"Es braucht dringend eine globale Sozialpolitik"

swissinfo.ch

Für Caritas Schweiz ist die soziale Hilfe ein Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Ohne humanitäre Organisationen könnte diese gar nicht funktionieren, sagt Jürg Krummenacher, Direktor von Caritas Schweiz, zum 100jährigen Jubiläum des Schweizer Hilfswerks.

Dieser Inhalt wurde am 31. Mai 2001 - 22:00 publiziert

Caritas Schweiz ist im Verlaufe der vergangenen hundert Jahre zu einem der grössten Hilfswerke in unserem Land geworden. Gemäss ihrem Leitbild will die Organisation "tatkräftig und entschieden am Aufbau einer solidarischen Gesellschaft mitwirken".

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befinde sich die Menschheit an einem historischen Wendepunkt, der mit dem Übergang von der Agrar- in die Industrie-Gesellschaft vergleichbar sei, erklärte Krummenacher gegenüber swissinfo. "Heute erleben wir den Übergang von einer Industrie-Gesellschaft in eine Dienstleistungs- oder Informations-Gesellschaft."

In jüngster Zeit habe sich die internationale Verflechtung wirtschaftlicher Beziehungen stark verdichtet und beschleunigt. So sei eine der grössten Herausforderungen an Hilfs-Organisationen die wirtschaftliche Globalisierung.

Weltweit Not lindern

"Der Begriff Globalisierung täuscht darüber hinweg, dass dieses - keineswegs neue - Phänomen sich weitgehend auf die Industrie-Staaten des Nordens konzentriert, vor allem auf Weltregionen wie die USA, Westeuropa und einzelne Länder im Fernen Osten", sagte Krummenacher.

Die Drittwelt-Länder seien nur zum Teil in diesem Prozess mit einbezogen oder würden, wie das Beispiel Afrika zeige, sogar weitgehend abgekoppelt. "In diesem Sinn vereinheitlicht die Globalisierung nicht nur, sondern sie differenziert und trennt auch." Sie trage so zu einer wachsenden Kluft zwischen arm und reich bei.

Die Globalisierung führe zu einem Bedeutungs-Verlust der National-Staaten und mache eine Neuordnung der Weltpolitik notwendig. "Welche Aufgaben im sozialen Bereich können inskünftig noch die National-Staaten wahrnehmen, wenn sich die Wirtschaft zusammenschliesst, wenn Betriebe, internationale Organisationen immer flexibler werden und ihre Arbeitsplätze dorthin verlagern, wo die Produktion am Günstigsten ist ?"

Die National-Staaten könnten dieser Entwicklung nicht einfach nur mit eigenen Regelungen und Massnahmen begegnen. "Es braucht vermehrt eine globale Sozialpolitik", forderte Krummenacher.

Individualisierung nicht ohne Risiko

Eine Neuausrichtung in der Sozialpolitik sei auch wegen der zunehmenden Individualisierung notwendig, die sich vor allem in Industrie-Staaten - so auch in der Schweiz - breit mache. Diese führe dazu, dass Menschen immer mehr aus ihren traditionellen sozialen Bindungen wie Familie, Sippe, Milieu oder Schicht herausgelöst und auf sich selber gestellt würden.

"Dieser Prozess eröffnet neue Gestaltungs-Spielräume. Er ist aber auch mit Risiken verbunden", fügte Krummenacher hinzu. Menschen mit einer schlechteren Ausbildung und mit weniger wirtschaftlichen Ressourcen liefen zunehmend Gefahr, durch die sozialen Netze zu fallen. "Notwendig sind grundlegende Reformen des Systems der sozialen Sicherheit."

Menschen in Not konkret helfen und gleichzeitig die Ursachen von Not sowie Ungerechtigkeit wahrnehmen und diese, wo immer möglich, an ihren Wurzeln bekämpfen: Dies sei der doppelte Auftrag von Caritas, betonte Krummenacher.

Not hat viele Gesichter

Im Inland unterstützt Caritas Schweiz bedürftige Familien und Alleinein-Erziehende. Sie organisiert Arbeitseinsätze von straffälligen Jugendlichen, Freiwilligen-Einsätze im Berggebiet, Reformen im schweizerischen Strafwesen, Begleitung von kranken und sterbenden Mitmenschen, Projekte zu Gunsten von Arbeitslosen und Hilfe für Flüchtlinge und Asylsuchende.

Im Ausland steht für die Caritas Not-und Überlebenshilfe in Katastrophen-Fällen im Vordergrund. Sie leistet aber auch langfristige Entwicklungs-Zusammenarbeit in Drittwelt-Staaten. Im Jahr 2000 stand der Wiederaufbau nach den Überschwemmungen in Indien sowie die Friedensförderung in vom Krieg gebeutelten Ländern im Vordergrund.

Der Ertrag betrug im Jahre 2000 rund 141'000 Mio. Franken. Die Hälfte des Betrags waren öffentliche Mittel. Die Spenden erreichten ein Höhe von 26 Mio. Franken. Das Hilfswerk ist Mitglied des Caritas-Netzwerks, das weltweit 154 Organisationen umfasst.

Alina Kunz Popper

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