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"Es erstaunt nicht, dass der Krieg wieder losging"

Einschlaglöcher von Raketen aus Gaza in einem Schutzraum in Aschkelon, Israel.

(Keystone)

Der in Israel lebende Schweizer Sozialwissenschafter Ernest Goldberger erlebt den Krieg in Gaza als Gewalt ohne Sinn und ohne Verständnis für die fatalen Folgen in der Zukunft. Die israelische Bevölkerung reagiere auf das Geschehen mit unglaublicher Apathie.

swissinfo: Die Unterstützung der israelischen Bevölkerung für diesen Krieg ist laut den Medien gross. Stimmt das?
Ernest Goldberger: Es stimmt, leider. Die Unterstützung ist sehr spürbar, das Volk liebt politische Führer, die sich stark geben und draufschlagen. Das zeigt sich darin, dass die Arbeiterpartei von Verteidigungsminister Barak seit Beginn des Gaza-Krieges laut Umfragen stark zugelegt hat.

swissinfo: Ist der Krieg also Teil des Wahlkampfes?

E.G.: Absolut. Der Wahlkampf ist sicher eines der Ziele dieses Krieges, es gibt noch andere. So will man dem Gegner eine Lektion erteilen, man will der PLO wieder zur Macht in Gaza verhelfen.

Vor allem aber will man die Scharte des zweiten Libanon-Krieges vom Sommer 2006 auswetzen und das Abschreckungs-Potential der israelischen Armee erneut demonstrieren.

swissinfo: Sie leben in Tel Aviv. Wie ist die Stimmung dort? Wie erleben die Leute diesen Krieg?

E.G.: Das ist eine sehr bewegende Frage. Man stösst auf eine unglaubliche Apathie. Man redet nicht darüber und nimmt das in den Nachrichten so zur Kenntnis. Der Krieg ist kein Thema, er bewegt die grosse Masse nicht. Das ist für mich eine sehr schmerzhafte Beobachtung.

Sogar die Börse hat seit Beginn des Gaza-Krieges um über 10 Prozent zugelegt, was ein Zeichen dafür ist, dass man ihn nicht als substanzielles Geschehnis empfindet.

swissinfo: Wie reagiert die Bevölkerung auf Bilder bombardierter Schulen und des ganzen Elends im Gazastreifen?

E.G.: Die Regierung hat die Lehren aus dem zweiten Libanon-Krieg gezogen und bestimmt ganz eindeutig die Informationsflut. Man sieht diese Bilder nicht oder nur sehr im Hintergrund. Ausländische Journalisten werden nicht nach Gaza hineingelassen und sind einer sehr strengen Militärzensur unterstellt.

Über CNN und Internet sind diese Bilder zwar zu sehen, aber viele wollen sie gar nicht sehen. Sie stimmen ein in die offiziellen Erklärungen der Regierung: 'Wir verteidigen uns nur, wir bekämpfen den Terror, wir haben keine andere Wahl.' Das sind die Klischees, die immer wiederholt werden und die das Volk gerne aufnimmt und sich damit beruhigt.

swissinfo: Aus Gaza werden immer wieder Raketen auf israelisches Gebiet abgeschossen. Wie soll Israel reagieren, um seine Bürger zu schützen?

E.G.: Was Hamas tut, ist verwerflich. Die wahllose Bombardierung von Zivilpersonen ist nicht zu rechtfertigen. Es geht Hamas vor allem darum, die Blockade von Gaza zu sprengen und die politische Führung gegen Israel im Hinblick auf einen zukünftigen Palästinenser-Staat zu übernehmen.

Beide Seiten nehmen keine Rücksicht auf das Wohl der Bevölkerung, weder in Israel noch in Gaza. Es gab einen Waffenstillstand während sechs Monaten, der ist gescheitert, weil Israel die Umzingelung und Erstickung von Gaza nicht aufgegeben hat und nicht gewillt war, mit Hamas zu reden.

Auf der anderen Seite hat Hamas in diesen sechs Monaten über die Tunnels aufgerüstet. Es ist nicht erstaunlich, dass der Kampf wieder losging.

swissinfo: Glaubt die israelische Bevölkerung wirklich, dass die stark in der Gesellschaft verwurzelte Hamas ausgemerzt werden kann?

E.G.: Der Grossteil der Bevölkerung glaubt dies nicht wirklich. Aber das steht für die Leute auch nicht im Vordergrund. Es geht darum, dem Gegner eine Lektion zu erteilen und ihn zu zerschlagen.

Aber der Geist von Hamas wird sicher nicht ausgerottet werden können. Und auch wenn es gelingen würde: Die Geschichte der Kriege in der Menschheit zeigt, dass man dann wieder neue Mittel fände, um den Kampf auf andere Weise fortzusetzen.

swissinfo: Besteht sogar die Gefahr, dass es zu einer weiteren Radikalisierung kommt und Hamas Auftrieb erhält?

E.G.: Diese Gefahr besteht tatsächlich. Es ist so, dass Hamas nicht beliebt ist, auch in der eigenen Bevölkerung nicht. Hamas übt eine Art Terrorregime aus in Gaza, jede Gegnerschaft wird recht brutal unterdrückt. Doch durch diesen Krieg von Israel wird Hamas wieder aufgewertet und man vergisst, was sie der eigenen Bevölkerung antut.

swissinfo: Zur Zeit scheint die Chance für eine dauerhafte Lösung im Nahen Osten quasi aussichtslos. Wie soll es Ihrer Ansicht nach nun weitergehen?

E.G.: Ohne einen sehr, sehr starken Druck von aussen sehe ich keine Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts. Die Lösung muss von aussen kommen, vor allem von den Vereinigten Staaten. Man hofft auf den neuen US-Präsidenten und dass die EU endlich ein bisschen Profil zeigt und den Druck verstärkt.

swissinfo: Wie steht es mit der Einsicht auf beiden Seiten, dass dieser Konflikt durch Waffengewalt nicht zu lösen ist?

E.G.: Im Moment setzen Tonnen von Bomben die Fähigkeit und den Willen, die Zusammenhänge und den eigenen Anteil am tragischen Geschehen zu verstehen, ausser Kraft.

Das tragische Geschehen hat schon 1948 mit der Nakba begonnen und hat auch mit der Besetzung und Besiedlung des Westjordanlandes zu tun und mit der Fremdbestimmung des palästinensischen Volkes. Diese muss unbedingt ein Ende nehmen.

swissinfo: Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?

E.G.: Ich erlebe den Krieg als Irrsinn, als Gewaltspirale, als tief schmerzende Ohnmacht und als erneuten Ausdruck einer gewachsenen gesellschaftlichen Kultur, Probleme mit Gewalt zu lösen.

Er hat Auswirkungen auf das Verhältnis zu den israelischen Arabern, immerhin 20 Prozent der Bevölkerung. Sie müssen zuschauen, wie täglich Verwandte in Gaza sterben. Zudem hat der Krieg Folgen für das Ansehen Israels in der zivilisierten Welt.

swissinfo: Sie bezeichnen sich als untypischen Schweizer Juden in Israel. Sind Sie auch ein untypischer Jude überhaupt in Israel?

E.G.: Soweit würde ich nicht gehen. Die Friedensbewegung ist nicht gestorben. Ich kommuniziere mit vielen Freunden, die meine Ansichten teilen, aber wir sind ganz klar in der Minderheit.

swissinfo-Interview: Gaby Ochsenbein

Krieg in Gaza

Am 27. Dezember 2008 begann Israel mit Luftangriffen gegen Gaza.
Am 3. Januar startete Israel seine Bodenoffensive.

Nach palästinensischen Angaben wurden bislang über 500 Palästinenser, auch Frauen und Kinder, getötet, weit über 2000 Menschen wurden verletzt.

Die humanitäre Lage in Gaza ist dramatisch, die Spitäler sind überfordert, es fehlt an Verbandmaterial und Medikamenten, Strom- und Wasserversorgung sind teils zusammengebrochen.

In Israel wurden mehrere Menschen durch aus Gaza abgeschossene Raketen getötet oder verletzt.

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Ernest Goldberger

Geboren 1931 in Basel.

Er studierte Volkswirtschaft und Soziologie.

1991 wanderte er nach Israel aus.

2004 erschien sein Buch "Die Seele Israels - Ein Volk zwischen Traum, Wirklichkeit und Hoffnung" im NZZ Buchverlag.

Goldberger lebt mit seiner Frau, einer Israelin aus einer jemenitischen Einwanderer-Familie, und seinen Zwillingstöchtern in Tel Aviv.

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Israel

1948: Gründung des Staates Israel

Einwohner: 7,1 Millionen, inkl. Golan und Ostjerusalem

Schweizer: 13'000

Religion: 76% Juden, 20% Muslime, 2,1% Christen, 1,9% andere

Landessprachen: Hebräisch, Arabisch

Handelssprache: Englisch

Regierungsform: Parlamentarische Demokratie

Durchschnittliches Bruttoeinkommen pro Monat: 6750 Schekel (1255 Euro)

Klimazonen: Küstenebene, Bergland, Wüste.

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(swissinfo.ch)


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