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"Früher verhandelte man mit seiner Krankheit"

Blumen zu einem besonderen Tag in einem Berner Spital (Remote)

Der Tag der Kranken 2007 ist Menschen mit einer unheilbaren und chronischen Krankheit gewidmet. Er steht unter dem Motto "Warum gerade ich?"

Eine Frage, die sich Kranke zu allen Zeiten gestellt haben. Vincent Barras studierte anhand ihrer Antworten, wie sich die Beziehung zwischen Gesellschaft und Medizin entwickelt hat.

Barras ging von Medizinlehrbüchern der griechischen Antike, alten Anatomiebüchern und Patientenbriefen aus der Zeit der Aufklärung aus. Ihn interessiert der immer wieder neu aufgenommene Kampf des Menschen gegen die Krankheit.

Barras, Direktor des Instituts für Medizingeschichte und Volksgesundheit am Universitätsspital des Kantons Waadt (CHUV) in Lausanne, weiss in Bezug auf die heutige Medizin nur eines sicher: Es gibt immer mehr Akteure in diesem Bereich – in den Bereichen Versicherungen, Ethik, Rechtsprechung und Theologie.

swissinfo: Was bedeutet "krank sein" verglichen mit der Zeit vor fünfzig oder hundert Jahren?

Vincent Barras: Die Krankheit hat zwei Aspekte. Erstens konnte sie seit jeher als eine Beschränkung der körperlichen und seelischen Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen definiert werden.

Heute ist krank sein aber gleichzeitig ganz anders als 1907 oder 1957. Denn die Interaktionen zwischen dem Menschen und seiner Umwelt weisen kulturelle und soziale Schwankungen auf.

swissinfo: Können Sie ein Beispiel geben?

V.B.: Eine sexuelle Beeinträchtigung gilt heute als Krankheit. Es wurden spezifische Medikamente entwickelt, um diese Art "Schwäche" zu behandeln. Wer in dieser Funktion beeinträchtigt ist, kann sich also krank fühlen, was vor hundert Jahren noch nicht der Fall war. Das war damals kein gesellschaftliches Problem.

swissinfo: Wie Kranke ihre Krankheit sehen, hängt also auch vom gesellschaftlichen Umfeld ab?

V.B.: Genau. Wenn jemand heute eine Lungenentzündung hat, ist das – abgesehen davon, dass die Heilungschancen viel grösser sind – für den Kranken und die Gesellschaft ganz anders als vor 100 oder 200 Jahren. Heute ist es viel skandalöser, wenn jemand an einer Infektionskrankheit stirbt.

swissinfo: Früher wechselten die Reisenden das Zugsabteil, wenn jemand mit Tuberkulose zustieg, der zur Pflege in die Schweizer Alpen kam.

V.B.: Die Tuberkulose ist in der Tat ein gutes Beispiel. Kuren in den Alpen, in der "guten Luft", waren damals das einzige bekannte Mittel zur Erleichterung für Tuberkulosekranke. Diese nahmen die Krankheit als Schicksal an, erlebten aber diese Schicksalhaftigkeit ganz anders, als man das heute tut.

swissinfo: Gehen wir noch weiter zurück. Sie haben Briefe aus dem 18. Jahrhundert studiert. Wie erlebte man damals Krankheiten?

V.B.: Diese Briefe bezeugen, dass sich die Wahrnehmung der Krankheiten mit der Zeit änderte. Beim Lesen ist festzustellen, dass die Kranken früher ihre Leiden leichter mit ihrem Leben, aber auch mit dem Klima und der Natur in Beziehung bringen konnten.

Sie litten meist an langfristigen Krankheiten wie Gicht. Sie verhandelten deshalb mit dem Schmerz, integrierten ihn in ihren Alltag und achteten auf alles, was ihnen Erleichterung bringen konnte. Dieser Aspekt fehlt heute weitgehend.

swissinfo: Lange waren Religion und Medizin nahe beieinander. Heute ist das weniger der Fall. Welche Folgen hat das?

V.B.: Dass wir in einer Welt leben, die von säkularen Gesetzen bestimmt wird, verändert die Beziehung zum Leiden und zum Tod. Heute ist das Erleben der Krankheit weitgehend von der Religion abgekoppelt. Sogar gläubige Menschen erleben die Krankheit auf zwei Ebenen: Einerseits nehmen sie ihre Medikamente, andererseits haben sie das Gefühl, dass Gott ihnen hilft oder aber, dass er sie verlassen hat.

swissinfo: Und wie steht es mit dem medizinischen Fortschritt. Hat er zu einer besseren Akzeptanz der Krankheit bei den Patienten und in der Gesellschaft geführt?

V.B.: Im Gegenteil, die Krankheit wird dadurch eher weniger akzeptiert. Wenn ein ganzes Arsenal zur Verfügung steht, dann nicht, um den Feind zu akzeptieren, sondern vielmehr, um ihn zu schlagen.

Umfragen, wie der Einzelne die Krankheit erlebt, würden vermutlich zeigen, dass nur wenige den Maschinen vollständig trauen. Die Technologie kann auch Angst auslösen, und das ist bei Krankheiten neu.

swissinfo: Ebenfalls relativ neu ist der Begriff der Patientenrechte. Wann trat er erstmals auf?

V.B.: Als das paternalistische Medizinmodell an Macht verlor, in den 1950er-Jahren. Heute ist der Patient nicht mehr eine Sache, die im Bett liegt und dem Arzt ausgeliefert ist, der ihm sein Wissen vorenthält. Er hat vielmehr Rechte über seinen Körper und seine Gesundheit. Damit kamen neue Verhaltensweisen auf, wie das Anstreben von Prozessen wegen ärztlichen Fehlern.

swissinfo: Sie studieren auch die Geschichte der psychiatrischen Konzepte. Fördert der Fortschritt der Chemie in diesem Bereich ein besseres Verständnis der Krankheit?

V.B.: Zunächst muss man wissen, dass früher gewisse psychische Krankheiten oder ein abweichendes Verhalten in der Gesellschaft nicht als Krankheit galten. Heute haben wir Medikamente, die die Stimmung ausgleichen können. Aber ich weiss nicht, ob damit zum Beispiel die Depression akzeptabler geworden ist.

Die Soziologie stellte fest, dass es vor der Entdeckung der Antidepressiva in den 1950er-Jahren viel weniger Menschen mit Depression gegeben hat! Manchmal geht das Medikament der Krankheit voraus.

Ich denke da an das sehr komplizierte Phänomen der Hyperaktivität bei Kindern, wo ich einen Pendel-Effekt sehe: Zuerst wurde ein bestimmter Typ von Molekülen entdeckt, und jetzt gibt es immer mehr Fälle. Man muss sich schon fragen, ob gewisse Krankheiten nicht durch die Gesellschaft verstärkt werden.

swissinfo, Carole Wälti
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)

Es kann jeden treffen

Am Tag der Kranken hat Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey die Schweizer Bevölkerung zur Anteilnahme am Schicksal der Betroffenen aufgefordert.

Oft seien es kleine Zeichen – die Hand der Mutter auf dem Kopf eines fiebernden Kindes, ein Telefonanruf, ein Brief, ein Abstecher in ein Spital - die Grosses bewirkten, sagte Calmy-Rey. Trotz aller medizinischer Fortschritte gehörten Krankheiten immer zu den Begleitern des Lebens.

Calmy-Rey zeigte sich ferner besorgt über die Qualitätsunterschiede der medizinischen Versorgung in verschiedenen Ländern. Sie bezeichnete dieses Gefälle als "schockierend".

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DER TAG DER KRANKEN

In der Schweiz stammt die Idee aus dem Jahr 1939 und von der Ärztin Marthe Nicati.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs arbeitete die Lungenspezialistin in Leysin, einem Kurort in den Waadtländer Alpen, der damals für seine Sanatorien bekannt war.

Als Nicato feststellte, dass die Kranken von ihren Familien und Freunden oft vernachlässigt oder gar vergessen wurden, wollte sie einen Tag zu ihren Ehren schaffen und die Gesunden einladen, am 1. Sonntag im März an die Kranken zu denken.

1943 wurde dieser Tag in der ganzen Schweiz offiziell eingeführt.

Es ist üblich geworden, dass der Bundespräsident oder die Bundespräsidentin sich dazu äussert. Die Rede wird jeweils von den öffentlich-rechtlichen Medien übertragen.

Der "Welttag der Kranken" dagegen findet am 11. Februar statt. Er wurde 1992 von Papst Johannes Paul II. institutionalisiert.

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