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Zeugnisse von Gefangenen


Foltergeschichten aus Syrien schockieren Schweizer Schüler


Von Islah Bakhat


170 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kirchenfeld nahmen am Seminar von Amnesty International teil. (swissinfo.ch)

170 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kirchenfeld nahmen am Seminar von Amnesty International teil.

(swissinfo.ch)

Die syrischen Flüchtlinge Amal Nasr und Raneem Ma'touq erzählten Schülerinnen und Schülern eines Berner Gymnasiums von den Haftbedingungen und der Folter in einem damaszenischen Gefängnis, wo die beiden Frauen vor ihrer Flucht nach Deutschland beziehungsweise in die Schweiz inhaftiert waren.

"Wurden Syrer schon immer so unterdrückt, oder hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert?", "Wie viele Syrer werden vom Regime verfolgt?", "Sind die Leute in der Schweiz und Deutschland freundlich zu ihnen?"

Diese Fragen stellten Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Kirchenfeld an einem von Amnesty International organisierten Seminar. Während die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe von Dolmetschern den Schilderungen der Frauen lauschten, zeigte sich auf ihren Gesichtern Grauen und Schock.

Die Frauenrechtlerin Amal Nasr las zu Beginn des Seminars einen Brief vor, den sie von einer 22-jährigen politischen Gefangenen zugeschickt bekommen hatte:

"Mir wurde mit einer Foltertechnik namens 'Fliegender Teppich' der Rücken gebogen. Mein linker Fuss wurde gebrochen. Mein Haar wurde mit einem Messer abgeschnitten. Zigaretten wurden auf meinen Händen ausgedrückt. Ich wurde mit einer Gerte auf Rücken und Hände gepeitscht. Meine linke Hand musste mit 48 Stichen genäht werden. Ich blutete während drei Monaten. Während drei Stunden verlor ich auch mein Augenlicht. Erst danach wurde ich in ein Spital gebracht, wo ich im Intimbereich operiert wurde. Was genau operiert wurde, weiss ich nicht, denn ich bin noch Jungfrau."

Die junge Frau war im Adra-Frauengefängnis in Damaskus inhaftiert, eines der grössten Gefängnisse des Landes. Den Brief hatte sie an Nasr geschickt, weil diese seit den 1990er-Jahren als Frauenaktivistin die Frauenrechte in Syrien verteidigt. Auch Nasr wurde mehrere Male verhaftet.

Traum wird zu Albtraum

Nasr erhielt vor etwas mehr als einem Jahr in der Schweiz Asyl. Sie war aus Syrien geflohen, weil die Sicherheitskräfte sie auch nach der Entlassung aus dem Gefängnis weiter verfolgten. Sie erzählte dem jungen Publikum, dass die meisten Syrerinnen ihre Heimat verliessen, um ihre Kinder vor "Vergewaltigung, Mord, Entführung und Gefangenschaft" zu schützen.

"Ich verliess Syrien illegal und liess meine einzige Tochter in Damaskus zurück, die erst 20 Jahre alt ist", ergänzte sie. Sie kämpfte mit den Tränen, als sie dem Schweizerischen Publikum im Alter ihrer Tochter erzählte, dass ihre Tochter nicht in die Schweiz kommen könne, weil die Schweizerischen Gesetze den Familiennachzug von volljährigen Kindern nicht vorsehen.

Sie erklärte, dass sie beim letzten Mal wegen Beteiligung an einer Friedensinitiative festgenommen wurde. Sie wurde wegen Terrorismus angeklagt und ihr Traum von Frieden verwandelte sich im Adra-Gefängnis in einen Albtraum.

Sie fand sich hinter Gittern wieder, zusammen mit etwa 800 Frauen: "Schwester, Mütter und Töchter von Männern, die zu den Waffen gegriffen hatten, um gegen die Gewalt des Regimes zu kämpfen."

"Es gab auch schon vor der Revolution politische Inhaftierungen, aber die Haft war nach der Revolution beängstigend", sagt sie. "Wir waren 12 Frauen in einer Zelle, die etwa zwei Meter lang und anderthalb Meter breit war. Wir konnten weder schlafen noch sitzen. Es gab 13-jährige Mädchen und 86-jährige Frauen unter uns. Ich werde den Tag nie vergessen, als eine junge Frau die Zelle betrat und die Nummer einer Leiche ausrief: 15'940."

Die junge Frau kannte die Nummer, weil viele Gefangene eine Nummer auf ihrem Rücken hatten, erklärte Raneem Ma'touq, die ebenfalls im Adra-Gefängnis inhaftiert war, wo sie Nasr traf, eine Freundin ihrer Eltern.

Nummern auf dem Rücken

"Ich sah Kinder im Gefängnis mit Nummern auf dem Rücken, und das Schicksal jedes Kindes und jeder Person mit einer Nummer auf dem Rücken war natürlich der Tod unter Folter oder die Exekution. Sie können doch nicht ernsthaft glauben, dass diese Kinder Terroristen waren", sagte Ma'touq, die mit Mutter und Bruder vor etwa einem Jahr in Deutschland Zuflucht fand.

"Etwa 11 Leichen wurden täglich aus dem Gefängnis getragen, aber dies wurde nicht direkt nach dem Todeseintritt getan: Die Leichen lagen für gewöhnlich mehrere Tage bei den Gefangenen, so dass der Geruch nach Freiheit mit dem Geruch des Todes verbunden wurde."

Mit leiser Stimme erklärte sie, wie die Gefangenen häufig an geheimen Orten weggesperrt wurden, so dass keine Informationen nach aussen drangen. Weder über die Gefangenen noch den Ort, wo "die schlimmsten Arten der Folter stattfinden, Frauen vergewaltigt werden und mit Organen der Gefangenen gehandelt wird."

Auf die Frage, weshalb sie festgenommen und ins Adra-Gefängnis gebracht wurde, antwortete die junge Universitätsstudentin: "Ich hatte friedliche Studentendemonstrationen organisiert, die Freiheit und einen Rechtsstaat verlangten. Für das Regime waren unsere Aktivitäten gefährlicher als die bewaffneten Gruppen oder der Terrorismus des so genannten Daesh [Islamischer Staat]. Trotz unserer friedlichen Forderungen wurden wir immer an Terrorismusgerichte überwiesen."

Raneem Ma'touqs Vater Khalil Ma'touq war während mehr als 20 Jahren Anwalt und Menschenrechtsaktivist. Er verschwand im Oktober 2012 mit einem Kollegen auf dem Arbeitsweg in Damaskus. Seither hat die Tochter nichts mehr von ihm gehört. Während einer Befragung erfuhr sie, dass ihr Vater vom syrischen Regime inhaftiert wurde, aber das Regime bestreitet dies.

Wunsch nach Wahrheit

"Repression gibt es in Syrien seit mehr als 40 Jahren", sagte Nasr. Sie nimmt an, dass über 60% der Bürger vom Regime verfolgt werden und mehr als ein Viertel der Bevölkerung als verschwunden gilt.

Was die Freundlichkeit der schweizerischen und deutschen Bevölkerung anbelangt, sagte Raneem Ma'touq: "Die Leute in Europa sind im Allgemeinen sehr schüchtern und zurückhaltend". Ihre Erfahrung in Deutschland habe gezeigt, dass "die Mehrheit der Leute wissen möchte, was in Syrien passiert, weil die Medien nicht immer über die ganze Wahrheit berichten".

Reaktionen der Schülerinnen und Schüler

"Ihre Erzählungen machten mich sehr betroffen", sagte ein Schüler gegenüber swissinfo.ch. "Sie haben viele Informationen über die Lage der weiblichen Gefangenen gegeben, worüber ich nichts wusste. Ich war schockiert über die Benummerung der Gefangenen und darüber, dass sie im Voraus wussten, dass sie getötet würden."

Eine Schülerin war erstaunt darüber, dass 60% der Bürgerinnen und Bürger vom Regime verfolgt werden. "Ich war sehr erstaunt, zu erfahren, dass Familie und Verwandte von Leuten, die für die Demokratie kämpfen, verfolgt werden. Und ich war schockiert, weil unsere Medien diese Seiten des Konflikts verstecken", sagte sie.

Ein Schüler war sehr berührt von Raneem Ma'touqs Bericht, da er selbst ein Flüchtling aus dem Kosovo war. "Solche Seminare geben Leuten ohne Verbindung zu Flüchtlingen oder Ausländern die Möglichkeit, ein realistisches Bild vom Asyl zu bekommen."

Ein anderer Schüler sagte: "Ich bin immer erschüttert bei solchen Berichten über Dinge, die wir hier in Europa nicht kennen. Wir können uns nicht vorstellen, welches Leid diese Menschen erfahren haben. Wir können nur versuchen zu verstehen. Diese Mutter ist hier, aber ihre Tochter ist immer noch in Syrien (…). Wenn wir die Zeitung lesen und fernsehen, bekommen wir nicht das gleiche Bild von Syrien. Wenn wir also solche Berichte hören, ist es so, als ob wir eine neue Wahrheit entdeckten."


Grosses Interesse an den Berichten der syrischen Flüchtlinge

Die Schweizer Sektion von Amnesty International organisierte anlässlich des fünften Jahrestags der Syrischen Revolution im März 2016 eine Tour an Schulen und Universitäten in Lausanne, Basel, Bern, Zürich und Freiburg.

Bei allen Seminaren kamen mehr Teilnehmer als erwartet. Am Gymnasium Kirchenfeld beispielsweise wurden 70 Schülerinnen und Schüler erwartet, schliesslich nahmen aber 170 teil. In Basel mussten die Organisatoren 40 Leute abweisen, weil es nicht genug Platz gab. Insgesamt nahmen über 1'300 Leute an den Seminaren teil.

Mit dieser Tour wollte Amnesty International Flüchtlinge "statt von der Migrationserfahrung von den Gründen, die sie in die Flucht getrieben haben", erzählen lassen, erklärte einer der Organisatoren gegenüber swissinfo.ch.


(Adaptiert aus dem Englischen: Sibilla Bondolfi)

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