Navigation

Sprunglinks

Hauptfunktionen

"Für mich ist Gotthard weltweit unterbewertet"

Von


Steve Lee in seinem Tonstudio in Lugano.

Steve Lee in seinem Tonstudio in Lugano.

Steve Lee, der Sänger der Schweizer Rockgruppe Gotthard, ist in den USA bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Toningenieur und Ex-Krokus-Mitglied Jürg Naegeli spricht über den Star ohne Starallüren.

Auch Jürg Naegeli zeigt sich betroffen und traurig über das unfassbare Ereignis auf der amerikanischen Autobahn und das Verstummen von Steve Lee und seiner unverwechselbaren Stimme.

Naegeli, der zusammen mit dem Gotthard-Produzenten Chris von Rohr mit der Band Krokus Anfang der 1980er-Jahre grosse Erfolge gefeiert hatte, arbeitete in seinem Tonstudio in den Jahren 1997 und 1998 mit Gotthard an den Alben "Defrosted" und "Open" als Toningenieur.

Er kennt die Musikszene als Musiker, Produzent und Tontechniker.

swissinfo.ch: Was machte Steve Lees Stimme so besonders?

Jürg Naegeli: Ganz bestimmt besass sie den von vielen geliebten Sandpapiereffekt. Sie war ein Rock-Reibeisen, das aber gerade bei sanften Balladen bestens zur Geltung kam. Lee hatte etwas von Joe Cockers oder Rod Stewards heiseren Stimmen.

Der einzige Kritikpunkt, den ich nennen könnte, war vielleicht eine gewisse Schärfe. Etwas zu viel Schneidestahl des Brian Johnson von AC/DC an Stelle von Jon Bon Jovis Honigfluss.

swissinfo.ch: Gotthard sind nicht mit knallharten Hardrock-Stücken bekannt geworden, sondern eher mit Softballaden à la Scorpions, wie der Titel "Heaven" zeigt. Welche Bedeutung messen Sie der Band zu?

J.N.: Die Band hat in der Schweiz und in Teilen Deutschlands und Europas wirklich eine grosse Bedeutung erlangt. Leider, und das ist für mich erstaunlich, ging es nicht viel weiter. So wurde Amerika nicht erreicht.

"2 Millionen verkaufte Platten" tönt zwar recht schön. Vergleicht man diese aber etwa mit den Zahlen von Krokus, die über 13 Millionen Alben absetzen konnten, oder gar mit internationalen Riesengrössen, scheint Gotthard für mich unterbewertet.

swissinfo.ch: Würden Sie die Gotthard-Musik als Hardrock oder eher als Pop bezeichnen?

J.N.: Als Hardrock eher nicht. Es gab ja in der Band permanent zwei Abteilungen, jedenfalls, solange ich mit ihnen zusammengearbeitet habe: Den Hardrocker Leo Leoni und den eher sanften Steve Lee, der dann von Chris von Rohr stark gefördert wurde.

Chris hat diese kommerzielle Schiene aufgegleist, die schönen Balladen und die tragende Stimme von Steve eigentlich zum Scheinen gebracht.

swissinfo.ch: Was hat den grossen Durchbruch verhindert?

J.N.: Das ist schwer zu sagen. Dazu gehören viele Komponenten. Wir von Krokus hatten einfach Schwein, dass wir genau zum richtigen Zeitpunkt in den englischen Charts auftauchten, und dann in Amerika die New British Metal-Schiene gefragt wurde.

Das war aber nur gerade am Anfang der 1980er-Jahre so. Wären wir früher oder später gekommen, wäre diese grosse internationale Sache wohl nicht so passiert.

Bei Gotthard scheint alles irgendwie ein bisschen zwischen Stuhl und Bank gefallen zu sein. Die ersten beiden Alben, "Gotthard" und "Dial Hard" waren richtiger Hardrock. Am besten verkauften sich jedoch die Balladen darauf, wie "Angel".

Die wunderschöne Ballade „Heaven“ aus dem Album "Homerun" konnte sich gar als Nummer Eins in der Schweizer Single-Hitparade platzieren – ganz aussergewöhnlich für den Song einer Rockband.

Aber eben, Showbusiness-Produkte aus der kleinen Schweiz werden grundsätzlich weniger ernst genommen, denn Helvetien ist kein traditionelles Show-Land wie die USA oder Grossbritannien.

swissinfo.ch: Trotzdem: Die Band konnte die Menschen bewegen, das zeigt auch ihre grosse, über Jahre treue Fangemeinde. Was macht denn ihr Flair aus?

J.N.: Es liegt an der Zusammensetzung. Es ist gut, wenn verschiedene Typen auf der Bühne sind, wie der wilde Leoni und der liebenswürdige Steve Lee, die Art, wie er sich gegeben hat – auf der Bühne, in Interviews und Shows, aber auch privat.

swissinfo.ch: Er war also ein Star ohne Allüren. Auch Gotthard ist eine Band ohne grosse Allüren, die in der Öffentlichkeit nicht für Schlagzeilen sorgen musste…

J.N.: Ja, und jetzt kommt das Problem: Gerade weil sie nicht für genügend Schlagzeilen gesorgt haben, ist vielleicht der ganz grosse Erfolg ausgeblieben.

Stellen wir uns vor, die Rolling Stones hätten keine Drogenexzesse gehabt, die Beatles wären nicht zum Guru gegangen, oder Lady Gaga käme nicht in diesen Outfits daher…

Es braucht einfach auch "externe" Showeffekte neben der Musik, die für die Medien interessant sind. Eine positive Meldung wird kaum so gross herausgebracht wie irgendein kleines Skandälchen, nicht? Und mit häufigen Schlagzeilen steigt auch die Bekanntheit.

swissinfo.ch: Dann waren Gotthard also zu brav, zu schweizerisch?

J.N.: Ja, ich vermute es. Die rein musikalische Leistung reicht meist nicht. Zwar geht es in der Hauptsache ums Songwriting, das AAA der ganzen Musik. Aber wenn da nicht noch ein "Heaven++" kommt, braucht es zusätzliche Gimmicks, um weltweite Bekanntheit zu erlangen.

swissinfo.ch: Wie geht es jetzt weiter mit Gotthard? Kann die Band einfach so weiter machen – Steve Lee war doch ihr Aushängeschild?

J.N.: Ich glaube nein. Klar gibt es andere gute Sänger; aber so eine charaktervolle Stimme wie Steve Lee hat dann eben nur sehr selten einer.

Klar ist es nicht nur der Sänger. Es ist die Kombination Band mit einem charakteristischen, sehr starken Frontmann. Das war das Geheimnis von Gotthard. Und das war und ist zum Beispiel auch das Geheimnis von Krokus.

swissinfo.ch: Gibt es Aufnahmen von Steve Lee, die bisher nicht veröffentlicht wurden, aber nun auf den Markt geworfen werden könnten?

J. N.: Ja, ich denke, Gotthard haben sicher noch einige Studioaufnahmen und Demos, die man wohl vermarkten wird. Da ist auch nichts Schlechtes dabei. Solange aber die Trauer so gross ist, spricht man wohl kaum schon darüber.

Ich habe mit Steve Lee schon vor über zehn Jahren im Hinblick auf ein Soloalbum einen Song aufgenommen, mehr als Demo. Ich hätte mit ihm gerne weitere Songs produziert.

Eine wirkliche "Killer-Balladen-CD" hätte man gut realisieren können. Es ist wirklich unfassbar traurig, dass wir Steve hier unten nie mehr werden singen hören!

Schweizer Aushängeschild

Gotthard ist eine Hard-Rock-Band aus dem italienischsprachigen Südschweizer Kanton Tessin.

Das Debütalbum erschien 1992 und wurde in der Schweiz zu einem riesigen Erfolg.

Unter der anfänglichen Obhut von ex-Krokus-Bassist Chris von Rohr avancierte die Band in den 1990er-Jahren zum Aushängeschild des Schweizer Hard Rock.

Zum Bandnamen Gotthard: Mit Gotthard ist nicht nur das Gebirgsmassiv der Schweiz gemeint, auf Englisch ergibt 'Got Hard' noch einen zweiten Sinn.

Infobox Ende

swissinfo.ch


Links

subscription form Deutsch

Aufruf, den Newsletter von swissinfo.ch zu abonnieren

Melden Sie sich für unseren Newsletter an und Sie erhalten die Top-Geschichten von swissinfo.ch direkt in Ihre Mailbox.

×