder, die für mindestens 55% der Emissionen verantwortlich sind, das Abkommen ratifizieren. Diese Schwelle wurde erreicht, wie UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon Anfang Oktober bekanntgab.

Drei Wochen später wurde eine weitere Schwelle erreicht. Und dies ist die schlechte Nachricht. Im Jahr 2015 überstieg die durchschnittliche C02-Konzentration in der Atmosphäre den bisherigen Höchststand von 400 Teilen von einer Million (ppm), wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bekanntgab. Die Schwelle von 400 ppm war bereits früher an verschiedenen Orten und in bestimmten Monaten erreicht worden, jedoch noch nie auf weltweiter Ebene und für ein ganzes Jahr, wie die WMO betonte.

Daher ist es dringend, so rasch wie möglich zu handeln. Und dies beginnt an der Konferenz in Marrakesch, wo es hauptsächlich darum geht, die Modalitäten zur Umsetzung des Pariser Abkommens zu erarbeiten. "Paris ist nicht der Schlusspunkt, sondern der Beginn. Im Abkommen sind zahlreiche Elemente und Grundsätze enthalten, wie etwa der verbindliche Charakter der Verpflichtungen zur Reduktion der Emissionen. Nun müssen wir entscheiden, wie all dies umgesetzt wird", betont Franz Perrez, der Schweizer Delegationsleiter an der COP22.

Die Prioritäten der Schweiz

Wie sollen die Zielsetzungen zur Reduktion der Emissionen formuliert werden? Wer kontrolliert die vereinbarten Verpflichtungen der einzelnen Länder? Wie muss der weltweite C02-Markt strukturiert werden? Und wie bringt man die erforderlichen Mittel zusammen, die den ärmeren Ländern bei der Bekämpfung des Klimawandels helfen sollen? Dies sind nur einige der Fragen, mit denen sich die Teilnehmenden der Konferenz in Marrakesch befassen müssen, an der auch die Schweizer Umweltministerin Doris Leuthard teilnimmt.

Für die Schweiz habe die Festlegung klarer und wirksamer Regeln Priorität, erklärt Perrez. "Zu den wichtigsten Aspekten gehört die Transparenz, mit welcher die einzelnen Länder ihre nationalen Reduktionziele bekanntgeben. Diese müssen nachvollziehbar, quantifizierbar und vorbehaltlos sein. Wir sind der Ansicht, dass jedes Land alleine handeln soll, zumindest teilweise."

Ein weiterer wichtiger Punkt für die Schweizer Delegation sind die Regeln der Marktmechanismen. Diese ermöglichen es, Emissionen in einem grösseren Rahmen zu reduzieren und gewährleisten eine globale Verminderung der Emissionen. "Wichtig ist zu verhindern, dass eine Reduktion doppelt gezählt wird, das heisst sowohl im Empfängerland wie auch im geldgebenden Staat", unterstreicht der Schweizer Unterhändler.

100 Milliarden fürs Klima

In Marrakesch wird auch die Klima-Finanzierung und insbesondere die "Roadmap 100 Milliarden" zur Sprache kommen, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgearbeitet wurde, in Zusammenarbeit u.a. mit der Schweiz. Der Fahrplan, der Mitte Oktober präsentiert wurde, soll aufzeigen, wie die Industriestaaten ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar aufbringen wollen (öffentliche und private Gelder) zur Unterstützung der Entwicklungsländer.

"Wir sind auf dem richtigen Weg. In den vergangenen Jahren haben die Beiträge massiv zugenommen. Gemäss der OECD wurden bereits 67 Milliarden an öffentlichen Geldern gesprochen", sagt Perrez. Die Schweiz werde darauf bestehen, dass der Mobilisierung von Mitteln aus der Privatwirtschaft besondere Aufmerksamkeit geschenkt werde, so der Experte.

Die Entwicklungsländer sind wenig begeistert von dieser Roadmap, weil sie keine klaren quantitativen Ziele vorsehe, erklärt der Schweizer Unterhändler. "Solche Ziele festzulegen ist jedoch unmöglich, da es zu viele Unsicherheitsfaktoren gibt. Ich denke dabei etwa an die Schwankungen am Devisenmarkt oder an die wirtschaftliche Entwicklung."

Mehr Gelder zur Anpassung an den Klimawandel

Die Arbeitsgemeinschaft Alliance Sud, ein Zusammenschluss von sechs Schweizer Hilfswerken, begrüsst zwar, dass die Regierung vor allem solide und wirksame Regeln zur Umsetzung des Pariser Abkommens fördern will. Sie wirft der Eidgenossenschaft jedoch vor, nicht genug für die Entwicklungsländer zu tun. "Die Klima-Finanzierung ist eine grosse Lücke", betont Jürg Staudenmann, Klimaexperte bei Alliance Sud, gegenüber swissinfo.ch.

Die von der OECD-Roadmap vorgesehenen Mittel seien vor allem für die Linderung des Klimawandels vorgesehen, also für die Reduktion von Emissionen, erklärt Staudenmann. "Die Gelder für Adaptions-Massnahmen sind jedoch beschränkt."

Wenn es aber um die Realisierung von Schutzdämmen gehe, um verbesserten Zugang zu Trinkwasser oder um Migrationsfragen, sei es unmöglich, private Mittel aufzutreiben. Denn solche Investitionen würden keinen Profit ergeben, sagt Staudenmann. "Aus diesem Grund muss sich die Schweiz darum bemühen, zusätzliche öffentliche Mittel zu beschaffen. Es gibt zahlreiche Finanzierungsmöglichkeiten, zum Bespiel mit einer Flugverkehrssteuer oder einer weltweiten C02-Steuer."

Der Alliance-Sud-Mitarbeiter erinnert daran, in Paris sei beschlossen worden, dass auch die Entwicklungsländer ihren Beitrag im Kampf gegen die Klimaerwärmung leisten müssten. "Ohne Hilfe werden sie dies nicht machen. Deshalb ist es von grösster Bedeutung, dass in Marrakesch klar definiert wird, woher die Gelder kommen. Sonst wird die Umsetzung des Abkommens von Paris auf irgendwann vertagt."

Tun die Industriestaaten genug, um die ärmeren Länder beim Umgang mit der Klimaveränderung zu unterstützen? Ihre Meinung interessiert uns!

Bericht des Forums ProClim zu den Folgen des Klimawandels in der Schweiz

In der Schweiz ist der Klimawandel deutlich zu spüren: Seit 1850 stieg die Jahresdurchschnittstemperatur hierzulande um 1,8 Grad Celsius - rund doppelt so viel wie im globalen Mittel (etwa 0,85 Grad). Die Folgen zeichnen sich bereits ab: Die Gletscher schwinden, die Schneefallgrenze steigt, es kommt häufiger zu extremen Wetterereignissen wie Hitzewellen, Starkniederschlägen und Hochwassern. 

Mit dem Klimaabkommen von Paris hat sich die Staatengemeinschaft geeinigt, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Dafür müssen die Treibhausgasemissionen in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts global auf Netto Null gesenkt werden. 

Was das Verfehlen des Zwei-Grad-Ziels für die Schweiz bedeutet und wie man mit bisherigen und künftigen Auswirkungen des Klimawandels besser umgehen könnte, haben die ProClim-Experten mit Unterstützung des Bundesamts für Umwelt BAFU und des Beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung OcCC erarbeitet.

Zum Beispiel, wie die Städteplanung sich auf künftig vermehrte Hitzewellen einstellen kann, um Wärmeinseln in Städten zu mildern. Die Hitzewelle im Sommer 2003 führte Schätzungen zufolge zu rund 1000 vorzeitigen Todesfällen in der Schweiz.

Mit solchen extremen Wetterereignissen ist im Zuge des Klimawandels häufiger zu rechnen. Durch das Schmelzen des Permafrosts kommt es zu mehr Steinschlägen und Erdrutschen. Mit dem Rückgang der Gletscher geht zudem ein wichtiger Wasserspeicher zunehmend verloren, was Alternativen nötig macht, um die zunehmende sommerliche Trockenheit zu überbrücken.

Besonders hart wird es den Tourismus treffen: Bis Ende des Jahrhunderts werde sich die Schneesaison um vier bis acht Wochen verkürzen und die Schneefallgrenze um 500 bis 700 Meter höher liegen als heute, erklärte Klimaforscher Reto Knutti von der ETH Zürich in einem Interview mit der "NZZ am Sonntag". Der Mitautor des ProClim-Berichts prognostiziert schwierige Zeiten für viele Skigebiete in mittleren Lagen, beispielsweise im Berner Oberland.

Aber auch die Landwirtschaft wird sich auf grosse Herausforderungen einstellen müssen. Neben der Wasserknappheit werden Pflanzenkrankheiten zum Problem. Schädlinge können sich wegen der wärmeren Temperaturen länger vermehren und stärker ausbreiten. Der Anbau von Winterweizen und Kartoffeln wird durch die Erwärmung erschwert.

Die Schweiz und der Klimawandel

Die Schweiz ist für rund 0,1% des weltweiten Treibhausgas-Ausstosses verantwortlich. Bis 2030 will sie ihre Emissionen um mindestens 50% gegenüber 1990 senken. Für 2050 ist eine Reduktion von 70 – 85% geplant.

Laut dem Bundesrat sollen die Reduktionen grösstenteils im Inland verwirklicht werden. Zu den Instrumenten der Schweizer Klimapolitik gehören die C02-Abgabe auf fossilen Brennstoffen, der Emissionshandel und Sanierungen im Gebäudesektor.

Die Reduktionsziele, wie sie im Pariser Abkommen vorgesehen sind, müssen noch vom Schweizer Parlament verabschiedet werden, voraussichtlich im Jahr 2017.

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