"Ein Ort, der die Natur spielerisch reflektiert"

swissinfo.ch

Das Licht, die Leichtigkeit und die Natur sind drei Elemente im Werk von Paul Klee. Sie haben Renzo Piano beim Bau des Zentrums Paul Klee inspiriert.

Dieser Inhalt wurde am 22. April 2005 - 15:45 publiziert

Der italienische Architekt im Gespräch mit swissinfo über seine dreihügelige "Landschaftsskulptur" im Osten von Bern.

swissinfo: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Ihr Atelier den Auftrag für den Bau des Zentrums Paul Klee erhielt, ohne dass ein öffentlicher Wettbewerb durchgeführt wurde?

Renzo Piano: Ehrlich gesagt habe ich mit einem Wettbewerb gar nicht gerechnet. Nicht, dass ich etwas gegen Wettbewerbe hätte, im Gegenteil. Mein ganzes Berufsleben drehte sich um Wettbewerbe. Das Centre Beaubourg – damals war ich 33 Jahre alt, Richard Rogers etwas älter -, der Kansai-Flughafen in Japan, der Potsdamer Platz in Berlin: lauter Wettbewerbe.

Irgendwann hörte ich auf, an Wettbewerben teilzunehmen. Nicht weil ich arrogant wurde, sondern weil man sich mit jedem Einstieg in ein solches Unternehmen ein wenig in das Projekt verliebt. Von einem gewissen Alter an fehlt schlicht die Zeit, sich ständig neu zu verlieben um dann zuzuschauen, wie die Angebetete mit einem Andern davon spaziert.

swissinfo: Von welchen Ideen Paul Klees haben Sie sich bei Ihrem Entwurf für das Museum leiten lassen?

R.P.: Paul Klee war einer der produktivsten und komplexesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er war ausgesprochen vielseitig, was immer wieder zu Missverständnissen führte. Klee erlaubt vieles. Doch er war auch Lehrer am Bauhaus, und zwar ein hervorragender Lehrer.

Das Bauhaus sagte nicht, dass man sämtliche Kunstrichtungen wie in einer Fischsuppe zusammenmischen soll. Seine Lehre zielte auf eine Art Vertiefung und gegenseitige Befruchtung der verschiedenen Disziplinen aufgrund der Grundwerte der Poesie ab. Zum Beispiel Leichtigkeit, Zusammengehörigkeit, Licht.

Klees Werk umfasst alles: Natur, Weizenfelder, Vögel, Ironie, Drama. Ein tiefgründiges, komplexes Schaffen. Und natürlich fehlt auch die Erde nicht. Es ging also weniger darum, ein Gebäude zu errichten, sondern einen Ort zu schaffen, die Erddecke aufzuwerfen, Landschaftskunst zu gestalten. Die Arbeit eines Topografen also, mehr noch als die eines Architekten. Oder einfach die eines weisen Bauern.

swissinfo: Klees Bilder sind in der Regel kleinformatig. Ist ein fast monumentales Museum der richtige Rahmen für sie?

R.P.: Ich bin überzeugt, dass jedes Museum, überhaupt jeder Ort dieser Art etwas Sakrales hat. Es sind Schutzräume. Ein Werk ist definitionsgemäss zerbrechlich, in seiner physischen Existenz bedroht, und das Museum soll das Werk schützen und seinen Fortbestand ermöglichen.

Ebenso sakral ist die kontemplative Seite: Ein Museum ist dazu da, dass der Besucher mit dem Kunstwerk in eine intime Beziehung treten kann. Dazu kommt eine profanere Dimension: die gesellschaftliche Funktion. Das Museum ist ein Ort der Begegnung, wo man auch ein Buch kauft, jemanden trifft, Musik hört oder in die Cafeteria essen geht.

Das Werk von Klee könnte zweifellos in einem kleineren Rahmen gezeigt werden. Dass das Gebäude diese Dimension sprengt, hat mit der Vielfalt seiner Aufgaben zu tun. Riesig ist das Museum allerdings nicht. Es ist ein Ort, der die Natur spielerisch reflektiert.

swissinfo: Warum haben die Ausstellungsräume kein Tageslicht?

R.P.: Klees Werk ist sehr fragil. Oft handelt es sich um Aquarelle auf Papier, oder sogar um Öl auf Papier. Denn wenn er keine Leinwand zur Hand hatte, bestrich er manchmal die Zeitung nach der Morgenlektüre mit Cementit und benutzte sie dann als Malgrund. Darum sind viele seiner Werke heute gefährdet und dürfen nicht dem Licht ausgesetzt werden.

Wir haben deshalb beschlossen, für die Museumsstrasse, die durch die profaneren Bereiche führt, Tageslicht zu verwenden. An der Schwelle zu den Ausstellungsräumen beginnt auch das künstliche Licht, das wir besser kontrollieren können. Gewisse Werke dürfen mit maximal 20, 30 Lux gezeigt werden. Nicht mit 300, 400 Lux, wie dies normalerweise bei Ölgemälden der Fall ist.

swissinfo: Paul Klee sah in Kinderzeichnungen eine besondere Nähe zum ursprünglichen und unverformten künstlerischen Ausdruck. Was bedeutet die Kreativität Ihrer Kinder, Neffen und Nichten für Sie?

R.P.: In meiner Familie ist jedes Alter vertreten. Der Jüngste ist sechs Jahre alt. Die kindliche Kreativität ist fantastisch, und man darf sie nicht zu sehr einengen oder kanalisieren. Wir sind übrigens nie davon ausgegangen, dass die Kinder das Museum besuchen sollen, um zu einer bestimmten Tätigkeit animiert zu werden, sondern, damit sie ihre eigene Unschuld ausleben können.

Ich möchte allerdings keine Missverständnisse aufkommen lassen: Es gibt Leute, die Klees Werk für kindlich halten. Auch so ein Irrtum, der Schule gemacht hat. Ein anderer ist, dass Klee jede Interpretation zulässt. Ein Thema ist das Kindliche seiner Arbeit, ein anderes die Unschuld, die jedoch mit Intensität und Tiefgründigkeit verbunden ist.

swissinfo-Interview, Raffaella Rossello
(Übertragung aus dem Italienischen: Maya Im Hof)

Fakten

Renzo Piano wird 1937 in Genua in eine Bauunternehmer-Familie geboren.

1964 schliesst er sein Architektur-Studium am Polytechnikum von Mailand ab.

Zwischen 1965 und 1970 arbeitet er mit Louis Kahn in Philadelphia zusammen und trifft Jean Prouvé, der ihn stark beeinflussen wird.

1971 realisiert Piano zusammen mit Richard Rogers sein erstes grosses Projekt: das Centre Georges Pompidou (Beaubourg) in Paris.

1977 gründet er mit dem Ingenieur Peter Rice das Büro Piano & Rice. Zusammen realisieren sie unzählige Projekte, bis Rice 1993 stirbt.

1997 baut Piano für die Fondation Beyeler in Basel ein Museum.

Heute leitet er je ein Atelier in Genf, Paris und Berlin. Sie sind unter dem Namen "Renzo Piano Building Workshop" vereint.

End of insertion

In Kürze

Das Zentrum Paul Klee liegt am grünen Stadtrand von Bern.

Es besteht aus drei aneinandergereihten, wellenförmigen Gebäuden, die wie aus der Landschaft gewachsene Hügel wirken. Piano nennt sie eine "Landschaftsskulptur".

Die drei Hügel sind durch eine 150 Meter lange Passerelle, die sogenannte Museumsstrasse, miteinander verbunden.

Neben Kunstausstellungen bietet das Zentrum Paul Klee auch eine Plattform für Musik, Theater, Tanz oder Literatur und für Kongresse sowie Seminare.

End of insertion

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

Diesen Artikel teilen