Aarauer Demokratietage 2017 Wankende Agora oder wenn das Herz der Demokratie flimmert




Bereits über 30% aller Menschen in der Schweiz informieren sich ausschliesslich via soziale Kanäle und nicht mehr aus professionellen Medien. Besonders stark in dieser Gruppe vertreten: Die Jungen.

Bereits über 30% aller Menschen in der Schweiz informieren sich ausschliesslich via soziale Kanäle und nicht mehr aus professionellen Medien. Besonders stark in dieser Gruppe vertreten: Die Jungen.

(imago/Westend61)

Im 5. Jahrhundert v. Chr. entstand im antiken Stadtstaat Athen eine der wirkmächtigsten Utopien der Menschheit: Die Idee, dass eine freie öffentliche Kommunikation Vernunft (Logos) und die legitimste aller Gesellschaftsformen sichert - die Demokratie. Nur das, was sich im öffentlichen Abwägen unterschiedlicher Standpunkte durchsetzen kann, so waren die alten Griechen überzeugt, kann mit der Zustimmung aller rechnen. 

Von Mark Eisenegger

Die Verwirklichung dieses Ideals war an klare Bedingungen geknüpft. Es musste mit der Agora, dem Marktplatz der Ideen, einen gemeinsamen Ort der öffentlichen Debatte geben. Die Kommunikation auf der Agora sollte so gestaltet sein, dass sich die "sanfte Gewalt des besseren Arguments" bestmöglich zur Geltung bringen kann.

Mark Eisenegger, Professor für Kommunikationswissenschaft in Salzburg und Präsident des Forschungsinstituts für Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich (fög).

(zvg)

Nicht Status oder Macht sollten den Diskurs beherrschen, sondern die Überzeugungskraft der Argumente. Argumente sollten gegen Argumente getauscht werden und nicht gegen Personen gerichtet sein. Menschen sollten aus unterschiedlichen Kontexten zusammenkommen und die Bereitschaft mitbringen, die eigene Position gegebenenfalls zu revidieren. Nur so konnte sich auf der Agora Schwarmintelligenz einstellen.

Das antike Ideal wurde zum Kern der Aufklärungsbewegung im 18. Jahrhundert. Ohne sie gäbe es keine demokratischen Gesellschaften heutiger Prägung. Indem sich sukzessive eine massenmediale Agora formierte, wurde die Utopie der demokratischen Gesellschaft auf grossflächige Gebiete wie den Nationalstaat übertragbar. Der Aufklärungsbewegung verdanken wir den modernen Rechtsstaat, die Bürger- und Menschenrechte sowie die Einsicht, dass die freie öffentliche Kommunikation die höchste Instanz in der Gesellschaft ist, weil sich vor ihr alle rechtfertigen müssen, auch die Mächtigen der Gesellschaft.

Was ist von der antiken und aufklärerischen Utopie geblieben? Die mediale Agora wankt gewaltig:

1. Immer mehr Menschen bleiben der medialen Agora fern

Bereits ein Drittel der Schweizer Bevölkerung gehört zur Gruppe der so genannten "News-Deprivierten". Diese Nutzergruppe interessiert sich weit unterdurchschnittlich für professionelle Informationsangebote und wenn, dann greift sie auf qualitätsmindere Informationsangebote zurück oder konsumiert News via Social Media (vgl. Jahrbuch Qualität, Ausgaben 2016). Der Anteil dieser Nutzergruppe stieg in den letzten Jahren um bemerkenswerte 10 Prozentpunkte von 21% (2009) auf 31% (2016). 

Zu dieser Gruppe zählen v.a. junge Erwachsene im Alter von unter 30 Jahren. Dieser Medienkonsum hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Gesellschaft. "News-Deprivierte" schenken vor allem Softnews oder bedrohlichen Ereignissen Aufmerksamkeit. Dies macht sie potentiell anfällig für populistische Angstpolitik mit ihren scheinbar einfachen Lösungen.

2. Die Digitalisierung der Agora fördert die Unvernunft

Viele Forscher und Journalisten haben lange geglaubt, dass die Digitalisierung der medialen Agora der Aufklärung zu einem neuen Siegeszug verhelfen würde. Die Hoffnung war, dass im Internet das herrschaftsemanzipierte Räsonnement gefördert und die Demokratie gestärkt würde.

Das Gegenteil ist eingetreten. Anstatt verbindender Gross-Agoren, an denen viele partizipieren, splittert sich das soziale Netz in abgeschottete Kleinst-Agoren auf, in denen Gleichgesinnte zumeist unter sich bleiben. In der selbstgemachten Nestwärme unter "friends" finden auch noch die abstrusesten Ideen Bestätigung.

Anstatt konträre Standpunkte abzuwägen, und dadurch der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen, schaukelt man sich in "Echokammern" wechselseitig hoch. Drastik ersetzt Präzision; Wut verdrängt Geist. Eine Gesellschaft aber, die im kommunikativen Modus der Selbstbestätigung operiert, wird dümmer. Auch die Hoffnung auf herrschaftsemanzipierten Diskurs löst sich im Netz immer mehr in Luft auf. Längst zeigen sich neue Vermachtungstendenzen. 

Die Algorithmen der milliardenschweren Tech-Giganten Facebook, Google und Co. bestimmen essentiell, was dem Nutzer an Informationen vorgesetzt wird. Und der kommunikative Einfluss auf der digitalen Agora ist käuflich geworden: Studien zufolge sind bereits 15% der Diskussionsteilnehmer auf Twitter keine Menschen, sondern Roboter ("Social Bots"), die der gezielten Desinformation dienen.

3. Die mediale Agora ist unter Beschuss

Ausgerechnet jene Medien, die sich am meisten an Qualitätsstandards und am Prinzip der "sanften Gewalt des besseren Arguments" orientieren, werden frontal angegriffen. Das gilt zunächst für die öffentlichen Medien. Vertreter der Verlagshäuser oder der rechtsbürgerlichen Parteien stilisieren die SRG (das öffentlich-rechtliche Medienunternehmen in der Schweiz) zum Hauptproblem der aktuellen Finanzierungskrise der privaten Medien. Dies unter Ausblendung der wahren Ursachen wie der massiv gewachsenen Konkurrenz der globalen Tech-Giganten oder der durch die privaten Medien selbst verschuldeten Gratiskultur.

Dabei kommen dem öffentlichen Rundfunk zusammen mit privaten Medien mit Qualitätsanspruch unverzichtbare demokratische Funktionen zu: Alle Schichten, auch die Minderheiten sollen angesprochen werden, die Akkulturation, das Hineinwachsen in eine neue kulturelle Umgebung, soll unterstützt und die Verständigung zwischen gegensätzlichen Gruppen gefördert werden. 

Doch nicht nur der öffentliche Rundfunk wird attackiert. Es ist in Mode gekommen, professionelle Informationsmedien pauschal als "Medien-Mainstream" oder als "Lügenpresse" abzuqualifizieren. In den USA hat der amtierende Präsident traditionsreiche Qualitätsmedien zu Feinden des amerikanischen Volkes erklärt und ihnen gar den Krieg erklärt. Die mediale Agora derart anzugreifen, bedeutet, an die Grundfeste der Demokratie zu rühren.

Trotz diesen aktuellen Erosionsprozessen auf der Agora gibt es auch Grund zur Hoffnung. Immer mehr Menschen erkennen, dass die Demokratie historisch betrachtet mehr die Ausnahme denn die Regel war, und dass es die heutige Zeit erfordert, die Utopie der alten Griechen zu verteidigen.

Aarauer Demokratietage 2017

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der 9. Aarauer Demokratietage des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA) vom 16./17. März. Das Thema: "Die Rolle der Medien in der direkten Demokratie"externer Link.

Donnerstag, 16. März, 17.30 bis 19.30:

Eröffnungsreferat "Direkte Demokratie in Zeiten individualisierter Meinungsnutzung" von Katharina Kleinen-von Königslöw, Professorin an der Universität Hamburg, 

Danach Podiumsdiskussion mit:

Susanne Wille (Politjournalistin und Moderatorin Schweizer Fernsehen SRF), Roger Schawinski (Journalist und Medienunternehmer/–pionier), Peter Wanner (Verleger AZ Medien) und Iwan Rickenbacher (Kommunikationsberater).

Freitag, 17. März (9.15-15.30):

Forschungstagung mit drei Panels zu den Themen "Medien im Abstimmungskampf", "Rechtliche Rahmenbedingungen der digitalisierten Medienlandschaft" und "Politische Bildung im Zeitalter von Internet und Social Media".

#DearDemocracy, die Demokratie-Plattform von swissinfo.ch, ist Medienpartner der Veranstaltung.

Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten sind ausschliesslich jene des Autors und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken


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Kontaktieren Sie den Autor auf Twitter: @RenatKuenziexterner Link



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