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World Economic Forum 2016


In Davos steht die 4. Industrierevolution zur Debatte




"Bedienung!" Roboter können das Leben vereinfachen, aber sie vernichten auch Arbeitsplätze. (Reuters)

"Bedienung!" Roboter können das Leben vereinfachen, aber sie vernichten auch Arbeitsplätze.

(Reuters)

Intelligente Roboter, Drohnen, 3D-Drucker, führerlose Fahrzeuge, Datenberge, ausgeklügelte Fertigungsstrassen, Finetech – die vierte industrielle Revolution hat begonnen. Das World Economic Forum (WEF) in Davos will dieses Jahr Potential, Grenzen und gesellschaftliche Auswirkungen der "Industrie 4.0" ausloten.

Wird der Wandel des Werkplatzes die Schaffung neuer Stellen oder Stellenabbau zur Folge haben? Wird sich die Schere zwischen industrialisierten und sich entwickelnden Volkswirtschaften, zwischen Arm und Reich, schliessen oder öffnen? Und, für Schweizer Firmen: Kann die neue technologische Revolution den Druck des starken Frankens mildern?

Vor dem jährlichen Treffen in Davos ruft WEF-Gründer Klaus Schwab die Vertreter der führenden Wirtschaftsnationen auf, ihre Politik zu überprüfen, um den bevorstehenden Veränderungen Rechnung zu tragen. "Wir sind auf die vierte Industrierevolution, die wie ein Tsunami über uns kommen und das ganze System verändern wird, noch nicht genügend vorbereitet", warnt er.

"Wenn wir uns nicht darauf vorbereiten, entsteht eine Welt, von der insbesondere die Mittelschicht ausgeschlossen wird, befürchte ich. Dies würde zu einem neuen Ausgrenzungsproblem führen, das wir unbedingt vermeiden müssen."

Auch die Schweiz setzt sich mit dem Potential und möglichen Fallstricken der "Industie 4.0" auseinander, die als grösste Herausforderung für die Wirtschaft und Gesellschaft seit der Geburt des Internets gilt.

Chance für die Schweiz

Auf den ersten Blick ist "Industrie 4.0" das perfekte Stärkungsmittel für die Schweizer Exportindustrie, die derzeit vom starken Franken geplagt wird, oder für die Banken, die mit regulatorischen Veränderungen konfrontiert sind. Intelligente Produktionslinien und digitale Vermögensverwaltungs-Plattformen scheinen eine bessere Antwort zu sein als Firmenschliessungen oder Arbeitsplatz-Verlagerungen nach Osteuropa.

Die Schwierigkeit besteht wie immer darin, Wege zu finden, wie sich die Träume in die Wirklichkeit umsetzen liessen, vor allem für kleinere Firmen. "Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) haben beschränkte Ressourcen", sagte Swissmecanic-Direktor Oliver Müller kürzlich an einer Tagung zum Thema "Industrie 4.0" in Zürich. "Sie haben viel Knowhow bezüglich ihrer aktuellen Verfahrenstechniken, aber es ist nicht immer leicht, aus der komfortablen Zone hinaus in einen unvertrauten Bereich zu treten."

Die unermessliche Auswahl neuer Technologien könnte auch auf Firmen zurückschlagen, die eine falsche Strategie wählen oder die von den Unmengen Daten schlicht überwältigt werden, wurde an der Konferenz gesagt.

Aber noch ist nicht alles verloren. Laut dem Beratungsunternehmen Roland Berger ist die Schweiz gut positioniert, um einer der europäischen Spitzenreiter der "Industrie 4.0" zu werden. Und dies dank der Spezialisierung vieler Schweizer Firmen auf hochwertige innovative Produkte. In globalen Innovationsstudien nimmt die Schweiz jeweils den Spitzenplatz oder zumindest einen der drei ersten Plätze ein.

Hinzukommt, dass die Schweiz eines von wenigen europäischen Ländern ist, das seine Industrieproduktion (rund 19%, gemessen an der Wertschöpfung der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung) seit der Jahrtausendwende erhalten konnte.

"Wenn Schweizer Firmen das gesamte Potential der 'Industrie 4.0' einfliessen lassen, könnten sie für die Wirtschaft einen zusätzlichen Mehrwert von 15 Mrd. Franken generieren", sagt Sven Siepen, Managing Partner beim Beratungsunternehmen Roland Berger.

Bedrohte Stellen

Aber es liegen einige Bananenschalen auf dem Weg zu "Industrie 4.0". Die Teilnehmer am WEF werden das Thema Datensicherheit zur Sprache bringen, das zum Schreckgespenst der Schweizer Banken geworden ist. Die Davoser Debatte wird auf mögliche Konsequenzen der Herstellung intelligenter Maschinen fokussieren und die Frage aufwerfen: "Was ist, wenn Roboter in den Krieg ziehen?"

Für den Alltag der Menschen liegt die Frage näher, wie die Arbeitsplätze im Zeitalter der intelligenten Roboter und automatisierter Kundendienste aussehen werden.

Zahlreiche Studien sagen den niedrig qualifizierten Arbeitsplätzen in den kommenden Jahrzehnten das Ende voraus. Die Hälfte der aktuellen Stellen könnte der Automatisierung zum Opfer fallen, prognostizierte Deloitte Switzerland letztes Jahr. Zuoberst auf dieser Liste stehen Verwaltungs- und landwirtschaftliche Jobs sowie Sekretariatsarbeiten. Andere Studien gehen davon aus, dass auch Buchhalter und Piloten Grund zur Sorge hätten.

Auch die Gewerkschaft Unia befürchtet das Ende für viele Detaillisten, Fertigungsbetriebe und Pflegeberufe. "Weshalb sollte es Leute brauchen, um bestimmte Produkte herzustellen, wenn ein 3D-Drucker den Job genauso gut ausführen kann", fragte Unia-Präsidentin Vania Alleva an einer Medienkonferenz zum Thema im Dezember. "Die Arbeit, die heute von Menschen ausgeführt wird, übernehmen morgen Netzwerke von Maschinen und Robotern", sagte sie.

Unia ist auch besorgt darüber, dass die Arbeitsplätze zunehmend durch Telearbeit ersetzt oder von selbständig Erwerbenden besetzt werden.

Andere Beobachter weisen allerdings darauf hin, dass – wie während anderen industriellen Revolutionen – auch die Industrie 4.0 Jobs generieren werde. Roboter müssen hergestellt und programmiert und grosse Datenmengen müssen fachkundig analysiert werden, um von Nutzen zu sein.

"Arbeiter, die in der manuellen Montage tätig sind, werden weiterhin durch automatisierte Prozesse ersetzt werden, weil es sich die Schweiz nicht leisten kann, diese Arbeitsabläufe zu erhalten", sagte Sven Siepen. "Aber das ist nichts Neues. Manche Produktionsstätten in Industrieregionen wie Winterthur sind längstens verschwunden. Trotzdem ist das Beschäftigungsvolumen hoch geblieben. Die Arbeitslosenquote in der Schweiz lag Ende 2015 bei 3,3%).

WEF Davos

Die 46. Austragung des World Economic Forum in Davos findet vom 20. bis 23. Januar unter dem Titel statt: "Managing the Fourth Industrial Revolution".

Erwartet werden rund 2500 Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Zivilgesellschaften, Kultur, Religion und Wissenschaft aus aller Welt. Rund 40 Staatschefs, darunter der britische Premierminister David Cameron, US-Vizepräsident Joe Biden, der kanadische Premierminister Justin Trudeau sowie der griechische Regierungschef Alexis Tsipras werden ebenfalls teilnehmen.

Zur Sprache kommen wird – abgesehen vom Thema "Vierte industrielle Revolution", auch die globale Bedrohung der Sicherheit, einschliesslich Terrorismus, sowie Umweltfragen im Anschluss an die Klimakonferenz von Paris im letzten Dezember.

Das WEF wurde 1971 in Davos von Klaus Schwab zunächst unter dem Namen "Europäisches Management Symposium" gegründet. Europäische Führungskräfte sollten dort mit ihren Pendants aus den USA zusammentreffen, um den Austausch zu fördern und Problemlösungen anzustossen.

Seinen heutigen Namen erhielt das Forum bereits 1987, als es den Themenhorizont ausweitete, um eine Plattform für die Lösung internationaler Fragen zu werden.    


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch

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