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"Ein Gipfel der deutschsprachigen Welt wäre sinnvoll"

Auch der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy ist in Montreux mit von der Partie.

(AFP)

In Montreux findet im Beisein zahlreicher Staats- und Regierungschefs aus 70 Ländern der Frankophonie-Gipfel statt. Während Bundesrätin Michelin Calmy-Rey den Grossanlass als "Chance für die Schweiz" preist, ist er in der Deutschschweiz kaum Thema.

"Keine Ahnung", "Noch nie etwas davon gehört", "Um was geht es?" - Spricht man in der Bundesstadt die Leute auf den internationalen Frankophonie-Gipfel an, den die Schweiz in Montreux organisiert, erntet man vor allem ratlose Blicke.

"Ich sehe den Sinn eines solchen Treffens nicht ein. Weshalb gerade ein Frankophonie-Gipfel? Meiner Ansicht nach sollten die Romands besser Deutsch lernen", sagt Margrit Westermeier aus Jegenstorf bei Bern.

Derweil plädiert ihr Mann für Toleranz. "Ich finde es gut, wenn man sich für die Erhaltung der Kultur und der Sprache engagiert." Dieser Meinung ist auch eine andere Passantin: "Die französische Sprache ist Teil der Schweiz. Wir müssen uns da solidarisch zeigen."

Umstrittene Kosten

Dass der 13. Frankophonie-Gipfel in der Schweiz stattfindet, wo rund ein Fünftel der Bevölkerung französischsprachig ist, dafür haben äussere Umstände eine Rolle gespielt: Ursprünglich hätte das Treffen in Madagaskar stattfinden sollen. Nach dem dortigen Putsch im vergangenen Jahr war die Schweiz kurzfristig eingesprungen.

Am Gipfel in Montreux werden rund 70 Staats- und Regierungschefs, 3000 Delegierte und Hunderte von Journalisten erwartet. Zum Schutz der Teilnehmer sollen rund 6500 Armeeangehörige zum Einsatz kommen.

Und das lässt sich der Bund etwas kosten: Es stehen ihm für die Organisation des Gipfels insgesamt 30 Mio. Franken zur Verfügung. Das Parlament hatte Aussenministerin Micheline Calmy-Rey für die hohe Kostenveranschlagung und dafür, dass der Bundesrat zuerst im Dringlichkeitsverfahren bei der Finanzdelegation grünes Licht einholen wollte, gerügt: Es kürzte in Folge den Kredit um 5 Mio. auf 30 Mio. Franken.

Erwähnt man die Summe, welche die Schweiz für den Gipfel in Montreux aufwendet, trifft man in Berns Strassen auf Unverständnis. "Das ist ja der Hammer", sagt Anna Stähli aus Bern.

Er finde es "ein bisschen daneben", dass man für einen Gipfel so viel Geld ausgibt, empört sich ein Passant. Er verstehe nicht, weshalb ein solcher Anlass die Schweiz so teuer zu stehen komme, wo das Land doch einen verhältnismässig kleinen Anteil an Romands aufweise.

"Engagement für Dialekt und gegen Anglizismen"

"Ich bin dafür, dass eine Einheitssprache wie Englisch gefördert wird, mit der man weltweit kommunizieren kann", sagt eine junge Zürcherin. "Wichtig wäre es, die Dialekte zu erhalten, die namentlich durch die zunehmende Einwanderung aus Deutschland zurückgedrängt werden", sagt Anna Stähli.

Dieser Meinung ist auch Eva Wüthrich: "Die Dialekte sind die Essenz." Sie plädiert dafür, in der Schweiz allgemein die Sprache bewusster anzuwenden, um einem "Sprachenbrei" entgegenzuwirken. Die Vielsprachigkeit sei schliesslich ein Juwel der Schweiz.

Laut Mark Scherrer sollten sich die Deutschschweiz, Deutschland und Österreich zusammen engagieren, um die deutsche Sprache aufzuwerten – und gegen die Anglizismen anzukämpfen.

Die deutsche Sprache und die Schweiz

Der Schriftsteller und emeritierter Professor für Germanistik der Universität Zürich, Peter von Matt, findet die Idee eines "Commonwealth" für die deutsche Sprache durchaus sinnvoll. "Die Varianten des von den Schweizern, den Österreichern und den Deutschen geschriebenen Hochdeutschs sind alle eigenständig und gleichberechtigt. Das ist viel zu wenig bekannt", so von Matt.

Für von Matt ist die "Situation der deutschen Sprache in der Schweiz heute prekärer als zugegeben wird". Statt Dialekt und Hochdeutsch als eine Muttersprache in zwei Formen zu verstehen, werde der Dialekt zur Muttersprache deklariert und das Hochdeutsche eine Fremdsprache genannt, was jedoch nur für Analphabeten zutreffe.

Die Tendenz, sich um die Hochsprache und ein gutes Deutsch zu drücken, sei gross. "Dieser Ehrgeiz richtet sich heute fast nur auf das Englische. Dabei lebt unsere ganze Kultur von der Teilnahme am grossen deutschen Sprachgebiet", so von Matt.

Wichtiges Netzwerk

Für von Matt macht ein Frankophonie-Gipfel Sinn. Denn auch die französische Sprache sei von der Entwicklung des Englischen zur Welt- und Wissenschaftssprache vielfach bedrängt und bedroht. Daher seien gegenseitige Aussprachen und Informationen wichtig. "Es braucht tatsächlich Massnahmen, um die Anglisierung der Weltkulturen, die an sich ihren guten Sinn hat, in vernünftigen Grenzen zu halten", so von Matt.

Auch könne dadurch das Selbstbewusstsein und die Sprachkultur vieler frankophoner Länder oder Provinzen so aufgewertet werden. Dass der Bundesrat dem Anlass einen so grossen Stellenwert einräumt, liege möglicherweise daran, dass Bundesrätin Micheline Calmy-Rey darin eine Verstärkung der alten, heute etwas beschädigten Vermittlungstradition unseres Landes sehe.

Die Internationale Organisation der Frankophonie dürfte für die Schweiz, die weder der Europäischen Union (EU) noch dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) angehört, auch ein wichtiges internationales Netzwerk sein. Als viertgrösste Beitragszahlerin nach Frankreich, Kanada und der französischen Gemeinschaft Belgiens nimmt sie in dieser Organisation jedenfalls eine wichtige Stellung ein.

13. Frankophonie-Gipfel

In Montreux findet vom 22. bis 24. Oktober 2010 der 13. Frankophonie-Gipfel statt. Gleichzeitig feiert die Frankophonie ihr 40-jähriges Bestehen.

Die Schweiz ist seit 1989 Vollmitglied des Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefs der Länder mit französischer Sprache. 1995 beschloss das Parlament mit grosser Mehrheit den Beitritt der Schweiz zur Internationalen Organisation der Frankophonie (OIF).

Als viertgrösste Beitragszahlerin hinter Frankreich, Kanada und der Französischen Gemeinschaft Belgiens nimmt die Schweiz eine einflussreiche Stellung ein.

Die OIF umfasst 56 Staaten und Regierungen sowie 14 Beobachter aller fünf Kontinente, mit der gemeinsamen Sprache als verbindendes Element.

Generalsekretär ist der ehemalige senegalesische Präsident Abdou Diouf.

Weltweit sprechen 200 Millionen Menschen französisch. Damit steht Französisch an 9. Stelle der am häufigsten gesprochenen Sprachen.

Alle zwei Jahre findet der Frankophonie-Gipfel statt, der die politische Ausrichtung und die grossen Linien der Zusammenarbeit festlegt.

Der letzte Gipfel fand in Quebec, Kanada, statt.

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