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Standpunkt


Gelebte Solidarität durch kulturelles Engagement


Von Josef Felix Müller, Zentralpräsident visarte.schweiz


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"visarte.schweiz" setzt sich seit 150 Jahren für die gesellschaftliche Anerkennung der Kunst ein. Im Jubiläumsjahr durchquert der grösste Berufsverband im Kultursektor die Schweiz, um auf die Probleme der Kunstschaffenden aufmerksam zu machen.

Von Josef Felix Müller, Zentralpräsident visarte.schweiz

Unsere Organisation wurde offiziell am 1. Mai 1866 in Genf als GSMB, Gesellschaft Schweizer Maler und Bildhauer, gegründet. Die Gründerväter waren der Schriftsteller und Maler Gottfried Keller sowie die Maler Franc Buchser und Rudolf Koller. Zusammen mit vielen Künstlerfreunden setzten sie sich ein für mehr Ausstellungsmöglichkeiten, für zwei Sitze in der eidgenössischen Kunstkommission, für mehr Aufträge und Ankäufe durch den Staat und die gesellschaftliche Anerkennung der Kunst.

Seit 1906 können auch Architektinnen und Architekten Mitglieder werden. Die Organisation wurde zur GSMBA, der Gesellschaft Schweizer Maler Bildhauer und Architekten, erweitert. Diese Erweiterung war und ist immer noch sehr wichtig, um die Kunst am Bau zu fördern. In diesem Bereich sind wir sehr aktiv und konnten 2015, als Auftakt zu unseren Jubiläumsaktivitäten, das erste Mal den PRIX VISARTE für aussergewöhnliche Werke vergeben, die als Kunst am Bau realisiert worden sind.

Wir sind mit rund 2500 aktiven Mitgliedern und 500 Gönnermitgliedern der grösste Berufsverband im Kultursektor. visarte.schweiz besteht aus 18 Gruppen, die alle als eigenständige Vereine organisiert sind. Wir sind in allen Landesteilen und in Liechtenstein vertreten. Das hat den grossen Vorteil, dass unsere regionalen Gruppen vor Ort die Kontakte mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Sammlern, Politikerinnen und Politikern, mit den Kulturämtern und Kulturstiftungen pflegen können.

Der Kontakt zu den verschiedenen Gruppen ist dem Zentralvorstand sehr wichtig. Darum fahren wir in unserem Jubiläumsjahr mit einem Piaggio mit Informationsmaterial durch die ganze Schweiz. Dabei werden Gespräche und Interviews geführt, um die aktuellen Problemstellungen von Künstlerinnen und Künstlern zu dokumentieren.

Ich werde immer wieder gefragt, wofür es überhaupt einen Berufsverband für visuelle Kunst braucht. Wenn wir die geschichtliche Entwicklung im Kunstbetrieb anschauen, zeigt sich, dass die Künstler schon immer für ihre Anliegen kämpfen mussten. 1806 wurde die Gesellschaft Schweizerischer Künstler und Kunstfreunde gegründet.

Das ist der heutige Schweizer Kunstverein. In den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Künstler aber immer unzufriedener mit der Arbeit des Kunstvereins und wollten sich selber und effizienter in die Kulturpolitik einbringen. Das führte dann zur Abspaltung und zur Gründung eines Berufsverbands für Künstler.

Angst vor "Frauenmundfertigkeit"

Einen Schwachpunkt gibt es in der Geschichte unseres Berufsverbands: Künstlerinnen konnten erst nach der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz Aktivmitglieder werden. Unser berühmtester Präsident, der Maler Ferdinand Hodler, wehrte sich um 1910 standhaft dagegen, Frauen in die GSMBA aufzunehmen. Die Männer hatten damals Angst vor der "Frauenmundfertigkeit in den Versammlungen".

Frauenmundfertigkeit ist ein aussergewöhnliches Wort, aber es wurde so protokolliert und drückt die damalige Angst der Künstler vor den gebildeten und taffen Künstlerinnen aus. Ferdinand Hodler willigte dann auf das Betreiben der Kunstmaler Hans Emmenegger und Cuno Amiet ein, so dass Frauen Passivmitglieder ohne Stimm- und Wahlrecht werden konnten. Das ermöglichte den Künstlerinnen immerhin die Teilnahme an wichtigen schweizerischen Grossausstellungen.

Das Berufsbild der Künstler und Künstlerinnen hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verändert. Die fortschreitende Digitalisierung, neue Medien, neue Kunstformen, das Internet und immer schnellere Kommunikationsmöglichkeiten sind Zeichen dieser einschneidenden Veränderungen. Die GSMBA wurde aus diesen Überlegungen heraus 2001 umbenannt in visarte – Berufsverband visuelle Kunst Schweiz. Seit 2016 können neu auch freie Kuratorinnen und Kuratoren in die visarte Sektionen eintreten.

Es tut sich sehr viel in unserem Berufsverband, und ich komme noch einmal auf die Frage zurück, wofür es uns braucht. Die Anliegen der Gründerväter haben auch heute noch Gültigkeit. Dazu gehören das Fördern von Solidarität unter Kunstschaffenden, das Optimieren der Arbeitsbedingungen, das Vermitteln von künstlerischen Anliegen, der Kampf für mehr soziale Sicherheit, der kontinuierliche Einsatz für kulturpolitische Anliegen in unserer Gesellschaft, der internationale Austausch und die Vernetzung aller Kultursparten.

Kunstschaffende sind selten auf Rosen gebettet

Ein zentrales Anliegen ist für uns auch die Wahrung der Urheberrechte von Kunstschaffenden. Zu diesen Rechten gehört das Folgerecht, das Künstlerinnen und Künstlern einen Anteil vom Verkaufserlös beim Wiederverkauf von Werken im Kunsthandel sichert. Die teilweise in absurde Höhen gekletterten Preise von Kunst lässt viele Menschen glauben, dass die meisten Künstler Multimillionäre seien.

Dem ist aber überhaupt nicht so. Viele Künstlerinnen und Künstler leben in prekären finanziellen Situationen und müssen sich mit vielen kleinen Jobs über die Runden bringen. Da sind wir wieder bei der sozialen Sicherheit. Nach neuen Studien haben alle Menschen, die in Teilpensen arbeiten, ganz miserable Renten, und dazu gehören auch viele Kunstschaffende.

Vor 150 Jahren wurde der Berufsverband visuelle Kunst gegründet. Dieses Jubiläum feiern wir mit Freude und grossem Respekt für alle, die an diesem Projekt mitgearbeitet haben. Ausgehend von einem kleinen Kreis visionär denkender Schweizer Künstler hat sich in den letzten 150 Jahren der grösste Berufsverband im kulturellen Bereich kontinuierlich weiterentwickelt. Darauf sind wir stolz.

Mit dem Fest ein Zeichen setzen

Mit diesem Fest feiern wir eine gelebte Kultur der Solidarität. Kunst machen heisst, aus einer ganz persönlichen Sicht heraus sich selbst und die gesellschaftlichen Realitäten immer wieder erforschen und reflektieren. Wir Künstlerinnen und Künstler sind Menschen mit den Fähigkeiten, Probleme und Fragestellungen der Gesellschaft durch unsere Arbeit sichtbar zu machen, zu klären und umzuformen. Kunst und Kultur beinhalten konzentrierte menschliche Energie mit einem grossen Potential für eine positive Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

Wir feiern am 19. November 2016 die wunderbare menschliche Fähigkeit des persönlichen Ausdrucks. Das Fest feiern wir in den neuen Räumen der HSLU, der Luzerner Hochschule für Design und Kunst in Viscosistadt Emmenbrücke.

Damit setzen wir ein Zeichen, dass sich visarte.schweiz und viele unserer Mitglieder in der ganzen Schweiz für qualitativ hochstehende Ausbildungen im künstlerischen Bereich engagieren. Wir brauchen in der Zukunft noch viel mehr kreativ tätige Menschen in allen Sparten, um die vielfältigen und komplexen Probleme unserer Gesellschaft durch eine gelebte Kultur der Vielfalt und der Unterschiedlichkeit aushaltbar zu machen.

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