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Zweitwohnungsbau im Berggebiet


(Un)erwünschte Stille auf der Alp


Von Peter Siegenthaler, Lauchernalp


Modernes, komfortables Chalet an schönster Lage und trotzdem nur selten bewohnt. (swissinfo.ch)

Modernes, komfortables Chalet an schönster Lage und trotzdem nur selten bewohnt.

(swissinfo.ch)

Die Volksinitiative "gegen den uferlosen Bau von Zweitwohnungen" hat dem Baugewerbe in Tourismusregionen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Entsprechend schlecht ist die Stimmung. Aber das Wirtschaftsmodell "Zweitwohnungen" überzeugt nicht alle. Ein Augenschein auf der Lauchernalp.

Im Winter ist die Alp auf fast 2000 Metern über dem Walliser Lötschental nur mit der Seilbahn oder zu Fuss erreichbar. Für den Privatverkehr ist die schmale Bergstrasse auch im Sommer gesperrt. Gäste brauchen eine Bewilligung der Gemeinde, um mit dem eigenen Auto zum Ferienhaus hinauf zu fahren.

An diesem sonnigen Werktag Ende Juni regt sich wenig auf der Alp. Ein Lastwagen verlässt eine Baustelle talwärts. Auch zwei Elektriker kehren dem Arbeitsplatz den Rücken zu. Eiligen Schrittes stapfen sie dem Geschäftsauto zu, weil sie keine Zeit haben (wollen), die Fragen des Reporters zu beantworten.

Anders als in den Jahren zuvor, als im Frühsommer bereits auf fünf oder sechs Baustellen gearbeitet wurde, steht heuer ein einziger Kran auf der Alp.

Ob sich der Bundesgerichtsentscheid schon bemerkbar macht? Die Richter in Lausanne hatten im Mai entschieden, dass die neue Verfassungsbestimmung "Schluss mit dem uferlosen Bau von Zweitwohnungen", welche das Schweizer Stimmvolk im März 2012 angenommen hatte, sofort zur Anwendung kommt. Betroffen von der Bestimmung sind Tourismusregionen mit mehr als 20 Prozent Zweitwohnungen.

Eine davon ist die zur Lötschentaler Gemeinde Wiler gehörende Lauchernalp. Wo vor 50 Jahren ein paar Ställe und Speicher den Hirten und ihrem Vieh Unterschlupf boten, stehen heute über die ganze Alp zerstreut rund 200 Chalets, eine Ferienwohnungsanlage, ein Hotel, zwei, drei Restaurants und die Anlagen der Bergbahnen.

"Wie bei der Brandkatastrophe"

Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Hans-Jakob Rieder, Gemeindepräsident und Inhaber eines Geschäfts für Heizungen, Sanitäranlagen und Bedachungen, vergleicht den politisch motivierten Baustopp auf der Alp mit der schweren Brandkatastrophe im Juni 1900, als grosse Teile des Dorfes Wiler vernichtet wurden und die Betroffenen wieder ganz von vorne anfangen mussten.

Über die konkreten Auswirkungen auf die Wirtschaft im Tal will er aber mit Medien der SRG (Schweizerische Radio und Fernsehgesellschaft) nicht mehr reden. Weil der Moderator einer Fernsehsendung in einem Bericht über das Lötschental "gelogen" habe, sei "die Gemeinde Wiler nicht bereit, für weitere Artikel zur Verfügung zu stehen", hatte er swissinfo.ch schon im Voraus per E-Mail wissen lassen. Und davon lässt er sich auch bei unserem Besuch nicht mehr abbringen.

Gesprächiger gibt sich Namensvetter Beat Rieder. Dass die Bautätigkeit auf der Lauchernalp schon jetzt fast zum Erliegen gekommen ist, führt der Präsident des Talrats – ein Gremium, das sich um gemeindeübergreifende Themen kümmert – auf die Verunsicherung der Bauherren über die Zukunft zurück. "Die Rechtssicherheit in diesem Bereich ist komplett verloren gegangen."

Es gehe um Existenzen, sagt Rieder. "Für gewisse Regionen im Wallis kommt die Initiative Todesstössen gleich. In den nächsten zwei Jahren wird sich zeigen, wie viele Arbeitsplätze im Tal verloren gehen, und ob die lokale Wirtschaft weiterbestehen kann." Die Zweitwohnungen und die Sportbahnen auf der Lauchernalp bezeichnet er als Wirtschaftsmotor der Region.

Das Tal lebt von einem Wintertourismus während weniger Wochen, der sich fast ausschliesslich auf diese Alp konzentriert. 90 Prozent der gesamten Landschaft ist geschützt – "zugunsten der gesamten Schweizer Bevölkerung, die aber nicht davon leben muss", betont Rieder.

"Das Bauland auf der Lauchernalp gehört weder der UBS noch der Credit Suisse, auch nicht einem Multimillionär in Zug, Zürich oder Genf", sagt der Lötschentaler Talratspräsident. "Es gehört fast ausschliesslich einheimischen Familien, die mit ihrem Boden haushälterisch umgehen." Rieder weiss, dass einige Leute im Tal nicht nur enttäuscht, sondern wütend sind.

Kalte und warme Betten im Lötschental

In den 11 Hotels, 175 Ferienwohnungen, 1 Ferienresort und 15 Berghäusern oder Gruppenunterkünften des Walliser Lötschentals stehen insgesamt 2220 sogenannt "warme Betten" zur Verfügung. 784 davon befinden sich auf der Lauchernalp.

Von den rund 200 Chalets auf der Alp sind 75 als Ferienwohnungen registriert. Über die Anzahl "kalter" Betten jener Ferienwohnungen, die nicht vermietet werden, will oder kann die Gemeinde nicht Auskunft geben.

Beim Kanton Wallis sind nach der Annahme der "Volksinitiative gegen den uferlosen Bau von Zweitwohnungen" 50 Beschwerden eingegangen, die Baubewilligungen in der Gemeinde Wiler betreffen. Eingereicht wurden sie von Helvetia Nostra, der Stiftung des Umweltschützers Franz Weber, welche die Initiative lanciert hatte.

(Quellen: Lötschental Tourismus, Dienststelle für Gemeindeangelegenheiten des Kantons Wallis)

Überdimensionierte Infrastruktur

Das Wirtschaftsmodell "Zweitwohnungen" hat aber auch im Berggebiet nicht nur Befürworter. Im Lötschental, wo neun von zehn Stimmberechtigten gegen die Initiative waren, äussern sich vor allem einige Gäste kritisch, sagt Karl Meyer, der von Geburt auf im Lötschental lebt. Der Präsident der Interessengemeinschaft Lauchernalp ist Inhaber einer Immobilienagentur und Besitzer eines Chalets auf der Alp.

Chalets, die nicht vermietet werden, generieren, wenn sie einmal gebaut sind, nur noch wenig Einnahmen. "Die Inhaber haben, wenn es gut geht, ein Saisonabonnement für die Bergbahnen und konsumieren ab und zu Frischprodukte aus der Region. Konserven und Tiefkühlprodukte von Aldi bringen sie selber mit", sagt Meyer. "Manche kommen nur ein, zwei Wochen pro Jahr und ausgerechnet an Weihnachten, in der Hochsaison."

Deshalb gibt es auf der Alp eine Infrastruktur, die – abgesehen von wenigen Tagen im Jahr – stark überdimensioniert ist. "Allein schon die Wasserversorgung ist – in einer Zeit, in der man auch für die Beschneiung der Pisten viel Wasser benötigt – für die Gemeinde ein Riesenaufwand. Aber auch der Bau und Unterhalt von Abwasserreinigungsanlagen, Stromversorgung, Strassen, Wegen und Parkplätzen."

"Wenig Ertrag"

Das Wirtschaftsmodell "Zweitwohnungen" generiere wenig ökonomische Erträge, sagt Christophe Clivaz, Professor am Universitätsinstitut Kurt Bösch in Sion, gegenüber swissinfo.ch, aber immer mehr Kosten für die Allgemeinheit für den Bau und Unterhalt der Strom- und Wasserversorgung, der Entsorgung, des Strassennetzes usw. "Es gibt Regionen im Wallis, wo die Umsatzzahlen des Baugewerbes bereits höher sind als jene des Tourismus."

Studien hätten gezeigt, dass das Wirtschaftspotential von Zweitwohnungen für den Tourismus bescheiden sei.

Die mehr als 40'000 Gästebetten in der bekannten Tourismusdestination Crans-Montana zum Beispiel bringen den Bergbahnen nur rund 20 Mio Franken Umsatz. Fast 2000 Wohnungen blieben das ganze Jahr über leer, habe eine Studie ergeben.

Die Initiative gegen den Zweitwohnungsbau sei nicht ein Schock für den Tourismus, sondern für gewisse Unternehmen der Bau- und Immobilienbranche.

Ein grosses Potential ortet Clivaz für das Gewerbe in den Bereichen Renovation, Komfortausbau und Energieeffizienz. Er schlägt vor, finanzielle Anreize für Renovationen zu schaffen unter der Bedingung, dass die Wohnungen während einer Mindestdauer vermietet werden.

"Bei rund 70'000 Zweitwohnungen im Wallis würden bereits 10% mehr warme Betten fast dem gesamten Angebot der Hotellerie entsprechen."

Menschenleere Häuser 

Die gegenwärtige Stille im Feriendorf liegt nicht nur an der erlahmten Bautätigkeit, sondern auch an den mangelnden Gästen. Viele Eigentümer wollen ihre Chalets nicht vermieten. Hunderte kalter Betten hier und in zahlreichen anderen Tourismusregionen hatten in den letzten Jahren den Unmut über einen masslosen Zweitwohnungsbau ausgelöst und den Anstoss zur Volksinitiative gegeben.

Zu den wenigen Menschenseelen gehören Schneiders aus dem zürcherischen Uster, deren Chalet auf einer Krete über dem Bachbett am Rand der Siedlung steht. Sie verbringen ihre Ferienzeit seit 45 Jahren auf der Lauchernalp, "im Sommer manchmal bis zu drei Monate". Schneiders gehörten hier zu den ersten "Üsserschwyzern", wie die Walliser die Bewohner der andern 25 Kantone zu nennen pflegen.

Das Rentnerpaar schätzt den Ausbau der Infrastruktur im Feriendorf, ohne den das Leben für die betagten Gäste zu beschwerlich geworden wäre. Schneiders loben auch die Raumplanung und den Landschaftsschutz der Gemeinden.

Die Eigentümerin des Chalets Birchli ist aus der Ostschweiz angereist, um das Gras rund ums grosszügige Ferienhaus zu mähen. Nein, zu mieten sei es nicht. Sie nutze es ausschliesslich selber, im Durchschnitt einmal pro Monat während ein paar Tagen.

"Eigentlich" habe sie vor einem Jahr ein Nein in die Urne gelegt, sagt sie nach kurzem Zögern auf die Frage nach ihrer Meinung zur Zweitwohnungsinitiative – obwohl es auf der Bauparzelle vor ihrem Grundstück durchaus noch Platz für ein weiteres Chalet hätte, das ihr zwar nicht vor der Sonne stehen, aber ein bisschen Aussicht nehmen könnte. "Man kann doch nicht ein eigenes Häuschen erwerben und für einen Baustopp weiterer Zweitwohnungen stimmen."

Gesetzesentwurf der Regierung

Im Gesetzesentwurf zur Umsetzung der Initiative "gegen den uferlosen Bau von Zweitwohnungen" kommt die Regierung den Bergkantonen entgegen: Sie schlägt diverse Ausnahmen vor, um den Bau von Zweitwohnungen auch in Gemeinden zu ermöglichen, welche die 20%-Grenze (Verhältnis zu Erstwohnungen) bereits erreicht haben.

Touristisch bewirtschaftete Wohnungen mit sogenannt warmen Betten sollen weiterhin gebaut werden dürfen. Sie könnten im Rahmen eines "strukturierten Beherbergungsbetriebs", ähnlich einem Hotelbetriebs-Konzept, erstellt werden. Diese Wohnungen dürften ausschliesslich für die kurzzeitige Beherbergung von Gästen, nicht aber für Dauervermietungen genutzt werden.

Vorstellbar wäre für die Regierung auch der Bau von einzelnen Zweitwohnungen im Stockwerkeigentum. Diese müssten aber auf einer international ausgerichteten, kommerziellen Vertriebsplattform zur Vermietung angeboten werden.

Ortsansässigen soll drittens erlaubt werden, beim Neubau einer Wohnung zur eigenen Nutzung im gleichen Gebäude Zweitwohnungen zu erstellen, um damit ein Einkommen zu erzielen.

Während die Gebirgskantone den Vorschlag des Bundesrats grundsätzlich begrüssten, zeigten sich die Initianten enttäuscht: "Der Gesetzesentwurf ist wie eine Sperre, die aber so viel Löcher enthält, dass sie gar nicht halten kann", sagte Vera Weber, Tochter des Umweltschützers Franz Weber.

(Quelle: sda)

"Es reicht!"

Diese Meinung teilen nicht alle Chalet-Besitzer. Herr und Frau Hafner aus Münsingen im Kanton Bern, die sich nach der Gartenarbeit auf dem Balkon ihres Ferienhauses erholen, die Sonne und die Aussicht aufs fast 4000 Meter hohe Bietschhorn im Unesco-Weltnaturerbe zu geniessen scheinen, hatten die Zweitwohnungsinitiative im März 2012 angenommen. "Weil es jetzt reicht", begründen sie ihren Abstimmungsentscheid.

Das Ehepaar bewohnt das Chalet mit seinen Kindern und Grosskindern vier bis sechs Monate im Jahr. Als die Familie das Ferienhaus vor fast 30 Jahren erwarb, "gab es weder Strom noch asphaltierte Strassen" und kaum ein Dutzend Nachbarn, sagen Hafners mit etwas Wehmut. In den Jahren danach schossen die Zweitwohnungen aber wie Pilze aus dem Boden. "Heute ist es ein Dorf , das ausserhalb der Wintersaison oft wie ausgestorben ist."

swissinfo.ch

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