Wachsender Riese Schweiz wird immer abhängiger von Pharmaindustrie


Von
Samuel Jaberg (Text) & Duc-Quang Nguyen (Grafiken)


2015 hat die Schweiz in Kolumbien interveniert, um das Antikrebsmedikament Glivec von Novartis zu schützen – ein Beispiel für eine über die Landesgrenze hinausgehende Unterstützung der Pharma-Unternehmen durch die Regierung.

2015 hat die Schweiz in Kolumbien interveniert, um das Antikrebsmedikament Glivec von Novartis zu schützen – ein Beispiel für eine über die Landesgrenze hinausgehende Unterstützung der Pharma-Unternehmen durch die Regierung.

(Keystone)

Die Bedeutung der Pharmaindustrie für die Schweizer Wirtschaft ist unbestritten, 2016 verzeichnete die Branche einen neuen Export-Rekord. Allerdings geht das Wachstum vor allem auf den Preisanstieg einiger Medikamente zurück. Das sorgt bei der Schweizer NGO Public Eye für Kritik.

Während die Uhren- und die Maschinenindustrie sowie die Tourismusbranche mit Sorgenfalten kämpfen, bleibt die Pharmaindustrie vom starken Franken und den Turbulenzen der Weltwirtschaft verschont. Doch damit nicht genug: In einem Umfeld langsameren Wachstums gelang den 250 Unternehmen dieser Branche im vergangenen Jahr erneut ein neuer Rekordexterner Link. Die Pharmaindustrie exportierte für mehr als 80 Milliarden Franken Produkte. Das entspricht einem Anstieg von fast 15 Prozent in einem Jahr.

Die Pharmaindustrie allein macht nun fast 40 Prozent des Werts aller Schweizer Exporte aus. Zählt man die Chemie dazu geht fast einer von zwei im Ausland verdienten Schweizer Franken auf das Konto dieser Branche, die seit fast 150 Jahren im Land präsent ist. Dieses noch nie dagewesene Verhältnis zeigt die Abhängigkeit der Schweiz von den multinationalen Pharmaunternehmen wie Novartis, Roche oder Merck Serono, die zahlreiche industrielle Aktivitäten und Arbeitsplätze sicherstellen.

So arbeiten heute mehr als 40'000 Personen in der Schweiz für die Pharmaindustrie. Zählt man auch indirekt mit der Branche verbundene Arbeitsplätze dazu, steigt die Zahl gar auf 180'000 Personen, wie eine Studieexterner Link des Instituts für Wirtschaftsforschung, BAKBASEL, zeigt. Die Entwicklung der Branche ist spektakulär: Ende der 1990er-Jahre trug sie zwei Prozent zum Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz bei, heute sind es fast vier Prozent.

Dieses Wachstum hat verschiedene Gründe: Die Nachfrage nach Medikamenten in Schwellenländern wächst ohne Ende, die Bevölkerung wird immer älter, chronische Krankheiten nehmen zu und die Preise bestimmter Medikamente explodieren. Die Zahlen, die swissinfo.ch von der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) erhalten hat, zeigen, dass der reale Anstieg der Exporte aus Chemie- und Pharmaindustrie zwischen 2015 und 2016 nur 1,8 Prozent betrug. Der Export-Boom dieser Branche erklärt sich vor allem durch einen durchschnittlichen Preisanstieg von 9,5 Prozent.

"Die Schweiz ist sowohl Geisel als auch Komplizin ihrer Pharmaindustrie."

Patrick Durisch, Public Eye

In den Augen vieler Akteure des öffentlichen Gesundheitswesens ist das sehr problematisch. "Der Preisanstieg der Medikamente ist nicht mehr nur für Schwellen- und Entwicklungsländer ein Problem", sagt Patrick Durisch, Experte für Gesundheitsfragen bei der Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO) Public Eyeexterner Link. "Auch in Europa und in der Schweiz müssen einige Patienten auf eine Behandlung verzichten, weil sie zu teuer sind. Diese Kostenexplosion gefährdet unser Sozial- und Krankenversicherungs-Systeme."

Wegen des wachsenden wirtschaftlichen Gewichts der Branche wagen es die Schweizer Behörden immer weniger einzugreifen, um die Preise von gewissen Medikamenten zu senken, wie Durisch weiter sagt. Auch die immer wieder aufkommende Drohung der Pharmaunternehmen, die Schweiz zu verlassen, spiele hierbei eine Rolle. "Die Schweiz ist sowohl Geisel als auch Komplizin ihrer Pharmaindustrie." Die Intervention des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) beim kolumbianischen Gesundheitsministerium sei ein Beispiel dafür: 2015 versuchten SECO-Vertreter zu verhindern, dass Kolumbien für das Antikrebsmedikament Glivec von Novartis eine sogenannte Zwangslizenz erteilt. Diese erlaubt trotz eines bestehenden Patents die Vermarktung von Generika.

Die Pharmaindustrie verteidigt die hohen Medikamentenpreise – manchmal bis zu mehreren zehntausend Dollar für eine Behandlung – mit steigenden Forschungskosten, mit Fristen und mit immer länger andauernden Prozessen, bis ein neues Medikament auf den Markt gebracht werden kann. Auch argumentiert sie mit einem stark wachsenden Markt an Generika.

SRF (Tagesschau vom 01.02.2017)

Regierung will Preiskontrolle wieder aufnehmen

Die Schweizer Regierung hat am Mittwoch neue Regelnexterner Link genehmigt, die es erlauben, den Preis von Medikamenten zu kontrollieren, die von der Krankenkasse zurückerstattet werden. Zwischen 2012 und 2014 hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) für 1500 Produkte, die von der obligatorischen Krankenversicherung zurückerstattet werden, eine Preisreduktion angeordnet. 600 Millionen Franken konnten so gespart werden. Für die kommenden drei Jahre plant die Schweizer Regierung Einsparungen in der Höhe von 240 Millionen Franken – deutlich weniger also, doch können so Konflikte mit der Pharmaindustrie möglicherweise verhindert werden.

Letztere hatte nämlich erfolgreich gegen die Methode der Behörden protestiert und die regelmässige Überprüfung der Medikamentenpreise wurde in der Folge ausgesetzt. In Zukunft soll die Überprüfung nicht mehr nur auf einem Vergleich der Medikamentenpreise im Ausland basieren. Vielmehr soll auch das Kosten-Gewinn-Verhältnis der Medikamente berücksichtigt werden.


(Übertragung aus dem Französischen: Kathrin Ammann)

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